Bin ich ein Beispiel für den Vereinzelungstrend?

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Ein Baum in den Emmerwiesen

Ist Yoga ein Indiz für den Vereinzelungs- und Optimierungstrend in unserer Gesellschaft? Diese Frage stellt Dr. Werner Bartens in seinem Video-Beitrag „Die Schattenseiten des Yogas“ in den Raum. In seinem Fazit bejaht Dr. Bartens die Frage. Und aus dem Grund könne man Yoga durchaus ambivalent sehen.

Für die, die später eingeschaltet haben: Ich übe seit zehn Jahren Yoga. Auch aus dem Grund finde ich die von Dr. Bartens aufgeworfene Frage hochinteressant.

Zunächst aber habe ich mich gefragt: Gibt es überhaupt einen Vereinzelungs-„Trend“? Ich weiß es nicht. Aber, wenn es ihn gibt: Wer oder was hat ihn dann ausgelöst? Das wäre ebenfalls interessant zu wissen. Aber darum geht es hier nicht.

Warum spielen Leute, die sich für Yoga entscheiden haben, stattdessen nicht Hockey, Handball, Fußball oder Volleyball in einem Verein?, fragt Dr. Bartens in seinem Videobeitrag.

Ob Hockey, Handball, Fußball oder Volleyball – das sind Sportarten, die vom Teamgeist geprägt werden. Ein Team muss zusammenhalten. Nur so kann es gewinnen – beim Sport, in der Arbeitswelt, aber auch im Alltag. Teamarbeit fördert ein gutes Sozialverhalten und bietet Sicherheit. Das ist gut.

Und es stimmt ja auch: Yoga ist kein „Mannschaftssport“. Es gibt beim Yoga nicht den klassischen Teamgeist. Jeder Om’t für sich. Ich habe über viele Jahre hinweg Squash gespielt1. Da ging es tatsächlich anders zu – vor, während und nach dem Spiel.

Ich könnte jetzt einwenden: Aber der Yoga-Unterricht ist doch kein Einzelunterricht. Nun, der Yoga-Unterricht ist das nicht. Doch wenn ich zu Hause Yoga übe, bin ich allein im Raum. Und der Zeitanteil für dieses „Einzel-Training“ ist bei mir deutlich höher.

Gemeinsam sind wir stark – stärker als …

Wozu dient der vielbeschworene Teamgeist? Er kann dazu dienen gegen jemanden zu gewinnen, er kann aber auch dazu dienen, für alle, auch für die, die dem Team nicht angehören2, etwas zu erreichen. Darum: Wann immer wir von Teamgeist, Mannschaftsgeist, Korpsgeist reden, sollten wir der Frage nachgehen – Cui bono?3

Wenn ich mir den Hype um Sportarten wie zum Beispiel Fußball oder Motorsport anschaue, frage ich mich oft: Wem zum Vorteil? Brot und Spiele!, kommt mir als Antwort sofort in den Kopf. Ablenkung für die Massen und mehr Reichtum für Einzelne. Was mich wiederum an die Vorträge von Prof. Dr. Mausfeld erinnert: Warum schweigen die Lämmer?

Viele Sportarten, besonders die Mannschaftssportarten, befeuern den Konkurrenzgedanken. Und das nicht zu knapp. Wir akzeptieren das meistens. Denn das Leben ist ein einziger Wettkampf. – Wirklich? Muss das so sein? Geht es immer nur um das Gewinnen? Wo Gewinner sind, sind auch Verlierer. Und wer mag schon gern Verlierer sein?

Ich finde, vor diesem Hintergrund kann man sehr viele Sportarten ambivalent sehen.

Yoga hilft, sich selbst besser wahrzunehmen …

Der Beitrag von Dr. Bartens ist keineswegs so negativ, wie das möglicherweise klingen mag. Mehrmals stellt er die positiven Effekte heraus, die Yoga für die Gesundheit hat. Yoga hilft, sich selbst und seinen Körper besser wahrzunehmen, bestätigt er.

Sicher habt Ihr Euch auch schon mal über einen Mitmenschen geärgert und Euch dann gefragt: Was hat denn der für eine Selbstwahrnehmung? Denn sich selbst kritisch zu beobachten, sich und sein Tun zu hinterfragen, und sich, wenn es erforderlich ist, zu korrigieren, ist eine wichtige Voraussetzung für ein harmonisches Miteinander.

Also: Wenn Yoga dazu beitragen kann sich selbst besser wahrzunehmen, dann ist Yoga doch eine gute Medizin für die vielen an dem Troubadix-Syndrom „leidenden“ Mitmenschen in unserer Gesellschaft, oder?

Ist Yoga ein Indiz für den Optimierungszwang?

Yoga sei auch ein Indiz für den Optimierungszwang, meint Dr. Bartens. Ich will das nicht abtun. Ich bin wie Dr. Bartens der Meinung, dass es in unserer Gesellschaft einen weit verbreiteten Optimierungszwang gibt – dem sich viele sogar zwanghaft hingeben. Doch ist Yoga dafür ein Indiz? Ich verneine das nicht. Aber: Ist nicht jede Sportart ein Indiz für den Optimierungszwang?

Ich glaube, es ist viel interessanter, Antworten auf Fragen wie diese zu finden: Wer zwingt uns denn zur Optimierung? Warum tut er, sie, es das? Und: Warum lassen wir uns zwingen?

Bin ich ein Beispiel für den Vereinzelungstrend?

… weil ich Yoga übe? Ich habe hier, unter soheit.de, bereits mehrere Gründe ausgeführt, warum ich Yoga übe. Einen für mich ganz wichtigen Grund habe ich oben bereits angesprochen: Yoga kennt keinen Wettbewerb, keinen Wettkampf. Der Konkurrenzgedanke ist der Yoga-Philosophie fremd. Es gibt beim Yoga keine Gewinner, und darum auch keine Verlierer. Niemand ist besser als der andere.

Ich habe nichts gegen einen Teamgeist der darauf gerichtet ist für etwas zu sein. Wenn er sich aber gegen jemanden richtet, werde ich skeptisch.

Bin ich ein Beispiel für den Vereinzelungstrend? Wenn es den Trend überhaupt gibt – möglicherweise.


  1. Richtig, beim Squash spielen nur zwei Leute gegeneinander. Aber wie allen Mannschaften, wechselst du auch beim Squash möglichst oft die „Gegner“. [return]
  2. … weil sie nicht können, weil sie nicht wollen – warum auch immer. [return]
  3. Dabei kommt mir auch oft das Foto vom Reichstagsgebäude in den Kopf, auf dem Aktivisten zu sehen sind, die über die Giebelinschrift: „Dem deutschen Volke“, ein Banner mit dem Text: „Der deutschen Wirtschaft“ hängen. [return]