Mit der Sprache des Herzens

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Sonnenblume

Warum grüßen sie mich, aber meine Mutter nicht?

In den vergangen Tagen hatten wir wunderbares Spätsommerwetter. Da ich Urlaub hatte, pilgerte ich morgens zum Seniorenheim, holte meine Mom ab, und gemeinsam rollerten wir durch Lügde. Rollerten? Meine Mom kann nicht mehr gehen und hat auch nur noch wenig Kraft. Daher ist sie auf den Rollstuhl angewiesen.

Obwohl Lügderin erkannte sie nicht einmal mehr die Kilianskirche, sozusagen das Wahrzeichen von Lügde. Aber sie freute wie ein Kind über die Sonne und die schönen Ecken von Lügde. Und sie kicherte, wenn ich mal wieder: »Huch!« rief, weil der Rollstuhl aufgrund irgendeiner Unebenheit schwankte oder holperte.

Wenn an Demenz erkrankte Menschen auch sehr viele Dinge nicht mehr erkennen oder zuordnen können, aber sie haben noch ein Gefühl für Schönheit – aber nicht nur für Schönheit …

Natürlich begegnen wir bei unseren Ausflügen vielen Mitmenschen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die allermeisten Menschen mich ansehen und grüßen, aber meine im Rollstuhl sitzende Mutter nicht. Bewusst ist mir das geworden, weil ich das auch bei Lügder*innen beobachtete, die eher meine Mom als mich kennen.

Meine Mutter hat aufgrund ihrer Erkrankungen sicherlich keinen der Menschen erkannt, denen wir begegneten. Aber sie hat sie fast immer gegrüßt. Vielleicht, weil auch ich meistens gegrüßt habe. Ich weiß es nicht.

Wir passierten eine Parkbank auf der eine junge Dame mit sehr dunkler Hautfarbe saß. Vor ihr stand ein Kinderwagen den sie sanft hin und her bewegte. Noch bevor wir sie grüßen konnten, tat sie es – und schaute dabei zuerst meine Mom an.

An ganz anderer Stelle trafen wir einen jungen Mann der sein Kind begleitete, das vermutlich gerade das Fahrradfahren erlernte. Auch sie hatten eine sehr dunkle Hautfarbe. Der junge Mann sah meine Mom und dann mich an und sagte, ebenfalls mit sehr freundlichem Ton: »Guten Tag!«

Ja, ganz klar, ich bin im Betroffenheitsmodus. So nenne ich Situationen, in denen Menschen sich im Laufe ihres Lebens befinden können, und dort anders, meist empfindsamer auf alles reagieren, was die Situation, was das Thema betrifft. Eltern, die ihr Kind im Kindergarten wissen, werden das Thema Kindergarten mit anderen Augen beobachten, als Eltern, deren Kinder längst erwachsen sind. Eltern, die ein Kind in der Grundschule haben, werden alles was sich um das Thema Grundschule dreht mit Argusaugen beobachten. Und so weiter.

Bist du im Betroffenheitsmodus, bist du meist auch sensibler was die Situation betrifft, in der du dich befindest. Mein Betroffenheitsmodus: Sohn einer an Demenz erkrankten Mutter.

Ich weiß nicht wie ich reagieren würde, wenn ich mich nicht in dem Betroffenheitsmodus befinden würde. Würde ich dann jemanden der in einem Rollstuhl sitzt, mit dem ich möglicherweise sogar zur Schule gegangen bin, von dem ich aber weiß, dass er an Demenz erkrankt ist und fast niemand mehr erkennt anschauen und grüßen? Oder würde ich nur seine Mutter die den Rollstuhl schiebt beim Grüßen angucken? Ich vermute, dann könnte ich nur die zweite Frage mit Ja beantworten.

So einem Betroffenheitsmodus liegt immer ein Beipackzettel bei. Ein Kapitel findet man auf fast jedem dieser Zettel, das Kapitel mit der Liste möglicher Nebenwirkungen. Viele Punkte auf dieser Liste sind übel, aber oft gibt es darunter auch eine „Nebenwirkung“, der man sich ruhig in Gänze hingeben kann: die Chance dabei zu lernen. Ja, wenn man so will, ist das auch eine Form von „lernen durch Schmerzen“.

Ich komme auf den Satz zurück, den ich weiter oben schwurbelte: Wenn an Demenz erkrankte Menschen auch sehr viele Dinge nicht mehr erkennen oder zuordnen können, aber sie haben noch ein Gefühl für Schönheit – aber nicht nur für Schönheit …

… sie haben auch ein Gefühl für Dein Gefühl.

Ich glaube, viele von ihnen spüren sehr gut, wie du ihnen begegnest. Wenn sie auch nicht mehr wissen wer du bist, aber sie verstehen die Sprache des Herzens. Öffne es, und es wird für sie so sein, wie die wärmenden Sonnenstrahlen an einem wunderschönen Spätsommer.

Anders ausgedrückt: Du kannst sie ruhig anschauen und ansprechen. Sei nicht enttäuscht, wenn sie Dich nicht erkennen. Schenk ihnen Freundlichkeit, sie werden es dir danken, sichtbar oder nicht …