Ich muss mich mehr bewegen

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Vor 10 Jahren bin ich noch regelmäßig gejoggt – drei bis viermal wöchentlich. Meine Laufstrecken waren zwischen zehn und 20 Kilometer lang. Die Länge der Strecken und die Streckenführung variierte ich je nach Zeit, Lust und Befinden. Die Laufstrecken befinden sich in drei unterschiedlichen Gebieten und führen zu 98 Prozent entlang von Feldern und durch Wälder – also weit weg von belebten Straßen und Wegen.

Im Laufe meines JoggerLebens, das waren immerhin über 20 Jahre, lernte ich jeden Busch und jeden Baum auf meinen Strecken mit Vornamen kennen. Das ist, so könnte man meinen, doch ziemlich eintönig. Wo bleibt da die Abwechslung?

In einer Zeit, in der sich die Dinge nahezu minütlich ändern, überholen, überschlagen; in einer Zeit in der wir süchtig nach diesen Veränderungen sind, süchtig nach laut, schrill, bunt; süchtig nach Hype und Trash – da klingt das ziemlich langweilig: drei bis viermal wöchentlich bis zu 20 Kilometer, möglicherweise entlang derselben Strecken zu joggen. – War es aber nicht. Nicht für mich.

Nun gibt es ja unterschiedliche Gründe, warum einige Leute joggen. Mein JoggerLeben begann zeitgleich mit meinem Berufsleben. Acht Stunden am Schreibtisch sitzen, und das fünfmal die Woche, das kann dem Chassis auf Dauer nicht bekommen. Ich muss meine Knochen mehr bewegen, konstatierte ich seinerzeit.

Genau genommen war das kein Neubeginn für mich. Ich habe mich schon immer gern „bewegt“. Schon durch den Geburtskanal bin ich mit dem Fahrrad radelnd herausgekommen. Beispielsweise. Fahrradfahren war also als Kind schon mein Ding.

Dabei war ich nie ein guter Sportler (obwohl). Zumindest die Sportlehrer in den weiterführenden Schulen waren dieser Meinung. Heute rechtfertige ich mich gern damit, dass die, wie die meisten meiner Mitschüler, nur Fußball im Kopf hatten. Und mit Fußball hatte ich nie etwas am Hut. Aber mal im Ernst: Wenn ich darüber nachdenke was wir früher im Sportunterricht gemacht haben, dann fällt mir als erstes Fußball ein, als zweites auch, und als drittes Zirkeltraining.

Tja. Während die allermeisten meiner Mitschüler*innen mit dem Bus zur Schule gefahren sind, bin ich, zu jeder Jahreszeit mit dem Fahrrad angereist. Aber das zählte nicht. Allerdings bin ich auch nie auf die Idee gekommen, das in die Waagschale zu werfen. Der Grund war schlicht und schlank, dass ich es hasste, in diesen bis unters Dach vollgepfropften Bussen zu fahren. Und ich habe mich halt schon immer gern „bewegt“. Sagte ich das bereits? Tschuldigung.

Ach ja richtig, ich war ja beim Thema Joggen, und dass das für mich nicht eintönig war. Am einfachsten kann man sich das vorstellen, wenn man sich in einen schönen Mischwald träumt, und davon vier Bilder aufnimmt – der Wald im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Derselbe Wald, und trotzdem ganz unterschiedlich. Fügt man zu jeder Jahreszeit noch Bilder von unterschiedlichen Tageszeiten hinzu, und ergänzt diese jeweils mit Bildern von unterschiedlichen Wetterbedingungen, dann haben wir bereits eine Bilderserie, die bestimmt nicht eintönig ist.

Doch ich habe nur vom Sehen geschrieben. Jedes dieser Bilder müssten wir noch anreichern mit den Geräuschen, den Gerüchen und den Wahrnehmungen über die Haut.

Stichwort: „Eintönig“. Ich denke gerade an die Geräusche, wenn der Regen über die Blätter auf den Waldboden herunterfällt. Das klingt im Frühjahr tatsächlich anders als im Herbst. Was sich leicht verdeutlichen lässt, wenn man sich vorstellt, wie viel Laub jeweils auf den Bäumen ist – entsprechend ist auch die Lautstärke eher oben oder unten. Wenn die Blätter noch jung und weich sind, erzeugt der darauf fallende Regen andere Töne, als auf Blättern, die schon zu trocknen beginnen.

Jetzt denkt noch an den Wind, der durch die Blätter rauscht, und an den Gesang der Vögel, das Rascheln der Waldtiere und so weiter. Eintönig ist das nicht. Ich finde, das ist Musik. Gibt es eigentlich schon einen Namen für diese Musikrichtung? Natur-Musik?

Interessant finde ich auch die Gerüche zu den unterschiedlichen Zeiten. Ein Wald riecht morgens anders als abends. Zwischen den Feldern riecht es wiederum anders. Auch jede Jahreszeit hat ein riesiges Repertoire an typischen Gerüchen zu bieten. Du musst dich nur darauf einlassen. Wenn ich den Geruch von Waldböden beschreibe, muss ich oft an Whiskey-Tastings denken: modrig, erdig, lehmig, muffig, torfig.

Es gab eine Zeit, in der ich recht häufig gefragt worden bin: »Gehst du eigentlich in die Kirche?«1 Mich hat die Frage jedesmal sehr gefreut – gab sie mir doch die Gelegenheit zu antworten: »Oh ja, regelmäßig!« Mitunter habe ich auch erklärend hinzugefügt: »Ich gehe in die Kirche, die – wer immer das auch ist – Gott himself errichtet hat.«

Aber Ihr merkt schon, mit meinem ursprünglichen Motiv – nicht einzurosten – hatte meine Liebe zum Joggen sehr schnell nichts mehr zu tun. Wie gesagt, Joggen war das eine …

Ich habe auch jede Woche Squash gespielt, und bin wie verrückt durch die Landschaft geradelt – ob mit dem Rennrad, oder später mit dem Mountainbike. Dabei ist mir eines immer klarer geworden: Je langsamer die Bewegung, desto achtsamer kannst du sein. Es ist ein Unterschied, ob du mit dem Auto durch die Gegend braust, mit dem Fahrrad fährst, joggst oder „nur“ wanderst.

Leser*innen, die wie ich gern fotografieren, werden mir sofort zustimmen können. Bei welcher der vier genannten Fortbewegungsarten wirst du wohl mehr Fotos aufnehmen?

Gleichwohl, ich glaube, dass sowohl das Joggen als auch das Wandern die Sinne schärft. Aber nach meiner bisherigen Erfahrung hat nur das Joggen etwas von Meditation. Ich muss jedoch dazu sagen, dass ich zum weit überwiegenden Teil allein gejoggt bin. Dann brauchst du nur einen „Gang einwerfen“, und der Rest bleibt für die Wahrnehmung.

Vielleicht habt Ihr es schon geahnt, und Ihr habt recht: Trotz all der „Bewegung“, ich habe nie an einem Volkslauf oder bei einem Triathlon-Wettbewerb teilgenommen. Ich habe nie einen Tachometer am Rad gehabt, und beim Joggen nie eine Uhr getragen. Und ich würde mir auch niemals einen Fitness-Tracker umbinden. Ich mag mich nicht in Zahlen ausgedrückt wissen.

Ich glaube, Wettbewerbe in der Freizeit sind die verlängerten Arme der Leistungsgesellschaft – Training für den dort herrschenden Konkurrenzkampf, der leider viel zu oft vielen Menschen das „Genick bricht“. Was macht das mit unseren Gedanken, unserem Charakter, wenn nur Gewinner zählen – nur die, die oben stehen?2

Wenn ich heute auf meine „Laufbahn“ als „Sportler“ zurückblicke, bin ich für vieles unglaublich dankbar. – Ich bin dankbar, dass ich gesund bin, und dass ich so viele Sportarten ausüben konnte, und dabei viele Dinge beobachten konnte, die „eigentlich“ nichts mit Sport zu tun haben. Okay, mittlerweile sind Squash und Joggen nicht mehr drin, aber hey, Yoga hat mich gefühlt so gelenkig werden lassen, wie ich es als kleiner Junge zuletzt war. – Ich bin dankbar, dass ich in einem Land lebe, indem ich ohne Angst haben zu müssen, durch die Gegend laufen kann. – Und ich bin dankbar dafür, dass ich in dieser wunderschönen Landschaft lebe.

Und jetzt bin ich endlich bei dem, womit alles angefangen hat. Ja, ja, das war wieder übertrieben. Begonnen hat es mit dem Foto da oben. Es ist mein Foto der 27. Kalenderwoche. Ich habe es aufgenommen, als ich morgens die Lügder Emmerwiesen entlang geradelt bin. Als ich das Foto meiner Freundin zeigte meinte sie: »Ja, es ist oft wirklich von Vorteil, wenn man mit dem Fahrrad statt mit dem Auto fährt.«

Tja nun, ich liebe die Natur! Habe ich auch schon gesagt? Verflixt.


  1. Während ich das geschrieben habe, ist mir aufgefallen, dass mir die Frage in den jüngsten, zurückliegenden Jahren nicht mehr gestellt worden ist. Warum auch immer … [return]
  2. Ja ich weiß, darauf habe ich kürzlich erst hingewiesen. Aber bestimmt werde ich noch häufiger darauf rumreiten. [return]