Chilling effect

Überwachungskameras

Vor ein paar Jahren habe ich über ein halbes Jahr in einem Juweliergeschäft gearbeitet. Dort gab es tolle Sachen zu kaufen. Anfangs hat der Job richtig Spaß gemacht. Wir hatten viele Kunden. Und die meisten waren sehr zufrieden. Ich glaube das lag auch daran, dass wir ein richtig gutes Team waren. Darüber freute sich auch unser Chef, der übrigens noch ein weiteres Juweliergeschäft hatte.

Eines Tages fehlten 200 Euro in der Kasse. Keiner von uns aus dem Team konnte sich das erklären. Unser Chef war darüber sehr aufgebracht. Und wir spürten, dass er uns von da an nicht mehr vertraute. Er ließ Überwachungskameras installieren. Wir hatten das Gefühl, dass sie in erster Linie uns beobachteten sollten.

Die Stimmung in unserem Team wurde immer schlechter. Zuvor bin ich gern zur Arbeit gegangen. Nach diesem Vorfall nicht mehr. Am schlimmsten hat es die Geschäftsleiterin getroffen. Sie kam mit der Situation überhaupt nicht klar. Was ich sehr gut nachvollziehen kann, da sie schon sehr lange dort gearbeitet hat, und immer ein gutes Arbeitsverhältnis mit dem Chef hatte.

Dass interessante war, dass sich diese Stimmung auch auf unsere Kunden zu übertragen schien.

Einige Zeit später habe ich gekündigt. Es dauerte nicht lange, da wurde das Juweliergeschäft geschlossen.

Diese Geschichte erzählte mir vor einiger Zeit eine gute Bekannte. Ich glaube, dass sie sehr anschaulich beschreibt, was chilling effect bedeutet.

Der Bundesregierung geht es wie dem Chef des Juweliergeschäftes. „Die Regierung traut ihren Bürgern nicht. Alleine im vergangenen Vierteljahr hat sie fünf neue Überwachungsgesetze installiert“, schreibt Kai Biermann in seinem Artikel Ein mieses Spiel mit der Angst der Menschen (zeit.de, 31.5.2017).

Anfang der zurückliegenden Wochen startete die Testphase einer automatisierten biometrischen Videoüberwachung am Berliner Bahnhof Südkreuz: „Die Bundespolizei, das Bundesinnenministerium, die Deutsche Bahn und das Bundeskriminalamt erproben gemeinsam ein optisches Überwachungssystem mit mehreren Kameras“ (Constanze Kurz in netzpolitik.org). Vor dem Einsatz solcher Gesichtserkennungssysteme an öffentlichen Plätzen, warnt sogar der Deutsche Anwaltsverein (DAV): „Dieses Scannen führt zu einem nicht hinnehmbaren Gefühl des Überwachtwerdens und der Einschüchterung“, verdeutlichte DAV-Präsident Ulrich Schellenberg (www.lawblog.de).

Fast alle der aktuell zur Diskussion stehenden und beschlossenen Überwachungsmöglichkeiten greifen, wenn ich die Experten richtig verstanden habe, in die Grundrechte ein – beschränken also unsere Rechte. »Habt euch nicht so, es dient ja eurer Sicherheit!«, versuchen uns Politiker und die Chefs der Sicherheitsbehörden zu besänftigen. – Doch zurück zum Thema:

In einer Studie bestätigte sich die Annahme eines durch Überwachung ausgelösten Deindividualisierung-Effekts: des zunehmenden Versuchs, sich „in der Herde zu verstecken“. Zudem entstand mehr Aggression und Unwillen sowie weniger Interesse gegenüber der Studie und den Ausführenden.

– de.wikipedia.org: Chilling effect

Unabhängig von einer rechtlichen Bewertung, und unabhängig von einer transparenten Klärung, welche Sicherheit uns diese ganze Überwachung wirklich bringt – wir sollten immer auch daran denken, was diese zunehmende Überwachung mit uns macht.

Siehe auch: Die Geschichte mit dem Vertrauen, 4.1.2015