Denen, denen ich meinen Respekt zolle

Luftballons vor einem Ölgemälde

Er war ein einflussreicher Unternehmer und ein regional agierender Politiker. Kurz: er hatte Geld und Macht. Doch als ich von seiner Geschichte hörte, konnte er damit nichts mehr anfangen. In dem Seniorenheim, in dem er seine letzten Jahre verbracht hat, war er einer von vielen Menschen, die auf Hilfe angewiesen waren.

Seine Geschichte erzählte mir eine Pflegerin, die in dem Heim tätig war. Das war vor über zehn Jahren. Von dem stattlichen, kraftvollen Menschen sei nichts mehr zu sehen gewesen, schilderte sie mir. Er habe Hilfe benötigt, bei den einfachsten Dingen des täglichen Lebens. – Aus dem großen, selbstständigen Mann war wieder ein gänzlich unselbstständiger Mensch geworden.

Ich habe diese Geschichte nie vergessen, weil sie beispielhaft für eine Aussage war, die Epiktet zugeschrieben wird: „Nicht in unserer Macht stehen: unser Körper, unser Besitz, unser gesellschaftliches Ansehen, unsere Stellung.“1

Vor ein paar Monaten berichtete mir eine Pflegerin von Schüler*innen, die in dem Seniorenheim in dem sie arbeitet, ein Praktikum gemacht haben. Die Schüler*innen seien während des Praktikums sehr nachdenklich geworden. »Vielleicht sollten alle Schüler mal ein Praktikum in einem Seniorenheim machen«, meinte sie.

Manchmal, wenn ich einflussreiche Menschen wie Politiker, Unternehmer, Führungskräfte beobachte, denke ich an den Satz. Dir täte auch ein dreiwöchiges Praktikum in einem Seniorenheim gut. Aber nicht nur zugucken – anpacken, sauber machen …

Wir glauben, einige sind sogar davon überzeugt, es müsse immer aufwärts gehen – größer, besser, schneller. Weil, das ist das Credo der Wirtschaft und Politik. Aber: Kein Menschenleben funktioniert so. Wir werden groß, vielleicht stark, und verfallen dann wieder.

Auch die Erde, die uns den Halt bietet, funktioniert so. Wir haben unser Konto bei ihr bereits überschritten. Wir agieren schon lange nur noch mit roten Zahlen.2

Dennoch: Geld, Macht und Ruhm bleibt das was wir anstreben – wonach wir schauen. Wann immer es möglich ist, blenden wir aus, dass nichts von Dauer ist, dass alles vergänglich ist. Darum stehen „schwache“, kranke und alte Menschen auch immer am Rand, meistens sogar außerhalb unseres Blickfeldes. Sie passen nicht mehr in das Credo. Irgendwie müssen wir die mit durchziehen – aber nur irgendwie …

Autos sind wichtig. Pflegenotstände nicht.

Und darum sind für mich all die Menschen, die sich liebevoll um die verdrängten, kranken, alten, sterbenden Menschen kümmern die, denen ich wirklich dankbar bin. Das sind die Mitmenschen, denen ich meinen ganzen Respekt zolle.