Ich bin dann mal yogen

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Einbeinstand übende Enten

Wie das „Elend“ seinen Anlauf nahm …

März 2007. Meine Kollegin so: »Habe am Wochenende an einem Yoga-Schnupperkurs teilgenommen. War gut. Melde mich mal bei der Yoga-Lehrerin für eine Probestunde an. Willst du mit?« Ich, grübelnd: Yoga? Yoga ist was für [PIEP!] Außerdem: Ich mache Sport. Reichlich. Joggen, Gymnastik, Fahrradfahren und so weiter. Meine Kollegin, sie hat vermutlich das Rappeln in meinem Kopf gehört: »Yoga tut dir bestimmt gut. Gerade jetzt, nach der großen Operation. Mit Yoga kannst du es ganz langsam wieder angehen lassen.« Ein bisschen habe ich mich noch gewunden. Doch dann hatte sie mich soweit. Wir sind zur Probestunde …

Yoga ist schwer zu definieren

Yoga ist nicht wie Fußball. Wenn du jemandem sagst, dass du Fußball spielst, dann weiß jeder Bescheid. Ein Ball, zwei Teams, in jedem elf Spieler*innen, und so weiter. Okay, ich kann bis heute nicht erklären, was eine Abseitsfalle ist, aber ich weiß, das hat was mit Fußball zu tun.

Wenn du aber jemandem erzählst: »Ich mache Yoga«, dann hat auch jeder eine Vorstellung davon, was das ist, dieses Yoga. Nur ist das, was die Menschen unter Yoga verstehen, so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Die einen sehen dich mit geschlossenen Augen im Schneidersitz hockend, wobei du ständig das Om in den ungeschützten Raum hineinbrasselst, und die anderen sehen dich bei einer Art Gymnastik, mit schrecklich ungesund aussehenden Verrenkungen.

Falsch ist das alles nicht. Hier in unseren Breitengraden wird sehr viel unter der Überschrift Yoga angesiedelt. Das führt dazu, dass mich einige Menschen milde belächeln, wenn ich erzähle, dass ich Yoga übe. Vielleicht würden sie es nicht tun, wenn sie denn wüssten, welche Form von Yoga ich praktiziere.

Mir ist das früher nicht anders gegangen. Wie ich eingangs schon andeutete, ich habe Yoga früher auch als esoterischen Quark abgehakt. Und vermutlich würde ich das bei der ein oder anderen Yoga-Richtung heute noch so machen.

Schade finde ich nur, wenn sich jemand dazu entscheidet Yoga lernen zu wollen, dann aber enttäuscht wird. Nach meinen Beobachtungen gibt es für diese Enttäuschungen vielerlei Gründe, hauptsächlich aber zwei. Zum einen sind es unerfüllte Erwartungshaltungen, zum anderen die Art und Weise des Yoga-Unterrichtes.

Yoga und die Erwartungshaltungen

»Ich habe mich bei der VHS für Yoga angemeldet«, erzählte mir jemand vor ein paar Wochen. »Sehr schön! Welche Yoga-Richtung wird da unterrichtet?« Das konnte sie mir nicht beantworten, schilderte mir aber, dass in dem Ausschreibungstext von Entspannung und Ausgeglichenheit und so weiter die Rede war.

Nun ja, im oft stressigen Alltag möglichst oft und lange in der eigenen Mitte zu bleiben, möchte vermutlich jeder. Insofern verstehe ich jeden, der auf solche Texte anspringt, weil er sich erhofft, Yoga würde ihn mit ein paar Übungen von den lästigen Burnout-Symptomen befreien. Denn gerade Yoga wird ja dieses Wirkungsspektrum zugesprochen: von der Entspannung, über die Beweglichkeit, bis hin zur Erleuchtung.

Nicht nur das es unzählige Formen von Yoga gibt, es gibt auch unzählige Heilsversprechen, die mit Yoga in Verbindung gebracht werden. Und mittlerweile befürchte ich, dass genau das der Grund ist, warum der Begriff Yoga bald verbrannt sein wird.

»Wie war der Yoga-Unterricht«, fragte ich sie einige Zeit später. »Ach!«, sie winkte ab: »Ich habe es drangegeben. Meine Freundin und zwei andere Leute aus dem Kurs auch.« »Warum?« Sie berichtete mir von esoterisch klingenden Sätzen wie: »Das Licht strömt durch deinen Körper«, und so weiter. Außerdem hätte die Yoga-Lehrerin sehr dogmatisch agiert und zensiert. Auwaia, dachte ich.

Vor vielen LichtJahren ist auch mein Bruder von einem VHS-Yoga-Kurs „geheilt“ worden. Die Yoga-Lehrerin habe sich im Lotussitz vor die Leute geflanscht und die Kursteilnehmer*innen darum gebeten, es ihr bitteschön gleichzutun. Himmel! Das ist fast so, als wollte man von mir, dass ich beim nächsten Bundesligaspiel von Borussia Mönchengladbach mit einem Fallrückzieher den Ball ins gegnerische Tor knalle. Wie dem auch sei, die Yoga-Lehrerin habe den Kursteilnehmer*innen Übungen abverlangt, die sie unmöglich ohne Vorbereitungen schaffen konnten. Aus der erhofften Entspannung wurde stattdessen Frustration.

Von einem anderen Kurs ist mir berichtet worden, bei dem sich ausgebildete Sportler nebenbei zusammengefunden haben, um gemeinsam mit Freizeitsportlern Yoga-Abende zu gestalten. Da sei auch Kopfstand gemacht worden – selbst von den Ungeübten, einfach aus dem Nichts heraus. – Keiner der „Profi“-Sportler hatte eine Ausbildung zum Yoga-Lehrer1 genossen.

Yoga-Unterricht, aber wie?

Und wieder wird deutlich, wie wichtig der Dozent ist. Auch beim Yoga. Die Asanas, so leicht sie bei einem Geübten auch daher kommen, sollte niemand ohne professionelle Anleitung2 erlernen. Denn beim Yoga kommt es sehr auf die Details an (siehe unten). Und wenn Asanas falsch geübt werden, kann das ganz schnell zu Verletzungen, auch zu nachhaltigen Erkrankungen führen. Dieser Hinweis kann nicht oft genug wiederholt werden.

Außerdem würde ich bei einem Anfängerkurs immer damit beginnen zu erklären: Was ist Yoga?

Yoga […] ist eine indische philosophische Lehre, die eine Reihe geistiger und körperlicher Übungen […] umfasst.

— de.wikipedia.org: Yoga

Und ich würde versuchen zu schildern: Was ist Yoga nicht? Beispiel: Yoga basiert nicht auf Wettbewerb (wir berichteten). Yoga sind die Begriffe wie Wettbewerb, Wettkampf oder gar Kampf gänzlich fremd. Es geht beim Yoga nicht darum, besser als ein anderer zu sein, oder jemanden zu besiegen. Yoga ist auch kein Spiel3.

Außerdem gehören für mich in die ersten Unterrichtsstunden Antworten auf Fragen wie: Was könnt ihr hier, in diesem Yoga-Kurs erwarten? Zudem sollte geklärt werden: Was ist mein Part als Yogalehrer*in, und was ist der eure?

All diese Punkte sollten beim Intro eines Yoga-Kurses berücksichtigt, und später beim Üben erkennbar werden. Ich habe das große Glück, eine phantastische Yoga-Lehrerin gefunden zu haben. Solche Lehrer*innen hätte ich mir in der Schulzeit gewünscht. An dieser Stelle: Danke liebe B., für Deinen exzellenten Yoga-Unterricht!

Übrigens: Ich übe Yoga nach B.K.S. IYENGARIyengar-Yoga genannt.

Yoga heißt, viele Gedichte lernen und üben

Beim Üben der Asanas kommt es sehr auf die Details an, schrub ich oben. Ich bediene mich dabei gern einer Metapher: Jedes Asana ist wie ein Gedicht, das du dir aufsagst. Wenn du ein Gedicht lernst, beginnst du, dir Strophe um Strophe zu merken. Bei jedem Üben merkst du dir mehr Strophen. Aber an einigen Tagen, wenn du zum Beispiel schlecht drauf bist, vergisst du einige. Das ist normal.

Wie jedes Gedicht, geht jede Yoga-Übung zumeist einem Thema nach. So gibt es Vorwärtsbeugen, Rückbeugen, Drehungen, Über-Kopf-Übungen, Gleichgewichtsübungen und so weiter. Wobei die Strophen beim Yoga den einzelnen Körperteilen gewidmet sind. Nun ist zwar klar, dass bei einer Über-Kopf-Übung der Kopf irgendwie unten ist, aber das ist keine Strophe, sondern eine Richtungsangabe, das Haupt-Thema der Übung.

Die „Strophen“ sind bei einem Asana diejenigen Punkte, auf denen du deine Achtsamkeit legen solltest. Bei einem Kopfstand kommt es beispielsweise sehr darauf an, wo der Kopf aufliegt, wie er gehalten werden sollte, was das Gesicht macht und so weiter. All das beinhaltet die Strophe über den Kopf. Wobei ich nicht vom Hals, von der Schulter, von den Armen, von dem oberen oder unteren Rücken, vom Bauch, von den Beinen, von den Füßen, von den einzelnen Fingern und so weiter gesprochen habe. Ihnen allen ist eine eigene Strophe gewidmet.

Soll heißen: Wie jedes Gedicht seine eigenen Strophen hat, so ist bei jeder Yoga-Übung jedem Körperteil eine eigene Strophe gewidmet, die du kennen und beherzigen solltest.

Manche Strophen wiederholen sich bei anderen Übungen, sind also identisch. Aber das ist nicht die Regel. Denn dass die Strophe über die Kopfhaltung bei einem Kopfstand eine andere ist als zum Beispiel bei einem gedrehten Dreieck, dem Trikonasana, könnt Ihr Euch denken.

Übrigens: Ich übe regelmäßig etwas über 40 Asanas, davon täglich sechs (durchschnittlich). Von einigen kenne ich mittlerweile mehrere, von anderen weniger „Strophen“.

Ich bin dann mal yogen

Tja, aus der Probestunde im März 2007 sind mittlerweile zehn, in Worten: 10 Jahre Yoga-Unterricht geworden. Zehn Jahre, in denen ich viel Yoga-Erfahrungen sammeln durfte. Bin ich dadurch häufiger in meiner Mitte? Fließt jetzt mehr Licht durch meine Extremitäten? Bin ich ein besserer Mensch geworden? Ich weiß es nicht. Womit sollte ich, um die Feststellung sicher treffen zu können, das vergleichen.

Was bringt es denn jetzt, dieses Iyengar-Yoga?

Wenn ich schon schreibe, dass sehr häufig auch die nicht erfüllten Erwartungshaltungen Schuld daran sind, dass Yoga-Einsteiger sehr schnell zu Yoga-Aussteigern werden, dann sollte ich auch auf diese Frage eingehen.

Wie viele Sportarten, macht auch Yoga Spaß. Jedes Mal wenn ich vom Yoga-Unterricht komme, fühle ich mich wie resettet, ja, wie innerlich gebadet – nicht euphorisch triumphierend, sondern glücklicher, zufriedener, ausgeglichener, motivierter als vorher. Iyengar-Yoga stabilisiert mich. »Ah, also doch esoterisch!«, werden jetzt einige spekulieren. Ich versuche das mal an einem Beispiel zu erklären:

In den vergangenen Wochen habe ich einige Bäume in meinem Garten beschnitten. Irgendwann, ich stand gerade mit den Füßen auf zwei Ästen im Wipfel eines Baumes und schnitt, ohne mich irgendwo mit den Händen festzuhalten, kleinere Äste ab. Ich war ganz ruhig, erhob mich, und genoß den Ausblick. Und dann wurde mir bewusst, wie gefährlich das doch ist, was ich da gerade mache. Dennoch wurde ich nicht unsicher. Und ich dachte daran, wie ängstlich ich früher war.

Iyengar-Yoga kräftigt nahezu alle Muskeln, erhöht die Beweglichkeit, stabilisiert die Körperhaltung und stärkt den Gleichgewichtssinn. Das so mal als Überschrift zwischendurch.

Ich glaube, dadurch dass du dich bei jedem Asana genau auf die einzelnen Strophen konzentrieren, und gleichzeitig auf die gesamte Haltung achten musst, übst du, Details wahrzunehmen und trotzdem den Blick für das Ganze im Auge zu behalten. Iyengar-Yoga erhöht also die Selbstwahrnehmung.

Iyengar hat in seinen Büchern ausführlich beschrieben, dass sich bestimmte Asanas gezielt zur Behandlung von bestimmten Erkrankungen einsetzen lassen. Ebenfalls weißt er darauf hin, das Asanas auch Einfluss auf Charaktereigenschaften haben. So stärken Rückbeugen, wie zum Beispiel der Bogen4, das Selbstbewusstsein, und Überkopfübungen, wie zum Beispiel der Handstand5, die Toleranz.

Möglicherweise werden sich viele über solche Ausführungen lustig machen. Ich würde nicht steif und fest behaupten, dass das so ist. Aber ich glaube, da ist einiges dran. Stellt Euch mal vor, dass Euch Überkopfübungen fremd sind. Und dann stehst Du plötzlich im Handstand, also auf Deinen Händen statt auf Deinen Füßen. Und Du blickst in die Runde und denkst: sieht alles irgendwie anders aus. Du siehst die Dinge aus einer anderen Perspektive. Und dann wird Dir klar, beide Perspektiven sind möglich. Keine ist falsch.

Nach zehn Jahren glaube ich langsam ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Yoga-Übungen sich harmonisch miteinander kombinieren, zu einem Sampler zusammenstellen lassen. Und tatsächlich gelingt es mir immer häufiger, mit Yogaübungen gezielt Nacken-, Schulter-, Rücken- und Leistenbeschwerden zu lindern oder zu beseitigen. Auch Übelkeit oder Bauchgrimmen lassen sich gut mit bestimmten Yogaübungen behandeln …

Yoga und die eigenen Grenzen

Was habe ich mich, der immer gesportelt hat, anfangs gewundert, dass ich viele Yoga-Übungen nicht hinbekommen habe. Aber tröstet Euch, es geht allen so. Denn: So oft du auch Yoga übst, Yoga zeigt dir immer deine Grenzen auf. Jeden Tag. Wir haben nicht jeden Tag die gleiche Form. Und irgendwann können wir auch nicht mehr „besser“ werden. Wir werden älter. Auch das lässt sich gut beim Yoga lernen: Grenzen erkennen, sie zu akzeptieren, und nicht die Flügel hängen zu lassen. Außerdem: Es soll 84.000 Yogahaltungen geben6. Die zu lernen und zu üben – das wird wohl kaum jemandem gelingen. Aber:

Gerade bei Menschen mit Erkrankungen oder Behinderungen hat BKS Iyengar in vielen Fällen beachtliche Erfolge in den berühmten “Medical Classes” in seinem Institut erzielt.

— www.iyengar-yoga-deutschland.de: B.K.S. Iyengar und seine Familie

März 2017. Iyengar-Yoga kann ich nach wie vor empfehlen.

PS: Wenn ich das richtig erkannt habe, üben die Enten auf dem Foto oben Utthita Hasta Padangushthasana. Das ist eine schöne Übung zur Herstellung der äußeren und inneren Balance. Ihr wisst schon …

Wem jetzt noch immer nicht schwindelig geworden ist, der mag vielleicht auch diese Texte noch lesen:


  1. Es sollen in dem Kurs nur Männer gewesen sein. Heißt das was? Ich glaube: ja. Nur die Harten … [return]
  2. Womit ich meine, es sollte sich um gut ausgebildete Yoga-Lehrer*innen handeln. Auch wenn ich seit zehn Jahren intensiv Yoga übe, würde ich keinen Yoga-VHS-Kurs leiten wollen. Schulungsanbieter wie die Volkshochschulen sollten auch nicht auf Yoga-Lehrer*innen zurückgreifen, die ihr Zertifikat in einem Wochenendseminar erlangt haben. [return]
  3. Auch wenn Yoga kein Spiel ist und auch keines sein sollte, aus Erfahrung kann ich Euch jedoch bestätigen: Yoga kann sehr viel Freude bereiten. [return]
  4. Chakrasana beziehungsweise Urdhva Dhanurasana. Als Kinder haben wir das die „Brücke“ genannt. [return]
  5. Adho-Mukha-Vrikshana [return]
  6. Siehe de.wikipedia.org: Einzelne Asanas [return]