Du kannst es!

Rosa blühende Rosen

Ich habe reichlich Hobbys. Eines davon ist das Fotografieren. Klar kann Leut sich fragen: Was bringt das noch? Heute hat fast jeder ständig eine Kamera dabei. Dem Smartphone sei Dank. Und die darin verbauten Kameras sind richtig gut. Also – bei der Flut an Fotos die da überall kursieren, warum dann so ein Hobby?

Weil ich mir nach wie vor noch ein Loch in den Bauch freue, wenn ich ein schönes Foto geschossen habe. Gleichwohl habe ich den Eindruck, so viel fotografiere ich nicht mehr. Viel interessanter für mich sind mittlerweile die Beobachtungen drumherum1. Und besonders spannend finde ich es, mich mit anderen darüber auszutauschen.

Eine ganz liebe Freundin von mir ist noch nicht so lange dabei. Ich glaube, es war im Spätsommer 2011 als sie mich fragte, welche Kamera sie sich denn wohl kaufen sollte.

Ein Jahr zuvor, im Spätsommer 2010, erzählte sie mir, dass bei ihr Parkinson diagnostiziert worden ist. Mittlerweile ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Die Krankheit hat ihre Beweglichkeit extrem eingeschränkt, sodass das Fotografieren mittlerweile für sie sehr anstrengend ist.

Doch meine Freundin ist gnadenlos. Einmal haben wir es fast übertrieben. Sie bat mich, sie durch den naheliegenden Wald zu schieben um auf die „Jagd“ zu gehen – auf die Jagd nach Fotomotiven. Das wir die im Wald zu findenden Sprungrampen der Mountainbiker nicht auch noch getestet haben, wundert mich im Nachhinein. Ansonsten war da kein Weg zu holprig, kein Weg zu steil, um den Kutscher, also mich, darüber zu scheuchen2.

Kürzlich habe ich sie wieder besucht. Diesmal knöpften wir uns ihren Garten vor. Denn die vielen Pflanzen darin warteten nur darauf, sich als Fotomodell zu verdingen. Also schob ich sie, den Sonnenstand berücksichtigend zu den jeweiligen Blumen und Sträuchern, stellte das Stativ mit der Kamera in für sie bestmöglicher Griffnähe und schaute ihr bei der „Jagd“ zu.

Ihr kennt das ja, das Fotografieren ist mitunter ein Geduldsspiel. Gerade hast du die richtige Position gefunden, alles an der Kamera soweit eingestellt, da schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, oder aufkommende Windböen machen das Fokussieren der Pflanzenblüte unmöglich – oder aber, das widerfährt mir besonders gern, das anvisierte Reh hüpft gelangweilt wieder zurück in den dichten Wald.

Meine Freundin lässt sich von solchen Spielchen nicht beirren. Vermutlich denkt sie sich: Früher oder später fange ich euch doch! Die Geduld, mit der sie sich auf die Motive und die Kameraeinstellungen konzentriert, ist bewundernswert. Das umso mehr, wenn man sieht, wie sehr ihr die Krankheit die Kraft und die Beweglichkeit geraubt hat.

Als ich mich neulich verabschiedete, zeigte sie mir noch ihre jüngsten „Jagdtrophäen“ – die neusten Highlights ihrer Fotos. Es ist immer wieder interessant, wenn sie, ihr Mann und ich uns unsere persönlichen Favoriten daraus auswählen und uns darüber austauschen, warum uns die jeweiligen Fotos besonders gefallen. Denn ich lerne dabei. Nicht selten sind solche Begründungen zugleich sehr nützliche Tipps.

Wie dem auch sei, als ich mir die wirklich tollen Fotos ansah, dachte ich an unsere ersten „Exkursionen“, zum Beispiel daran wie wir darüber diskutierten, dass sich viele Motive die zwar unsere Augen erfassen und unser Herz begeistern, schlecht, oder gar nicht mit derselben Wirkung auf ein Foto bannen lassen. Und selbst wenn wir manchmal glauben es sei uns gelungen, sind es nur unsere Erinnerungen, die das Foto wieder zu einer „Szene“ komplettieren3.

Rot blühende Rosen

Vermutlich ist es vermessen, was ich ihr beim Rausgehen sagte: »Du kannst es! Ich kann dir nichts mehr beibringen.« Was ich meinte ist: Du bist gut, sehr gut sogar. Schon lange lerne ich auch von dir.

PS: Fleißigen Leserinnen und Lesern von soheit.de ist meine Freundin Gertrud nicht unbekannt. Für die, die erst jetzt zugeschaltet haben, hier ein Beispiel: Der frühe Vogel … Auch die beiden Fotos in diesem Artikel hat Gertrud Knauer geschossen. Sie stammen von der oben angesprochenen Fotosession in ihrem Garten.


  1. Bitte seht es mir nach, dass ich an dieser Stelle das nicht weiter ausführe. Aber in meine Texten, die sich mehr oder weniger mit dem Thema Fotografieren auseinandersetzen, findet ihr immer wieder mal Beispiele von solchen Beobachtungen. [return]
  2. Okay, ich gebe es ja zu, wir haben für die Aktion den motorisierten Rollstuhl benutzt. Aber die Tour war trotzdem abenteuerlich. [return]
  3. Das ist übrigens ein sehr interessantes Thema: Welchen Impuls möchte ich bei dem Betrachter des Fotos auslösen? Doch wie so oft ist es möglicherweise viel wichtiger, und möglicherweise auch einfacher, Antworten auf die Gegenfrage zu finden: Welchen Impuls soll das Foto nicht auslösen? [return]