Weihnachten – Sei das frohe Fest!

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Bäume spiegeln sich in einem See

Heiligabend 2016. Ich komme gerade aus dem Seniorenheim, in dem meine Mutter wohnt. Nahezu jeden Tag gehe ich sie besuchen. Und trotzdem habe ich mich noch nicht daran gewöhnt. Eine Demenz-Station ist halt kein Kindergarten, in dem Dir das pulsierende Leben entgegen springt.

Ich weiß, meine Gefühle, meine Traurigkeit ist hausgemacht. Denn ich habe keine Ahnung, was meine Mom und ihre Mitbewohner*innen wirklich empfinden. Menschen mit Demenz leben in einer anderen Welt, wird oft gesagt. Tatsächlich entsteht dieser Eindruck, wenn sie miteinander oder mit mir kommunizieren möchten. Ihre Sprache ist schwer, häufig auch unmöglich zu verstehen. Sie reden, meist ohne einen einzigen, vollständigen Satz zu bilden. Sie schauen dich an, und doch sieht es bisweilen so aus, als schauen sie durch dich hindurch, in eine andere, weit entfernte Welt.

Ob meine Mum weiß wer ich bin, weiß ich nicht. Manchmal sagt sie meinen Namen, manchmal den ihres Bruders, und manchmal bin ich auch „die“ und nicht „der“, wenn sie von mir spricht. Doch es ist wunderschön ihr Lächeln und ihre Freude zu sehen, wenn ich sie begrüße. Wer auch immer ich für sie bin, eines weiß ich, sie spürt meine Zuneigung.

Wenn ich ihr das Essen anreiche und dabei leise singe oder summe, denke ich oft an Kinderspiele: »Rollentausch, jetzt bin ich dran!« – Ich bin jetzt dran. Du darfst wieder Kind sein. Du darfst loslassen. Ich bin für dich da.

Bevor ich falsch interpretiert werde, das sind erwachsene Menschen, und so sollten wir sie immer behandeln, auch wenn sie sich mitunter wie Kinder benehmen.

Ich habe das Wort bewusst so stehen gelassen: „benehmen“. Benehmen erfordert eine Kontrolle, eine Selbstbeobachtung. Inwieweit können das Menschen mit Demenz? Die Erkrankung kommt mit einer Vielfalt daher, wie es Menschen gibt, die daran leiden. Auch der Begriff „leiden“ lässt sich an dieser Stelle hinterfragen. Leiden sie? Zu Beginn der Erkrankung – bestimmt. Und später? It depends. Es ist also nicht leicht ein Vokabular zu finden, welches ihnen gerecht wird.

Heute Nachmittag haben wir Weihnachtslieder gesungen – meine Mom, ihre Mitbewohner*innen, Angehörige, die Pflegekräfte und ich. Es ist mir schwergefallen. Dennoch hätte ich nirgends anders sein wollen. Denn nicht nur in der ersten Phase unseres Lebens brauchen wir die Liebe und Fürsorge unserer Mitmenschen, wir brauchen sie auch in der letzten Phase.

Weihnachten.

Warte nicht auf ein frohes Fest, sei das frohe Fest!

— Anatol Stefanowitsch auf twitter.com/astefanowitsch

In diesem Sinne, nehmt das: Weihnachtsnaach.