Was heißt das, etwas erlebbarer machen?

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Ein grüner Waldboden

Vor ein paar Tagen habe ich es wieder gelesen, dieses Wort: „erlebbarer“. Es scheint aus dem Marketingbereich stammen. Denn nach meinen Beobachtungen taucht es immer dann auf, wenn es darum geht ein beschauliches, größtenteils von Natur geprägtes Refugium „aufzuwerten“. Das, um die Stadt interessanter zu machen, um mehr Menschen dorthin zu locken. Beispiel: Lügde: Emmerwiesen sollen „erlebbarer“ gemacht werden.

Auch der Emmerauenpark in Lügde soll „einen erlebbaren […] Freiraum“ bieten. In der Tat hat der Emmerauenpark die Fläche zwischen der Stadtmauer und der Emmer enorm aufgewertet. Vorher sah die Fläche weitestgehend langweilig aus. Aber ist sie durch den Emmerauenpark erlebbarer geworden?

Was heißt das, etwas erlebbarer machen?

Das kann heißen, Wege zu bauen, damit man zum Beispiel das Ufer der Emmer oder des Gondelteiches erleben kann. Denn wenn ich wegen der am Gewässerufer dicht wachsenden Pflanzen den Fluß oder den Teich nicht sehen kann, kann ich ihn möglicherweise nicht erleben. Aber wir wissen auch, wie wichtig Uferpflanzen für das Gewässer, für die Tierwelt, für den Erhalt der Natur sind.

Eingangs habe ich den Begriff „aufwerten“ gewissermaßen als Synonym für „erlebbarer“ ins Spiel gebracht. Wenn wir Natur erlebbarer machen, haben wir sie dann aufgewertet?

Der Gondelteich an der Südstraße in zentrumsnaher Lage Bad Pyrmont ist ein Naturidyll. Ente, Fischreiher, Wasserschildkröten und Schwäne tummeln sich auf der Wasseroberfläche, darunter ziehen unter anderem Karpfen ihre Kreise. Hier geht es eher beschaulich zu. […]

— Pyrmonter Nachrichten, 14.6.2016, Seite 9 1

Als ich mich neulich mit jemanden über die angedachte „Erlebbarermachung“ des Gondelteiches in Bad Pyrmont unterhielt, fügte ich provokativ hinzu: »Und dann stellen wir in Ufernähe Infostelen mit QR-Code und so weiter auf. ›Laden Sie sich die APP zum Gondelteich herunter! Damit können Sie sich die Vogelstimmen anhören, die Sie hier live hören könnten wenn wir den Teich nicht erlebbarer gemacht hätten.‹«

Erlebbarermachungen sind typisch für unsere Zeit. Wenn etwas nicht grell, quietschbunt, laut und einfach ist, dann ist es nicht da. Dann nehmen wir es nicht wahr. Dann ist es für uns nicht erlebbar. Wir wollen erlebbarer! Ob wir das auch immer brauchen, ob das wirklich gut ist, das hinterfragt heute kaum jemand.

Könnte es sein, das diese Erlebbarermachungen Offenbarungseide, Armutszeugnisse sind?

Wozu muss etwas erlebbarer gemacht werden? Doch nur, wenn es vorher nicht erlebbar war. Aber kann ich etwas nicht erleben, obwohl es da ist, obwohl es vor meinen Augen ist, obwohl ich es schnell erreichen könnte?

Was heißt das dann, etwas erlebbarer machen?

Etwas erlebbarer machen bedeutet dann, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Empathie herstellen, die vorher fehlte. Doch kann man Natur erlebbarer machen? Können wir Gewässer, Wälder erlebbarer machen? Ja, ein bisschen, zum Beispiel mit Waldlehrpfaden oder mit Themenwegen, wovon wir in Lügde reichlich haben.

Dennoch frage ich mich: Warum kann man die Natur, die Gewässer, die Wälder nicht einfach so wie sie sind erleben – ohne auffällige Landschaftsliegen, ohne Schilder, ohne Bimbamborium? Warum fehlt es so oft an Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Sensibilität, Empathie? Ist unsere Wahrnehmung nicht mehr sensibel genug?

Ich glaube: Je häufiger wir etwas erlebbarer machen, desto mehr verlernen wir das „einfache“ erleben, desto mehr brauchen wir dafür künstliche Anreize.


  1. Pyrmonter Nachrichten, 14.6.2016, Seite 9, „Gesucht: Ideen für den Gondelteich, Stadtwerke geben Gewässer an Stadt zurück / BPT-Chef Stahlhut hat Lügdes Emmerauenpark im Blick“ [return]