Es ist nicht ihre Schuld

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Ein Mönch mit Namaste-Haltung

Ich esse gerne Brot. Brot könnte ich zu jeder Mahlzeit essen. Andere mögen Kuchen. Ich mag Brot. Gestern war ich Lebensmittel shoppen. Das mag ich nicht – weil, ich finde Einkaufen lästig …

Klar, Brot habe ich auch eingekauft. Und wie ich das so wegpacken wollte, erinnerte ich mich wieder daran – an die Geschichte, die schon etliche Jahre zurückliegt. Schon mehrfach hatte ich meine Mom dabei beobachtet, wie sie das große Brot für unsere Familie nicht einfach anschnitt. Sie drehte es vorher um und tat so, als wollte sie mit der Messerspitze ein Kreuz auf die Brotrückseite malen. Jedoch, die Messerspitze berührte das Brot nicht.

Irgendwann fragte ich sie: »Warum machst du das?« »Mit dem Kreuzzeichen auf dem Brot möchte ich mich daran erinnern, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir zu Essen haben. Vielen Menschen auf dieser Welt geht es anders. Sie haben großen Hunger. Viele Menschen sterben sogar an Hunger.«

Mehr haben wir darüber nicht gesprochen. Ich habe sie auch später nie wieder danach gefragt. Denn ich wusste, aus welchen Gedanken heraus sie mir das erklärt hat. Sie hat den Krieg erlebt. Sie musste als Kind unzählige Male in Bunker flüchten, wenn die Bomber über die Stadt flogen. In dieser Zeit, davor und auch eine Zeit danach hatte ihre Familie nicht immer ausreichend zu Essen.

Auch mein Vater erzählte mir ähnliche Geschichten. Als Vierzehnjähriger ist er eingezogen worden. Viele haben sich für ihn eingesetzt. Er ist doch noch so jung und klein!, hätten sie eingewandt, und: Seinen älteren Bruder habt ihr doch schon! Und so weiter. Aber es half nichts. Den Bollerwagen mit Gerätschaften ziehend, beim Gräben schaufeln helfend, hat er das Elend an verschiedenen Fronten erlebt.

Auch Dad erzählte mir, dass sie sehr oft nichts zu Essen hatten, und aus Verzweiflung das Grünzeugs von den Feldern aßen. Und er schilderte mir von den Ängsten, vom Weinen und Schreien der vielen Verletzten, vom Hunger, vom Durchfall an dem fast alle litten – und vom Tod.

Irgendwann war es vorbei. Er konnte mir nicht mehr genau erzählen wie er es geschafft hat, zurück in seinen Wohnort zu gelangen. Seine Schwester habe ihn gefunden – völlig entkräftet und abgemagert bis auf die Knochen. Sie habe ihn über das Lenkrad eines klapperigen Fahrrades gelegt, und die sechs Kilometer bis zum alten Haus ihrer Familie geschoben.

Ich habe solches Elend und solche Not zum Glück nicht erlebt. Ich habe nie an Hunger gelitten. Doch vor einigen Monaten, als ich das frische Brot in die Trommel legen wollte, erinnerte ich mich wieder an den Satz von meiner Mutter: »Ich möchte mich daran erinnern, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir zu Essen haben.« Seitdem tue ich es ihr gleich.

Wenn ich heute nach dem Einkauf das Brot in meinen Händen halte, versuche ich mir bewusst zu machen, wie unterschiedlich der Wohlstand auf dieser Welt verteilt ist. Und ich bin dankbar, dass ich nicht an Hunger leiden muss. Aber ich bin auch unendlich traurig darüber, dass es vielen, vielen Menschen auf dieser Welt so schlecht geht …

… und es ist nicht ihre Schuld.

PS: In der Einleitung schrub ich: „ich finde Einkaufen lästig“. Jetzt, nachdem ich diesen Text geschrieben habe, erkenne ich, dass auch dieser Satz bezeichnend ist. Statt dankbar entlang der übervollen Regalen gehen und auswählen zu können, was denn meinem fein nuancierten Geschmack in den nächsten Tagen wohl gerecht werden könnte, finde fand ich das lästig …


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