Pflege 4.0

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Ein aus Stein gehauener Engel

Über Nacht wurde meine Großmutter zum Pflegefall. Für uns, die wir gemeinsam mit meinen Großeltern ein kleines Häuschen bewohnten, war es selbstverständlich, dass wir uns abwechselnd um sie kümmerten. Als sie ein paar Monate später an einem 1. Weihnachtstag verstarb, hat es uns das Herz zerrissen. Mein Großvater hat sich davon nicht mehr erholen können. Mit jedem weiteren Tag seines Lebens verfiel er zusehends und war nach kurzer Zeit ebenfalls pflegebedürftig.

Sieben Jahre hat meine Mom ihn gepflegt. Wenn sie mal mit meinem Dad ausgehen wollte, hatten wir Kinder „Dienst“. In den sieben Jahren waren meine Eltern nie im Urlaub. Irgendwann ermöglichte das mein Onkel: »Erholt euch mal. Ich nehme Papa für drei Wochen zu mir.« Nicht einmal eine Woche waren meine Eltern weg, da ist mein Großvater verstorben. Das war vor über 30 Jahren.

Als meine Mutter erkrankte und der Pflege bedurfte, habe ich oft versucht mich zu erinnern, aber ich konnte solche Gedanken nicht finden: Nie haben wir über ein Pflegeheim gesprochen. Nie hat jemand in unserer Familie das in Erwägung gezogen. Ich denke, damals dachten die Menschen anders.

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit einem Kollegen. Wir sind im selben Betroffenheitsmodus. Seine Mom wohnt ebenfalls in einem Seniorenheim. Auch er sagte: »Früher wurden pflegebedürftige Menschen von ihrer Familie betreut. Es gab ja auch kaum Pflegeheime.«

Kann es sein, dass eine Familie heute nur noch aus zwei Generationen besteht? Familie 2.0? Was hat sich in dieser, meiner Generation geändert?

Heute gibt es mehr Pflegeheime. Ich finde das nicht schlecht. Im Gegenteil. Auch wenn das meine Fragen nicht beantwortet. Was ich aber wirklich grauslich finde ist, dass wir offensichtlich nur noch nach materiellen Werten streben, dass wir alles durchtakten, damit wir nur genug davon bekommen. Keinen Bereich lassen wir davon aus. Auch nicht die Pflege. Wir könnten etwas verpassen. Und noch schlimmer, wir könnten etwas nicht haben.

Die Hauptsache ist, die Zahlen stimmen. Wie es den kranken und pflegebedürftigen Menschen dadurch geht, wie es den Pflegerinnen und Pflegern in den Krankenhäusern und in den Pflegeheimen dadurch geht, das ist – ganz offensichtlich nicht entscheidend. Das eigentliche Ziel, hilfsbedürftigen Menschen zu helfen – das hat keine Priorität. Pflege 4.0 halt.

Ihr glaubt mir nicht? Dann guckt Euch Die Anstalt vom 5.12.2017 an.

Wenn mit schlechter Pflege gutes Geld verdient wird. #dieanstalt über eine System, dass nicht die alten Menschen pflegt, sondern den Notstand…

– Claus von Wagner, twitter.com/clausvonwagner

Kennt Ihr careslam.org? Kannte ich bislang auch nicht. Worum es sich dabei handelt? Hier ein Beispiel: Sabrina Maar.