Warum soll Lügde Fairtrade-Town werden?

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Ein Regal in einem Lebensmittelgeschäft ist mit Fairtrade-Produkten bestückt.

Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen schwindelig. Wobei schwindelig vielleicht sogar noch eine harmlose Umschreibung dessen ist, was mir zurzeit so durch den Kopf geht. Höchste Zeit, ein bisschen Ordnung zu schaffen.1

Unsere jüngste Fairtrade-Town-Aktion

In dem Artikel Der Eine-Welt-Laden in Lügde habe ich sie bereits kurz erwähnt: Am 16.12.2016 fand unsere erste Fairtrade-Aktion statt. Organisiert hat sie meine Kollegin. Sie hatte auch die Idee zu der vorausgegangenen Weihnachtsmarktwette. Die Wette ist eigentlich ein Marketing-Gag für den Lügder Weihnachtsmarkt. Und sie dachte sich: Warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe fangen?

Es ist auch der Lügder Kolpingsfamilie zu verdanken, dass die Veranstaltung so reibungslos gelungen ist. Die Lügder Kolpingsfamilie hat den Fairtrade-Kaffee gestellt, und der Vorsitzende hat den Kaffee mit deren Profi-Equipment gekocht und dem Bürgermeister für den Ausschank bereitgestellt.

Solche Aktionen gehören zum Pflichtprogramm der Bewerbung, denn: „Einmal pro Jahr wird eine Aktion zum Thema fairen Handel durchgeführt.“2

Rauschen im Blätterwald

Ebenso zum Pflichtprogramm gehört die Öffentlichkeitsarbeit: „Pro Jahr sollen mindestens vier Artikel erscheinen, bei denen die Kampagne thematisiert wird.“3 Ich glaube, dieser Punkt wird uns kein Kopfzerbrechen bereiten. An Beiträgen, wozu auch Online-Artikel zählen, fehlt es uns nicht.

Lügde: Im Mai Fairtrade Town?“, fragte zum Beispiel Radio-Aktiv, und erklärt: „Eine Lenkungsgruppe arbeitet nun daran, alles Notwendige in die Wege zu leiten. Krause möchte die Anerkennung als ‚Fair trade Town‘ spätestens im Mai erreichen, um sie auf dem Lügder Zickenmarkt offiziell vorzustellen.“

Auch in der Dezemberausgabe der „Zeitung der SPD Lüdge“ [sic], dem „Lügder Bote“4, ist ein kleiner Absatz zu der Fairtrade-Town-Bewerbung zu lesen: „Im Mai 2017, pünktlich zum Tag der Städtebauförderung und dem Lügder Zickenmarkt, wird die Stadt Lügde voraussichtlich Fairtrade-Town. Auf Initiative von Joachim Krause (2. Stellv. Bürgermeister) hat Lügde die Weichen für diesen Beitrag zum fairen Handel gestellt.“

Zu unserer ersten Fairtrade-Aktion am 16.12.2017 ist zum Beispiel in den Pyrmonter Nachrichten ein Artikel erschienen.5 Joachim Krause schreibt darin: „Die Lenkungsgruppe ‚Fair Trade‘ freute sich über die gute Resonanz. Im Mai beim 2. Zickenmarkt, so die Planung, soll die offizielle Anerkennung erfolgen.“

Wenn ich alles richtig mitbekommen habe, ist an dem Wochenende, also am 13. und 14. Mai 2017, in Lügde richtig was los. Auf dem Programm bislang notiert: der 2. Lügder Zickenmarkt, der Tag der Städtebauförderung, der Fairtrade-Town-Ritterschlag für Lügde, und nebenbei wählen wir den NRW-Landtag. Mal schauen, wer dabei alles mit anpackt.

In den Artikeln ist wiederholt von der Lenkungsgruppe die Rede. Nun ja, die Steuerungsgruppe6 hat bislang nur einmal getagt, am 21.10.20167. Mehr hat sie bislang nicht gemacht. Joachim Krause, Ratsmitglied, Mitglied der Steuerungsgruppe und Verfasser des initiierenden Antrages8, war bei der Fairtrade-Aktion aber offensichtlich als Vertreter der Presse (siehe oben), und ich9 als Vertreter der Stadtverwaltung zugegeben. Von der Steuerungsgruppe habe ich ansonsten niemanden gesehen.

In den Druck- und Online-Beiträgen der Zeitungen ist teilweise auch davon die Schreibe, dass Lügde die meisten Vorraussetzungen für den Fairtrade-Town-Titel bereits erfüllt habe. Völlig falsch ist das nicht, aber es fehlen schon noch ein paar Voraussetzungen. Beispiel:

„Bei einer Einwohnerzahl unter 200.000 muss jeweils eine Schule, ein Verein und eine Kirche gewonnen werden.“10 Offiziell11 beteiligt sich an der Kampagne bislang weder eine Schule, noch ein Verein, noch eine Kirche. Im Gegenteil, von einer Schule liegt sogar eine Absage vor. Nach dem Gespräch hatte ich den Eindruck, dass man sich nicht „vor den Karren“ spannen lassen wollte. Selbstverständlich sind wir mit allen noch im Gespräch. Aber Begeisterung sieht anders aus. Ganz anders. Ich komme mir bei der Geschichte wie ein penetranter Klinkenputzer, wie ein Bettler vor.

Warum schreibe ich das? Es geht mir nicht darum, das Thema kaputt zu reden. Es geht mir darum, ehrlich zu sein. Die Kampagne ist alles andere als ein Selbstläufer. Da ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig. Aber ich frage mich schon: Wovon soll ich die Menschen überzeugen? Worum geht es hier wirklich?

Fairtrade, ein Buch mit sieben Siegeln?

Lügde möchte Fairtrade-Town werden. Soheit so gut. Aber bei wem hat sich Lügde dazu beworben? Antwort: Bei TransFair, dem „Verein zur Förderung des Fairen Handels in der Einen Welt“ mit Sitz in Köln. „Der Verein vergibt an Importeure, Verarbeitungsbetriebe und Händler, die die Fairtrade-Standards […] erfüllen, das Recht, das Fair-Trade-Siegel für ihre Produkte zu nutzen.“12

»Moment, Fair-Trade-Siegel? Davon gibt es doch mehrere!« Ja, davon gibt es reichlich. Wie zum Beispiel das Siegel von der GEPA, der „Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt mbH“ mit Sitz in Wuppertal oder das von der „El Puente GmbH“ mit Sitz in Nordstemmen.

Das Problem: „Die Kennzeichnung eines Produktes als ‚Fair‘ ist nicht gesetzlich geschützt.“13 Folglich gibt es keine einheitliche Definition von „fairen Handel“. Es ist also nicht leicht herauszufinden, wie fair ein Produkt gehandelt wurde. Schaut Euch einfach mal bei den Verbaucherzentralen14 um. Lest mal, was dort zum Beispiel zum Stichwort Mengenausgleich zu lesen ist.

Warum erzähle ich das? Wenn die Kennzeichnung eines Produktes als „Fair“ nicht gesetzlich geschützt, wenn sie nicht einheitlich geregelt ist, warum „unterwirft“ sich Lügde dann dem Regelwerk von TransFair? Okay, es gibt nach meinem Kenntnisstand dazu keine Alternative, aber wir könnten genauso gut auch selbst ein Fairtrade-Town-Regelwerk kreieren.

Zwischenergebnis

Je intensiver ich mich mit dem Thema Fairtrade beschäftige, desto schwindeliger werde ich. Klar, ich bin sehr dafür, dass wir, dass Lügde was Gutes tut. Und die Fairtrade-Town-Geschichte scheint auf dem ersten Blick auch sowas zu sein – was Gutes. Aber ich werde immer skeptischer.

Ich finde es gut, wenn durch die Fairtrade-Town-Geschichte Mitmenschen beginnen, sich darüber Gedanken zu machen: Werden alle Menschen, die an der Produktion dieses Produktes beteiligt waren, fair bezahlt? Unter welchen Bedingungen arbeiten sie? Wie viele Schadstoffe für Mensch und Umwelt umgibt das Produkt?

Wusstet Ihr, dass das Gewicht des Verpackungsmülls von Kaffee-Kapseln in einem Jahr dem Gewicht von 33.000 VW-Golfs entspricht? Wusstet Ihr, dass, wenn man die tägliche Menge von verbrauchten Coffee-to-go-Bechern in Deutschland übereinander stapeln würde, eine Höhe erreicht würde, die 86 Mal der Höhe des Mount-Everest entspricht?15

Aber um solche Fragen geht es bei der Bewerbung als Fairtrade-Town überhaupt nicht: Wie vermeiden wir den Verpackungsmüll? Zumindest nicht vorrangig. Es geht darum, bei dem Kauf von Produkten darauf zu achten, dass die Produkte ein Fairtrade-Siegel haben, und wenn eben möglich ein ganz bestimmtes Fairtrade-Siegel.

Auch wenn ich mich dauernd wiederhole: Hier geht es hauptsächlich um die Frage, wie kommt etwas zu uns. Und was danach ist, interessiert erstmal keinen. Nachhaltigkeit, Ganzheitlichkeit geht anders.

Global denken, lokal handeln. Fairtrade-Produkte kaufen, gehört dazu. Aber wie oben ausgeführt, das Problem bleibt: Wie viel Fairtrade in diesen Produkten drin ist, ist schwer herauszufinden.16 Dabei können wir so viel machen, um lokal dazu beizutragen, diese Welt ein Stückchen besser, lebenswerter zu gestalten. Zwei Beispiele:

Lügde soll 2017 am Stadtradeln teilnehmen. „Stadtradeln ist […] eine Kampagne des Klima-Bündnis [und] dient zum Klimaschutz sowie zur Radverkehrsförderung.“17 Das hatte ich hier auch schon: Lügde die Fahrradstadt …

Heute ist Silvester. „133 Millionen Euro wollen [die Deutschen] nach Schätzung der pyrotechnischen Industrie in Böller investieren und damit an Silvester das Jahr 2017 einläuten.“18 In Lügdes Altstadt ist Böllern verboten. Warum lassen wir in Lügde das Böllern nicht komplett ausfallen? Auch das wäre ein sehr guter Beitrag für die Umwelt – keine verängstigten Tiere, saubere Luft, keine dreckigen Straßen und Gärten, und so weiter.

01.01. - 28.12.: “Ich bin zu arm für Bio-Lebensmittel und faire Kleidung!”
29.12. - 31.12.: “Geiiiiiiil! Endlich wieder Böller und Raketen!”

— Matthias Oomen unter twitter.com/OomenBerlin

Ich habe nicht den Eindruck, dass solche Dinge in Lügde zusammengefasst und dann zu einem roten Faden verwoben werden. Es wird nicht erkannt, dass alles mit allem zusammenhängt. Wer denkt schon beim Kauf eines Smartphones an Kinderarbeit und Fairtrade?19

Mein Fazit: Wir sollten nicht dem Regelwerk eines von vielen Fairtrade-Siegeln hinterherlaufen. Aber wir sollten uns bei allem was wir tun immer wieder die Fragen stellen: Ist das nachhaltig? Ist das Ganzheitlich?20

Warum soll Lügde Fairtrade-Town werden?

Gegenfrage: Wer will denn, dass Lügde Fairtrade-Town wird? Wie ich oben schon sagte, das Gros der Bürger*innen ist von der Fairtrade-Town-Geschichte offensichtlich wenig begeistert.

„Lügde will Fair Trade Town werden und hat die meisten Voraussetzungen (unter anderem den einstimmigen Beschluss des Rates) auch bereits erfüllt.“21

Antwort auf die Gegenfrage: Das möchte der Rat der Stadt Lügde. Ich frage jetzt einfach mal den Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Und warum möchte er das?

Verbunden mit dem stark wachsenden Medieninteresse an diesem Thema bietet es die Chance, das Image der Stadt oder Gemeinde zu verbessern und somit die Stellung innerhalb der Region und die Region selbst zu stärken. Zudem gibt es vereinzelt die Erwartung, dadurch auch den Tourismus zu beleben, um langfristig von der Teilnahme zu profitieren […]

— Landschaftsverband Westfalen-Lippe: „Fairtrade-Towns“ in Westfalen

Ich dachte, es geht darum darauf hinzuwirken, dass Menschen für ihre Arbeit gerecht entlohnt werden, dass sie unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten können und sogar darum, Menschen zu helfen, die auf der Flucht vor Kriegen und Hungersnöten sind. Okay, genug der Frotzelei. Wenn wir uns die erste Seite des initiierenden Antrages (PDF) anschauen, scheint das das Motiv zu sein. Denn dort ist von den Flüchtlingen die Rede. Auf der zweiten Seite des Antrages (letzter Satz) heißt es dann: „Die ‚FairTrade‘-Anerkennung ist in der Öffentlichkeit positiv besetzt und kann unserem Renommee regional und überregional durchaus förderlich sein.“

Wenn ich dann hergehe und mir die Berichterstattungen über Lügdes Fairtrade-Town-Bewerbung in den lokalen Medien anschaue, glaube ich, das ist die Antwort auf die Frage: Warum soll Lügde Fairtrade-Town werden?

Wir wollen unser Ansehen aufpolieren und mit anderen Städten, wie Bad Pyrmont gleichziehen.

Ich habe bislang keinen Bericht gelesen, der sich eingehend mit den Hintergründen rund um das Thema Fairtrade beschäftigt; keinen Bericht, der Zusammenhänge mit anderen Problemen, zu deren Beseitigung wir ebenfalls beitragen können, aufzeigt. Es geht hauptsächlich immer nur darum, dass wir in Lügde mit Leichtigkeit alle Voraussetzungen erfüllen können, und dass wir uns schon riesig auf die Auszeichnungsfeier freuen.

Mehr Schein als Sein. – Schade.

Update 7.1.2017:

Seit Jahren frage ich mich, warum wir nicht endlich mal über den „Sinn“ von Feuerwerken & CoKG nachdenken. Lest mal unter www.sueddeutsche.de: Feinstaub-Exzess durch Silvesterfeuerwerk.

“Für die Zukunft erwarten wir deutlich mehr lenkende Maßnahmen von den Kommunen”, sagt Resch.

Ähm. Ich auch.


Bisher deutet nichts auf einen journalistischen Hintergrund der Berichterstattung hin.

— Herr Zivilschein unter twitter.com/Zivilschein


  1. Wenn es einen zweiten Zwischenbericht gibt, gibt es selbstverfreilicht auch einen ersten Zwischenbericht zum Thema Fairtrade-Town Lügde. [return]
  2. Siehe www.fairtrade-towns.de: Wie viel Akteure aus der Zivilgesellschaft sind für unsere Kommune nötig? [return]
  3. Siehe www.fairtrade-towns.de: Wie viele Artikel sind für unsere Kommune nötig? [return]
  4. Die „Zeitung“ lag eines schönen Wochenendes bei mir im Briefkasten. Einfach so. Warum auch immer. [return]
  5. Siehe Druckausgabe der Pyrmonter Nachrichten vom 17. Dezember 2016, Seite 11: „Und es serviert: der Bürgermeister!“, zweite Überschrift: „Reker löste auf dem Marktplatz seine ‚Kiss me‘-Wettschuld ein“ [return]
  6. Die korrekte Bezeichnung lautet Steuerungsgruppe, nicht Lenkungsgruppe. [return]
  7. Siehe zum Beispiel luegde.de: Die Osterräderstadt möchte Fairtrade-Town werden [return]
  8. Siehe Antrag der SPD-Fraktion Lügde vom 8.12.2015 (PDF) [return]
  9. Ich bin Vertreter des Bürgermeisters in der Steuerungsgruppe. [return]
  10. Siehe www.fairtrade-towns.de: Wie viel Akteure aus der Zivilgesellschaft sind für unsere Kommune nötig? [return]
  11. Offiziell heißt, mir fehlen die erforderlichen „Beitrittserklärungen“. Die Vordrucke habe ich unter luegde.de/rathaus/fairtrade-town verdrahtet. [return]
  12. Siehe de.wikipedia.org.de: TransFair. [return]
  13. Siehe de.wikipedia.org.de: Fair-Trade-Siegel, Kritik. [return]
  14. Beispiel Verbraucherzentrale NRW: Faire Lebensmittel: Das bedeuten die Label oder Faire Kleidung: Was die Siegel sagen. [return]
  15. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe in der Sendung Kaffeemaschinen & Co. Der Haushalts-Check mit Yvonne Willicks vom 29.2.2016. Darum war es meiner Kollegin auch wichtig, dass der Fairtrade-Kaffee bei unserer jüngsten Fairtade-Aktion nicht in Coffee-to-go-Bechern ausgeschenkt wird. [return]
  16. Nochmal mein Tipp, schaut Euch die vielen Videos die es dazu im Netz gibt mal an. [return]
  17. Siehe www.stadtradeln.de: Das Konzept der Kampagne. [return]
  18. Siehe www.tagesschau.de: Silvester-Feuerwerk 2016: 133 Millionen Euro für Böller und Raketen [return]
  19. Siehe dradiowissen.de: Reflexion über Alltagsgegenstände: Wie viel Kinderarbeit steckt drin? [return]
  20. Ich habe das schon mal erzählt, siehe: Was könnte Lügde alternativ tun?, unter: Soll Lügde Fair-Trade-Stadt werden? Hier meine Antwort. [return]
  21. Siehe Druckausgabe der Pyrmonter Nachrichten vom 17. Dezember 2016, Seite 11: „Und es serviert: der Bürgermeister!“, zweite Überschrift: „Reker löste auf dem Marktplatz seine ‚Kiss me‘-Wettschuld ein“. Nebenbei: Ein einstimmiger Beschluss war dazu nicht erforderlich. Siehe fairtrade-towns.de: Kriterium 1: Ratsbeschluss. [return]