Was sind Cargo-Kulte?

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Gartendeko

»Was ist ein Cargo-Kult?«, bin ich neulich gefragt worden. Dazu gibt es eine interessante Geschichte, die das, wie ich finde, sehr gut veranschaulicht.

Stellt Euch mal eine einsame, isolierte Insel irgendwo da draußen im Ozean vor. Die Inselbewohner leben friedlich vor sich hin. Eines Tages rücken Militärs von einer „zivilisierten Großmacht“ an und errichten dort eine Militärbasis. Für die schnelle Versorgung baut das Militär eine Start- und Landebahn für Flugzeuge, und stellen daneben einen Tower auf. Viele Flugzeuge landen und bringen dabei reichlich Frachtgut (englisch cargo) mit. Als die Notwendigkeit für die Basis wegfällt, ziehen die Militärs ab. Dabei bauen sie auch zurück, was sie erstellt haben – zum Beispiel den Tower.

Die Inselbewohner hatten beobachtet, das immer wenn bestimmte Soldaten den Turm bestiegen, kurze Zeit später ein großer Vogel landete, der den Soldaten die vielen Sachen brachte. Begrüßt wurden die Vögel von einem Soldaten, der auf der Landebahn stand und wie wild mit den Armen ruderte.

Die Inselbewohner zogen ihre Schlüsse daraus, bauten einen Turm, ließen ihn von ihren Priestern besteigen, schickten einen weiteren auf die noch vorhandene Landebahn… doch so sehr dieser auch mit den Armen ruderte, so intensiv die Priester diesen Kult auch pflegten, es kam keiner dieser großen Vögel.

Diese, mit meinen Worten wiedergegebene Geschichte hat einen wahren Hintergrund – siehe Wikipedia.

Wir sollten nicht in die Versuchung kommen, über die Inselbewohner zu lachen. Wir, die wir glauben so viel schlauer zu sein, machen so etwas auch – und das sogar sehr oft. Auch wir kultivieren Ersatzreligionen, auch wir bauen Türme. Ihr kennt diese Leuchtturmprojekte.

Ein „Leuchtturm“ wird aufgestellt, irgendwo hinein in die „Landschaft“, egal ob der dorthin passt oder nicht, und dann – dann geschieht weiter nichts. Aber immerhin: Wir haben einen „Leuchtturm“. Wir haben sogar einen Ausschuss, ein Logo, Flyer und passend bedruckte Tassen dafür. Sogar die Zeitung hat mehrmals darüber berichtet. Aber ob der ganze Wirbel was bringt oder gebracht hat, hat niemand hinterfragt.

Gelegentlich wird im englischen Sprachraum der Ausdruck „Cargo-Kult“ für oberflächliche Nachahmung äußerlicher Handlungsweisen erfolgreicher Menschen in Erwartung von Reichtum und Ansehen verwendet.

— de.wikipedia.org: Cargo-Kult, Metaphorischer Begriffsgebrauch

Nachahmung. Wir kennen das: »Die haben das alle gemacht! Das kommt bestimmt gut an! Das müssen wir auch machen!« Fragen nach dem Sinn, nach alternativen Möglichkeiten, ob die Aktion zum Unternehmen, zur Einrichtung, zur Behörde, zur Stadt passt, ob die Ressourcen dafür vorhanden sind … solche Fragen werden nicht gestellt. Umtriebigkeit wird zum Kult, zur Show. »Wir machen was!« Die reale Wirkungslosigkeit des Handels wird dabei vehement verdrängt.

Selbstverständlich gibt es auch in Lügde solche Cargo-Kulte. Ein Beispiel ist für mich die Wirtschafts- und Sozialraumkonferenz in Lügde. Viel Wind wurde darum gemacht. Unzählige Leute wirkten dabei mit. Stundenlang. In vielen Sitzungen. Das Ergebnis: ich kenne keines. Falls Ihr mir nicht glaubt, googelt mal danach.

Was sind Cargo-Kulte?

Nun will ich Euch aber auch verraten, wo ich den Begriff „Cargo-Kult“ aufgeschnappt habe: auf der diesjährigen re:publica (zur Verklärung siehe Wikipedia). Prof. Dr. Gunter Dueck hat dort einen hochinteressanten Einblick in Cargo-Kulte gegeben. Schaut Euch das Video an! Es lohnt sich.

Cargo-Kulte und Nautik

Aufmerksame Leserinnen und Leser werden jetzt fragen: »Du hast gestern geschrieben, dich heute der Nautik zu widmen.« Stimmt. Mache ich jetzt:

Tatsächlich haben mich meine Gedanken zum Thema Cargo-Kulte auch zur Nautik getragen. Vermutlich hat das Drachenbootrennen auf dem Schiedersee für die Verknüpfung gesorgt. Denn ich hatte schon mal etwas zum Thema Nautik geschrieben, und dabei den Schiedersee erwähnt.

Unterstellen wir also mal, das Schiff ist nicht gerade am Land festgemacht, sondern auf hoher Schieder-See. Wir sehen das Schiff mitten auf dem See, die Segel vom lippischen Landwind aufgebläht, krachend, stampfend gegen kleinkinderfußhohe Wellen kämpfend. Aber trotz beeindruckender Szenerie und allem Getue kömmt das Schiff nicht von der Stelle. Seit einer Viertelstunde befindet es sich auf der Höhe des Restaurants Breitengrad. Treffsicher können wir dann feststellen: Jenes Schieder-Hochseeschiff macht keine Fahrt über Grund.

— soheit.de: Die Nautik und der Mensch

Trotz beeindruckender Szenerie und allem Getue: keine Fahrt über Grund. – Erinnert Euch das nicht auch an Cargo-Kulte?