Der Wald wird gefegt

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Bäume im Herbst

Der Satz ist mir hier und da schon mal begegnet. Der Kontext dazu ist mir entfallen. Und nie habe ich bislang darüber nachgedacht, was denn das wohl heißen soll: „Der Wald wird gefegt.“ Wer sollte das auch tun? Und wenn – warum?

Der Wald wird gefegt

Vor ein paar Wochen habe ich eine Infotafel im Wald entdeckt, worauf ein Text zu lesen ist, der mit diesem Satz beginnt. Ich möchte für Euch kurz wiedergeben, was in dem Text erklärt wird.

Infotafel im Wald zum Laubstreu

Lange Zeit, bis ins 19. Jahrhundert nutzten die Menschen den Wald auch als Weidegebiet für ihr Vieh. Besonders interessant finde ich, dass der Wald auch zur Streugewinnung herhalten musste. Das heißt, mit dem herabgefallenen Laub wurden die Ställe eingestreut um den Viehdung zu binden. Wenn sich aus dem Laub und dem Viehdung so eine richtig ordentliche „Moorpackung“1 gebildet hatte, wurde selbige als natürlicher Dünger auf die Ackerböden verbracht.

Die Laubstreu war also Strohersatz. Das Stroh wurde dem Heu beigemengt und diente als Viehfutter. Auch durch den vermehrten Kartoffelanbau zu Lasten der Getreideflächen, gewann die Laubstreu immer mehr an Bedeutung – weil: je weniger Getreideflächen, desto weniger Stroh.

Hinzu kam, dass im 18. Jahrhundert immer mehr Bauern dazu übergingen, das Vieh in den Ställen zu füttern, und es im Winter in den Stallungen zu halten. Und die Laubstreu war kostenlos …

Ihr könnt Euch denken, worauf das hinauslief. Nach der Laub-Ernte sahen die Waldböden aus wie leergefegt. „Die [Laub-]Streunutzung führte langfristig zu einem Nährstoffentzug und zu weitreichenden Folgen für das Ökosystem Wald“ – denn der Stoffkreislauf war unterbrochen. Wir vergessen gern mal solche Kreisläufe. Das Laub enthält wichtige Nährstoffe – auch für den Wald.

Infotafel im Wald zum Laubstreu

Die Bedeutung des Laubstreus für den Wald ist von den Fachleuten erst im 19. Jahrhundert erkannt worden. Auch wenn die Laubstreunutzung Mitte des 20. Jahrhunderts endete, das Bodenleben und die Wuchsleistung der Wälder blieben einige Jahrzehnte eingeschränkt.

Warum erzähle ich das?

Besonders im Herbst höre ich oft, wie sich Mitmenschen über das von den Bäumen und Büschen herabfallende Laub aufregen. Es ärgert sie so sehr, dass sie die Natur nach und nach aus ihrem Umfeld verbannen. Schaut Euch die Friedhöfe an, schaut Euch die Gärten an – immer weniger Bäume, Sträucher und Büsche, immer mehr Steinflächen2. »Laub?! Igitt, igitt!«

Und immer wieder versuche ich zu vermitteln – zwischen Mensch und Natur. »Liebe Leute, das sind Nährstoffe! Für Pflanzen und Tiere.« Nahezu alles, was in meinem Garten an Rasenschnitt, an Laub, an Hecken- und Grünschnitt anfällt, bleibt in dem Garten – das wird nicht entsorgt. Ich freue mich sogar über das Laub, welches ich zwischen den Büschen und Sträuchern verteilen kann. Dickere Äste zersäge ich, Zweige schneide ich klein und drapiere sie. Drapieren? Äste? Ja, zum Beispiel lassen sich damit prima Beete einrahmen.

Ein Gärtner braucht Geduld, heißt es. Das ist auch so. Er braucht auch Gelassenheit. Denn ob eine Pflanze angeht oder nicht, ob der schöne Busch von Onkel Arnd den kalten Winter überlebt, ob die tolle Staude von Tante Gieselinde auch bei mir so viele Blüten trägt – das entscheidet letztendlich die Natur. Aber ich kann sie ein wenig unterstützen.

Das fängt damit an, dass ich den Garten nicht mit einem Wohnzimmer verwechsle. Herabgefallene Blätter sind nicht die (Staub-)Wollmäuse des Gartens. Sie gehören dahin. Die Pflanzen können sie gebrauchen. Denkt an die Geschichte „Der Wald wird gefegt“ – denkt an den Kreislauf der Natur. Bitte!


Jetzt möchtet Ihr vielleicht noch wissen, wo ich die Info-Tafel mit Text zur Laubstreunutzung entdeckt habe. Sie steht in dem hier schon oft erwähnten Schwalenberger Wald. Die Tafel gehört zum Projekt „NaturZeitReise“3 und ist in der Nähe der „Stadtwasser von Schwalenberg“4 zu finden.


  1. In diesem Kontext ist das eine Wortschöpfung von mir. Denn die Mischung aus Laub und Viehdung hatte sicherlich gewisse Ähnlichkeit mit einer Moorpackung. Und gesund war diese Moorpackung allemal – für die Ackerböden. [return]
  2. Zu den wie „Unkraut wuchernden“ Steinflächen habe ich schon einige Texte geschrieben. Bitte nehmt Euch mal die Zeit, lest die Texte und denkt darüber nach – Beispiel: Besteint, Teil 2. Unter dem Text findet Ihr Links zu weiteren Beiträgen, in dem ich mich ebenfalls mit dem Thema auseinandersetze. [return]
  3. Blöd ist, dass ich den Text auf der Info-Tafel nicht im Netz gefunden habe. Denn er enthält noch weitere, detailreiche Infos. Das ist auch wieder ein Punkt, den ich wohl immer wieder ansprechen muss: Warum stehen solche Texte nicht auch im Netz? – Damit Ihr aber wisst, worum es bei dem Projekt „NaturZeitReise“ geht, hier zwei Links zu weiterführenden Infos: „NaturZeitReise“ – Geschichte(n) zum Schwalenberger Wald und Schwalenberger Wald Landschaftsgeschichte(n) erfahren. [return]
  4. Mehr zum Stadtwasser in Schwalenberg findet Ihr weiter unten in dem Artikel: Ein lippisches Kleinod. [return]