Der röhrende Hirsch und die Barrierefreiheit

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Ein Pferd allein auf einem großem Feld

»Wo soll das Ölgemälde hin?« »Welches?« »Das mit dem röhrenden Hirsch vor dem Waldrand1.« »Über das Sofa!« »Okay.« »Mittig!« »Selbstverständlich. – So?« »Höher!« »Oberkante Bilderrahmen fünf Zentimeter unterhalb der Zimmerdecke?« »Hundertprozentig! So ist es gut!«

Ihr kennt das, früher wurden die Bilder, die Kunstdrucke und Ölgemälde in den Wohnungen höher aufgehängt. Doch die Evolution hat auch bei der Einrichtung von Wohnungen keine Ausnahme gemacht. Heutzutage dienen die Bilder über den Sofas quasi als Kopfstütze.

Vor einigen Tagen ging es bei uns um die Frage: Wie hoch hängen wir die Türschilder? Gemeint waren die Türschilder2 vor den Büros im sanierten Rathaus von Lügde. Ich weiß nicht, ob ich nach meiner Meinung gefragt worden wäre, aber ich habe mich einfach in die Diskussion gestürzt.

»Hierbei geht es nicht um schön oder nicht. Hierbei geht es um Barrierefreiheit. Setzt euch auf einen Stuhl und schaut. Das ist ungefähr die Perspektive, auf der ihr bei eurer Entscheidung bauen solltet. Wir haben jetzt einen Fahrstuhl, mit dem Rollstuhlfahrer*innen3 bis auf eine Ausnahme jede Etage, und bis auf eine Ausnahme jeden Flur erreichen können.«

So banal die Frage: „Wie hoch müssen die Türschilder?“, auch scheint, über einige Antworten habe ich mich erschrocken. »Für die zwei Prozent willst du die Schilder ausrichten?«

By the way: Gibt es eigentlich eine Norm die festlegt, auf welcher Höhe Türschilder, Klingelschilder oder Klingelknöpfe angebracht werden müssen? Höchstwahrscheinlich. Ich bin ehrlich, wir haben sie nicht rausgesucht. Ich vermute aber, dass auch die nicht zeitgemäß ist4 .

Zurück zu der „zwei-Prozent-Frage“. Das ist in der heutigen Zeit Gottseidank kein Thema mehr. Die simple Gegenfrage lautet: Warum bauen wir Fahrstühle ein? Und wie teuer sind die? Jeder von uns der heute nicht auf barrierefreie Zugänge angewiesen ist, kann es aber schon morgen sein.

Eine andere Argumentation die ich zu hören bekommen habe lautet: Solche Schilder müssen auf Augenhöhe angebracht werden. Wobei sich dann sofort die Frage stellt: Von welcher Augenhöhe gehen wir dann aus? Die Leute werden immer länger. »Ha!«, werden möglicherweise jetzt einige rufen, »Darum müssen die Schilder höher!« Was schlagt Ihr vor, wie hoch sollen dann die Schilder? Und sollen wir für die weniger hoch gewachsenen Menschen Operngläser an die Türrahmen hängen. (Leute, das ist ein Scherz!)

Das mit dem Augenhöhe-Argument ist also eine vertrackte Sache. Mein Tipp: Geht doch mal zum Juwelier eures Vertrauens. Auf welcher Höhe sind in den Schaufenstern die Ringe und Armband-Uhren ausgestellt? Oder: Was bereitet euch wenn ihr etwas lesen müsst mehr Probleme: wenn ihr dafür den Kopf in den Nacken legen, oder wenn ihr dafür den Kopf etwas nach vorn herunterbeugen müsst?

Bürotüren mit Büroschildern

Bei den Türschildern im frisch sanierten Lügder Rathaus haben wir uns darauf geeinigt, dass die Oberkante der Schilder bei 150 Zentimeter liegt. Ich weiß nicht, ob das okay ist. Gerne hätte ich vorher Rollstuhlfahrer*innen befragt …


  1. Das pittoreske Ölgemälde mit dem röhrenden Hirsch vor dem Waldrand war gerade vergriffen. Daher ein singendes Pferd auf einsamen Feld. Sorry. [return]
  2. Typischer Weise gibt so ein Schild Auskunft über die Zimmer-Nummer, über die Bewohner*innen hinter der entsprechenden Zimmertür, und es skizziert, was die Sachverarbeiter*innen in dem Büro so alles erledigen. [return]
  3. Auch wenn ich sie oben nicht explizit erwähnt habe, ich denke dabei auch an unsere Mitmenschen, die auf einen Rollator angewiesen sind. [return]
  4. Manchmal habe ich den Eindruck, dass einige Vorschriften nicht so schnell angepasst werden, wie es der tatsächliche und sich weiter entwickelnde Bedarf erfordert. Trotzdem setzen Behörden nach meinen Beobachtungen dann eher auf die Vorschriften: »Aber wenn es doch da steht!«, anstatt vorausschauend zu agieren. Doch wie sagte schon Platon: »Alles bewegt sich fort und nichts bleibt.« (Quelle: de.wikipedia.org, Panta rhei) – Ihr möchtet ein praktisches Beispiel? Bitteschön: Von SUVs, Roll- und Fahrstühlen. [return]