Wir haben eine Besitzstandswahrungskrise

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Ein altes Fachwerkgebäude mit Schaufenster, in der Auslage
SchuheMit „meinem“ Smartphone fotografiert …

»Wir sind alle schuld!«, schrie, nein, ich kotzte es geradezu heraus. Vorangegangen war eine Diskussion über das allgegenwärtige Thema „Flüchtlinge“. Meine Schuldzuweisung bezog sich auf die Flüchtlingsursachen. Und ich dachte dabei zum Beispiel an das Smartphone, das ich mir einige Woche zuvor gekauft hatte. Das war vor etwa einem halben Jahr.

Ich glaube, mit meiner verbalen Entgleisung vermochte ich nicht zu überzeugen. Gleichwohl habe ich in den vergangenen Monaten die Behauptung mehrfach im Wortlaut wiederholt, wenn es um das Thema Flüchtlinge ging. Und immer wieder habe ich das Smartphone als Beispiel genommen.

Wenn wir genau wüssten, wenn wir den Weg des Smartphones genau nachvollziehen könnten: vom Abbau der nötigen Rohstoffe bis zum Zusammenbau, wenn wir die Rahmenbedingungen kennen würden, unter denen diese Arbeiten erfolgen, wenn wir genau wissen würden, wie die an dem Prozess beteiligten Menschen für ihre jeweilige Arbeit entlohnt wurden – was würden wir dann tun? Was würden wir ändern?

Ich habe ein sehr ambivalentes Verhältnis zu meinem Smartphone. Einerseits bin ich jeden Tag aufs Neue begeistert, über die Möglichkeiten die es mir bietet. Andererseits wird mir übel wenn ich darüber nachdenke, wie viel Ungerechtigkeit es vermutlich manifestiert hat. Als ich eben von „meinem“ Smartphone schrieb, habe ich mich im Gedanken an solche Dinge: „Kinderarbeit fürs Smartphone: Amnesty-Bericht zu Kobaltminen im Kongo“, gefragt: Ist es wirklich mein Smartphone?

Vor einigen Wochen schrieb ich:

Denn wir werden lernen müssen zu verzichten, unsere materiellen Ansprüche herunterzuschrauben. Wir werden lernen müssen, weniger zu haben. – Die Frage ist nur, für wen wir das tun. Tun wir es für eine Hand voll Warren Buffett´s, oder tun wir es für alle Menschen – um zu teilen – um zu teilen für eine gerechtere Welt.

Nach wie vor bin ich davon überzeugt. Ich gebe aber auch zu, dass ich den Gedanken gern verdränge. Doch die Nachrichten aus dieser Welt: Armut, Hungersnöte, Klimakatastrophen, Kriege, erinnern mich immer wieder daran.

Diese Woche las ich einen Artikel unter www.nachdenkseiten.de: „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch von Fluchtursachen schweigen.“

Merkels humane Haltung gegenüber Flüchtlingen gilt als unklug und naiv. Ich halte dagegen alle für naiv, die sich weigern zu begreifen, dass wir einen Point of no Return erreicht haben. Es gibt kein Zurück mehr. Es ist ignorant, nicht wahrhaben zu wollen, dass die Flüchtlinge uns eine Lektion erteilen: Es war eine Lebenslüge zu glauben, ein kleiner Teil der Welt könne auf Dauer in Frieden und Wohlstand leben, während der Großteil in von den westlichen Eliten mitverschuldeten Kriegen, Chaos und Armut versinkt. Dass sich eine Völkerwanderung früher oder später in Bewegung setzen würde, haben wir geahnt. Eigensüchtig haben wir gehofft, es würde später losgehen. Wie sehr der Wohlstand im wohlhabenden Westen, gerade auch in Deutschland, auf Kosten anderer geht, wollten wir so genau nicht wissen. […] Im Grunde haben wir keine Flüchtlingskrise, sondern eine Besitzstandswahrungskrise.

Daniela Dahn im Interview: „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch von Fluchtursachen schweigen“, www.nachdenkseiten.de

So wohl ich mich auch fühle, mit dem was ich habe und darf, doch wenn ich über meinen Tellerrand hinausschaue, wenn ich lese, was auf dieser Welt passiert, wenn ich darüber nachdenke, welche Ursachen das möglicherweise hat, dann kann ich dem nicht widersprechen: Wir haben eine Besitzstandswahrungskrise.

Prof. Dr. Gunter Dueck twitterte kürzlich:

Dummheit beginnt so: Maximum = Optimum!

— Prof. Dr. Gunter Dueck, twitter.com

Vermutlich hat er dabei an etwas ganz anderes gedacht als ich …