Kleinvieh macht auch Mist

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Eine Schnecke auf nasser Straße

Worum geht es? Fahrradfahrer und Autofahrer führen im Straßenverkehr nicht unbedingt so etwas wie eine gleichberechtigte Partnerschaft. Das juckt die Autofahrer wenig. Denn sie sind den Fahrradfahrern zahlenmäßig überlegen, benutzen ein wesentlich kräftigeres Gefährt und haben eine viel größere Fan-Gemeinde.

Jedoch: Fahrräder nehmen wesentlich weniger Verkehrsfläche in Anspruch und benötigen viel weniger Parkfläche als Autos. Das heißt, für Fahrradfahrer müssen viel weniger Flächen versiegelt1 werden. Dadurch kosten sie dem Steuerzahler viel weniger. Fahrräder haben keinen Auspuff, verpesten also nicht die Umwelt. Fahrradfahrer tun etwas für ihre Gesundheit, tragen also dazu bei, den Krankenkassen weniger auf den Kassen zu liegen. Das sind nur ein paar Argumente. Die Liste ist länger.

Im Straßenverkehr bewege ich mich als Fußgänger, Fahrradfahrer und Autofahrer. Doch die vielen Argumente, die für das Fahrrad als Fortbewegungsmittel sprechen, sind es, weshalb ich mich der wesentlich schwächeren Fan-Gemeinde der Fahrradfahrer zugehörig fühle.

Und wenn ich hier von der Diskrepanz zwischen Autofahrern und Fahrradfahrern schreibe, dann nicht, um Autofahrer zu dämonisieren. Ich bin ja auch Autofahrer. Vielmehr möchte ich bei den Autofahrern um Verständnis werben. Denn nach meinen Beobachtungen ist vielen Autofahrern die Liste der oben aufgeführten Argumente gar nicht so bewusst.

Vor ein paar Tagen führte ich eine Diskussion über das Thema Fahrradhelme. »Warum müssen wir Fahrradhelme aufsetzen? Um das Gewissen der Autofahrer zu beruhigen? Fahrt doch einfach langsamer und vorsichtiger! Und wenn ihr wegen Dunkelheit und schlechter Witterung schlecht sehen könnt: fahrt noch vorsichtiger und langsamer.« Das sind solche rhetorischen Fragen und Provokationen, die ich in dem Zusammenhang gern mal einsetze. Meine Gesprächspartnerin hat das an meinem Gesichtsausdruck auch erkannt. Was mich an dieser Diskussion gefreut hat ist, dass ich sie ganz offensichtlich zum Nachdenken gebracht habe. Die Argumente seien ihr nicht bewusst gewesen, sagte sie. Und fast immer, wenn ich mich mit begeisterten Autofahrern unterhalte, habe ich diesen Eindruck.

Oft bin ich nach solchen Diskussionen schon angeblafft worden: »Soll ich jetzt die 25 Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren?!«, oder: »Du hast gut reden, du hast ja bis zum Arbeitsplatz nicht mal fünf Kilometer!« Antwort auf die Frage: nein. Stellungnahme zur Feststellung: stimmt.

Pendler frage ich an der Stelle jedoch immer: »Wie siehts aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln? Kannst du auch mit dem Bus oder der Bahn fahren?« Auch dann werde ich mitunter böse angeguckt. Was ich meistens gut nachvollziehen kann. Denn auf die tollen, flexiblen Arbeitzeiten können öffentliche Verkehrsbetriebe nur schlecht individuell passend reagieren. Das ist aber ein anderes Problem, das hat nichts mit Fahrradfahrer, gleichwohl aber mit der großen Fan-Gemeinde der Autofahrer zu tun. Die Politik setzt lieber auf die Autofahrer als auf Bus- und Bahnfahrer2. Wegen der Lobby und der Stimmen – Ihr versteht. Ich provoziere mal wieder: Wenn man so will, schaffen sich die Autofahrer hier ihre eigene Ausrede.

Also, es geht mir nicht darum, jeden Auto fahrenden Pendler jetzt zu verdonnern, künftig verdammt noch mal mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Mir geht es zunächst um die kleinen Dinge. Muss man wirklich sechs Brötchen mit dem Auto vom drei Kilometer entfernt backenden Bäcker holen? Muss man wirklich um dreieinhalb Briefumschläge in den nächsten Briefkasten zu werfen, das Auto anwerfen? Müssen die Kinder tatsächlich zur zwei Kilometer entfernt liegenden Schule mit dem Auto gebracht werden, weil es regnet oder weil sie verschlafen haben? Muss man wirklich um ein paar Scheine aus dem Geldautomaten zu holen mit dem Auto fahren und obendrein noch direkt vor der Bank im Halteverbot parken?

Kleinvieh macht auch Mist. Wann immer wir es uns verkneifen können den Automotor anzuschmeißen, und stattdessen zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu fahren, helfen wir der Natur, dem Klima und uns. Wobei …

Manchmal, wenn ich stink-sauer auf Autofahrer bin, ersinne ich mir Strafen. »Du hast mir die Vorfahrt genommen! Zur Strafe fährst du morgen mit dem Fahrrad. Fünf Kilometer in vier Meter Abstand hinter einem Diesel.« – Wenn ihr wüsstet, wie ihr stinkt, denke ich jeden Tag, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin und mich zwischen den Autos bewege. Darum meide ich dann auch autolastige Straßen.

Übrigens: Habt Ihr auch von der Geschichte gelesen? Ein Bauer aus Peru klagt gegen RWE, weil die RWE-Kraftwerke in Deutschland CO2 in die Atmosphäre pusten und so den Klimawandel vorantreiben. Hä?!, denkt ihr, spinnt der?! Nüja. Jetzt malt Euch mal aus, die Gerichte geben solchen Menschen, die gegen die Klimasünder klagen, immer häufiger recht. Wer ist dann auch bald dran? Für so abwegig halte ich die Geschichte nicht.

Machen wir uns nichts vor: Autos wie wir sie kennen und lieben, haben keine Zukunft. Ich frage mich manchmal, warum das so wenige Menschen, vor allem Politiker sagen: Was wollt ihr, dass uns das Klima nicht krachend auf unseren Schädeldecken zusammenbricht oder solche Autos? Ihr habt die Wahl. Beides geht nicht. Vielleicht bin ich aber auch nur viel zu einfach gestrickt und kann desseswegen so komplexe Zusammenhänge nicht überblicken.

Apropos Weihnachten und Beleuchtung. Ich hatte ja erwähnt, dass ich jetzt für Euch Autofahrer den Weihnachtsbaum mache.

Eine Jacke mit Reflektorbänder

Soll heißen, dass ich morgens zirka eine halbe Stunde früher aufstehe, um mir den Weihnachtsschmuck anzulegen.

Ein Rucksack mit Reflektorbänder

Früher war weniger Lametta.

»Volker, das machst du doch auch für deine Sicherheit«, meinte neulich eine liebe Kollegin. Stimmt. Natürlich weiß ich, dass man in dieser dunklen Jahreszeit mit diesen Wetterverhältnissen froh ist, wenn man Radler und Fußgänger früher sieht. Und das meine ich nicht nur als Autofahrer. Auch als Fahrradfahrer wundere ich mich manchmal, wie spät ich dunkel gekleidete Fußgänger erkenne.

Und neulich fuhr doch da tatsächlich ein Radfahrer vor mir durch die Finsternis, bei dem einzig der Reflektor am nicht funktionierendem Rücklicht seine Anwesenheit verriet. Aber: 88% aller Radfahrenden haben eine einwandfreie Beleuchtung, schrieb Andreas vergangene Woche. Okay, das war eine regionale Erhebung. Allerdings sind nach meiner Einschätzung Fahrräder mit unzureichender Beleuchtung eher die Ausnahme.

Wie auch immer, bedankt haben sich die Autofahrer für meine Weihnachtsbaumaktion nicht. Mir wurde in dieser Woche trotzdem mehrfach die Vorfahrt genommen. Ja, ich weiß: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Ich bin auch nicht ohne Sünde. Aber noch mal: Niemand hindert uns daran, es künftig besser zu machen.

Zum Intro-Foto: Ich finde das passt recht gut zum Thema. Stellt Euch mal das Schneckerl ohne dem leuchtenden Wohnwagen vor.


  1. Dass das Versiegeln von Flächen ein Modetrend ist, habe ich hier schon häufiger erwähnt. Jüngst zum Beispiel hier: Wir, und das Insekten- und Vogelsterben [return]
  2. Fahrradfahrer-Fans finden nach meiner Einschätzung bei der Politik überhaupt nicht statt. Und wenn nur in Sonntagsreden und in Alibi-Programmen wie Stadtradeln, oder Radeln fürs Klima. [return]