Wenn die Herbstfanfaren zur Ordnung rufen

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 4 Minuten

Ein Garten mit vielen Laubpflanzen

Habt Ihr das auch gehört, die CSU hat ein neues Grundsatzprogamm. Das trägt den Titel: Die Ordnung. „Ordnung in einer Zeit der Unordnung.“

Die Ordnung. Wer sehnt sich nicht nach ihr? Besonders jetzt, in einer Zeit der Unordnung. In einer Jahreszeit, in der sich die Blätter flashmobartig von den Bäumen stürzen. Selbst in Gärten die nicht größer sind als eine Tischtennisplatte mit Verlängerungsschnur, sehen sich viele Gartenbesitzer mittlerweile schon gezwungen schweres Geschütz aufzufahren. Ohne den Herbstfanfaren, also den Laub-Bläsern und -Saugern, scheinen sie die Ordnung einfach nicht wieder herzustellen zu können.

Wir halten fest: Laub schafft Unordnung. Muss also weg. Und wenn ich jetzt die CSU wählen würde, dann …

Gleichwohl, Ordnung gibt ein Gefühl der Sicherheit. Und darum brauchen wir viele Sicherheitsbehörden. Die wiederum brauchen alle Informationen über mich, damit sie prüfen können, ob ich in Ordnung bin. – Aber wer legt fest, ab wann ich in Unordnung bin. Und ist diese Datensammel-Leidenschaft des Staates eigentlich in Ordnung? Also ich finde die in Unordnung.

Wenn ich durch die Büros meiner Kollegen*innen gehe, stelle ich mitunter fest, dass Ordnung relativ vielfältig daher kommt. Nun frage ich mich: Was würde wohl passieren, wenn wir alle gegenseitig unsere Wohnungen inspizieren und dann darüber abstimmen, welche Wohnung in Ordnung, und welche in Unordnung ist.

Habt Ihr schon mal beobachtet, wie Eure Mitmenschen in den Geschäften den Einkaufwagen bestücken, wenn sie die Lebensmittel an der Kasse nach dem Bezahlen vom Band nehmen? Einige betreiben einen enormen Aufwand, damit alles an seinem Platz ist.

Tja, was ist Ordnung?

Erst neulich habe ich mich kurz daran abgearbeitet. Da ging es darum, dass die Gräber zu Allerheiligen in Ordnung sein sollten müssen. Dabei erwähnte ich, dass die eigene Sicht von Ordnung auch gern mal mit dem Satz: »Das macht man doch so!«, „begründet“ wird.

Eine weitere Variante dieser „Argumentation“ lautet: »Weil es sich so gehört!« Im Gegensatz zur ersten Variante, die eher wie Rechtfertigung klingt, klingt diese sehr stark nach law and order. Und es wird auch deutlich was passiert, wenn unsereins anders tickt: »Wenn du das nicht so machst, gehörst du nicht zu uns!« Solche Aussagen sind also nicht nur dogmatisch, sie beinhalten sogar eine Drohung.

Und noch etwas schwingt bei diesen „Argumenten“ mit: »Das haben wir schon immer so gemacht! Und so soll es bleiben!« Hier kommt der Wunsch zum Ausdruck, Gegenwart und meistens auch Vergangenheit in Beton zu gießen. Ich will mich nicht bewegen, ich habe mich hier so eingerichtet.

Warum erzähle ich das?

Ich glaube, dass an diesen Beispielen schon deutlich wird, dass es verflixt schwierig ist, Ordnung oder wahlweise auch Unordnung zu definieren. Ich versuche das mal anhand des ersten Beispiels zu verklären.

Im Herbst fallen die Blätter von den Bäumen. Und dann kommt noch dieser Wind, dieser damische daher, und verteilt das Laub auch noch – irgendwohin, wo es ihm gerade so passt. Wir sagen dazu: »Scheiß Unordnung!« Und die Bäume und der Wind sagen: »Das haben wir schon immer so gemacht!« Wer hat recht?

Änderungen zu akzeptieren fällt vielen schwer. Mir auch. Auch ich versuche dann hartnäckig die „Zeit“ zurückzudrehen, so, dass die Dinge wieder so sind wie ich sie gern hätte … Die gute alte Zeit. Damit alles wieder in Ordnung ist. Doch wenn sich die „Dinge“ nicht ändern lassen? Herbst und Winter lassen sich nicht wegklicken.

Ihr kennt das bestimmt auch. Lange habt Ihr darum gekämpft, dass ein gewünschter Zustand wieder hergestellt wird. Doch irgendwann habt Ihr eingesehen, dass es gut ist, wie es jetzt ist.

Ich finde Laub klasse! Laub ist ein Rohstoff. Ich habe ein Menge Büsche, Sträucher, Bäume im Garten. Im Laufe des Jahres fällt dabei eine riesige Menge an „Grünschnitt“ an – besonders im Herbst. Doch nichts davon entsorge ich. Im Gegenteil, ich freue mich darüber. Ich kompostiere das. Wie ich das mache, schildere ich gelegentlich mal. – Wir kaufen Blumenerde, wir kaufen Pflanzenerde, und wir kaufen Rindenmulch. Was ist das für ein Zeugs? Oder: Was war das mal?

#dieOrdnung

Ordnung in einer Zeit der Unordnung!, ruft die CSU. Wir wollen, dass auch der Herbst Frühling ist!

Das Problem: Ordnung lässt sich nicht so definieren, dass alle damit einverstanden sind. Ordnung lässt sich auch nicht zeitlos definieren. Die Welt kümmert sich um unsere Ordnung nicht. Sie wird sich weiterdrehen.

Aber wenn wir die Welt besser machen wollen, dann sind Diskussionen um die Ordnung nicht hilfreich.

Update vom 14.11.2016: Eigentlich wollte ich dieses Foto in dem Artikel Eine Liebeserklärung an Schwalenberg untergebracht haben. Ich habe es in der Kirche von Schwalenberg aufgenommen.

Schwalenberg: Kirche

Aber für #dieOrdnung der Christlich-Sozialen Union in Bayern (CSU), hier noch mal der Hinweis:

Wenn ein Fremdling bei Euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken.

— 3. Mose 19,33