Huch! Lauter tote Tiere!

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Ein Baum

Wir waren zu einer kleinen Feier eingeladen. Als wir die Wohnung der netten Gastgeber betraten, erstaunte sich ein lieber Bekannter: »Huch! Lauter tote Tiere!« An den Wänden hingen Jagdtrophäen – Geweihe, ausgestopfte Tiere und so weiter. Das war im Sommer.

Ich habe mir sowas schon gedacht, als ich den Ball ins Feld geschossen habe. Im vorherigen Artikel schrub ich, dass ich die von mir erlegten Fotos so gut wie nie ausstopfe ausdrucke, einrahme und an Wände tackere. Das schreit nach Rückmeldung, schrieb mir daraufhin eine liebe Bekannte, die ich erst vor ein paar Monaten kennen und schätzen gelernt habe. Kurzum, meine Gesprächs- und Schreibe-Partner*innen schienen nahezu entsetzt von dieser meiner Einstellung zu sein.

Jedem Tierchen sein Bildchen Pläsierchen. Darin waren wir uns einig. Die meisten erzählten mir beispielsweise, dass sie sich gern erinnern würden – an den Ort an dem sie das Foto aufgenommen haben, an den Menschen der dort gezeigt wird, und so weiter. Außerdem würde so ein selbst aufgenommenes Foto dem jeweiligen Raum eine ganz persönliche Note geben. Mehr oder weniger offentbarte sich in den Ausführungen aber auch der Stolz der Fotojägerin beziehungsweise des Fotojägers, ob der schönen Beute.

„Ist das narzistisch?“, bin ich daraufhin gefragt worden. Ich habe prompt mit Ja geantwortet. Mann kann nicht nicht kommunizieren. Frau auch nicht. Wir kommunizieren immer. Meine Frisur, meine Kleidung, die Bilder an den Wänden – mit allem inszeniere ich mich: »Hey du, so bin ich! So finde ich mich gut!« Das meiste davon geschieht wohl unbewusst. Gleichwohl – alles normal.

Und wenn man so will, sind die selbst erlegten geschossenen Fotos an den Wänden auch Jagdtrophäen.

Doch bevor ich den Bogen überspanne: Ich kann die mir genannten Motive bezüglich der Fotos an den Wänden gut nachvollziehen. Wirklich. Denn, was ist soheit.de? Das ist meine Plattform. Hier inszeniere ich mich. Hier hängen meine Trophäen.

Jedoch: Warum habe ich es nicht so, mit den Foto-Tropähen an den realen Wänden? Mag ich mich nicht gern erinnern? Ist bei mir der Rückspiegel kleiner als bei anderen? Ich blättere ja auch so gut wie nie in alten Fotoalben, stehe nicht auf Chroniken, und höre nur selten Scheiben aus meiner Jugend. Wie dem auch sei, und wie ich bereits schwurbelte, es gibt ja noch andere Dinge mit denen man sich mittels Wohnungswände ausdrücken kann.

Ein Grund für meine „Andersartigkeit“ mag aber auch dieser sein: ich bin ein Sonderturner! Vor ein paar Wochen entdeckten meine neue Bekannte und ich eine Gemeinsamkeit. Sie hatte den Artikel Christiane und ich gelesen. Darin schildere ich, wie die Elefantendame Christiane und das Mäuschen Volker ein unschlagbares Team beim Sonderturnen wurden. Kurzum, meine Bekannte „gestand“ mir: auch sie sei Sonderturnerin.

Und derweil wir uns über unsere Sonderturn-Erfahrungen austauschten, stellten wir fest: einmal Sonderturner*in, immer Sonderturner*in. Wenn ihr uns stigmatisiert, weil wir in euren Augen nicht „normal“ sind, dann – ja dann stehen wir halt dazu. Wir sind anders, und wir kokettieren damit. So, das habt ihr jetzt davon.

… Und darum habe ich keine selbsterlegten Fotos an den Wohnungswänden. Möglicherweise.

PS: Ein passendes Foto zum Titel hatte ich nicht. Tut mir aber auch nicht leid. Dafür heute ein Baum. Wieder mal. Tja nun.