Warum ich gegen den Kauf von Tablets für die Ratsarbeit bin

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Ein Kugelschreiber liegt auf einer etwas reflektierenden
UnterlageSelbst schreiben. Immer ein guter Tipp.

In vielen Städten und Gemeinden können Ratsmitglieder Protokolle und Informationsmaterialien zu den politischen Sitzungen bereits online einsehen (Ratsinformationssysteme). Im Gegensatz zu den Bürgerinnen und Bürger, die nur die „öffentlichen“ Dokumente online abrufen können (Bürgerinformationssysteme), können Ratsmitglieder auch „nicht öffentliche“ Dokumente online einsehen. Dafür haben sie eigene Zugangsdaten zum Ratsinformationsportal.

Warum sollte die digitale Entwicklung diesen Bereich auch ausklammern? Das erste postulierte Argument dafür lautete: Wir wollen die Papierflut eindämmen, mit der die Kommunalpolitiker mitunter nahezu ertränkt wurden.

Einige Städte und Gemeinden sind bereits einen Schritt weiter. Sie haben ihre Kommunalpolitikern mit Tablets ausgestattet. Mit den Tablets können sich die Politiker mittels einer App in das Ratsinformationssystem einloggen. Die App ermöglicht ihnen jedoch nicht nur die Dokumente zu lesen, sie können sie beispielsweise auch bearbeiten, also mit Kommentaren und Hinweisen versehen, und sie mit anderen Ratsmitgliedern teilen.

Und darum geht es hier: Ich halte den Kauf von (zusätzlichen) Tablets für die Ratsarbeit nicht für notwendig.

Zunächst noch ein Hinweis: Wenn ich hier von „Bürger- und Ratsinformationssystem“ schreibe, habe ich das Produkt vor Augen, mit dem wir in Lügde arbeiten. Andere Systeme sind mir nicht bekannt. Ich gehe jedoch davon aus, dass sie sich in dem Funktionsumfang und der Funktionsweise ähnlich sind.

Soheit zur Einleitung.

Es war dieser Artikel von Andreas, der mich auf das Thema gebracht hat: Stand „Papierloser Rat“ (genau genommen war es dieser Tweet). Okay, okay, es gibt noch ein Grund mehr, weshalb ich mich dazu äußere. Doch darauf komme ich später noch kurz zurück. Jetzt aber zu den Gründen, warum ich gegen den Kauf von Tablets für die Ratsarbeit bin.

Fehlende Konzentration

Ist es den Schülerinnen und Schülern erlaubt, im ganz normalen Unterricht einer ganz normalen Realschule ihr Smartphone zu benutzen? Ich stelle die Frage, weil ich sie nicht sicher beantworten kann. Ich vermute, das ist nicht gängige Praxis, weil, so nehme ich an, das den Unterricht stören würde. Die Schülerinnen und Schüler würden, so meine Einschätzung, ihrem Smartphone mehr Aufmerksamkeit schenken, als dem Unterricht.

Kürzlich habe ich an einem „Anwendertreffen“ teilgenommen. Die Veranstaltung war gut besucht. Es ging um ein Softwareprodukt, aber auch darum, mit welcher Hardware sie genutzt werden kann – und mit welcher sie genutzt werden sollte. Zu meiner Rechten saß ein Teilnehmer, der sich über weite Strecken der Veranstaltung hauptsächlich seinem Tablet widmete. Er las und beantwortete E-Mails, und informierte sich in den Onlineausgaben diverser Lokalzeitungen. Der Teilnehmer zu meiner Linken beantwortete mit seinem Smartphone Fragen, die ihm via WhatsApp gestellt wurden.

Ich selbst verkniff es mir, mein Smartphone herauszukramen. Obwohl ich zugegeben muss, dass es mich schon sehr gejuckt hat, das zu tun. Aber wenn ich ehrlich zu mir bin: Welche Nachricht kann schon so wichtig sein, dass sie wirklich, wirklich noch während des „Anwendertreffens“ von mir gelesen werden muss?

Einfach nicht zuhören, das machen die meisten in der Schule, im Hörsaal und im Business dauernd!

— Prof. Dr. Gunter Dueck, twitter.com

Vor ein paar Tagen nahm ich an einer Schulung teil. Es war einem unglücklichen Umstand zuzuschreiben, dass links von mir mein Smartphone, vor mir die Tastatur und der große Bildschirm eines Rechners, und rechts von mir ein Tablet lag, beziehungsweise stand. Was glaubt Ihr, welche Geräte ich während der Schulung unbeachtet gelassen habe? Richtig! Keines. Es wäre ein Einfaches für mich, das auch zu begründen. Aber wenn ich ehrlich bin, das war gänzlich unnötig. Für die Schulung notwendig war nur der Rechner.

Auch wenn ich schon länger zu den Silver Surfern gehöre, das Spielkind in mir ist nie ausgezogen. Darüber bin ich glücklich. Dennoch halte ich es nicht für opportun, dem Spielkind in solchen Situationen sein Räppelchen (Smartphone, Tablet und so weiter) zu geben. Denn, da beißt die Maus keinen Faden ab: das lenkt ab. Die Konzentration geht flöten. Selbstverständlich rechtfertige ich mich gern mit einer bei mir sehr ausgeprägten Multitasking-Fähigkeit. Was natürlich völliger Blödsinn ist. Ich habe nur 100 Prozent Aufmerksamkeit zur Verfügung. Und wenn ich sie für verschiedene Tätigkeiten aufteile, dann erhöht sie sich nicht. Punkt.

Daher mein Einwand: Wenn Ratsmitglieder in den Rats- und Ausschussitzungen ein Tablet nutzen, wird es ihnen vermutlich genauso gehen. Es wird ihre Konzentration auf die einzelnen Themen, die Tagesordnungspunkte einschränken.

In jüngster Zeit wird auch viel von Digital Detox, dem digitalen Entschlacken geredet und geschrieben. Hier wäre eine Möglichkeit, damit anzufangen. Egal in welchen Sitzungen, die Smartphones und Tablets bleiben ausgeschaltet. Das erhört die Effizienz und die Effektivität solcher Diskussionsrunden.

Respektlosigkeit

Wie fühlt sich ein Referent, wenn während seines Vortrages die „Zuhörerinnen“ auf ein Smartphone oder Tablet starren und hämmren, worauf erkennbar etwas läuft, das mit der Veranstaltung nichts zu tun hat? Wie fühlt er sich, wenn ihm, beziehungsweise seinem Vortrag, offensichtlich keine Beachtung geschenkt wird?

Er könnte sich fragen: »Warum sind die überhaupt hierher gekommen? Es scheint für sie etwas Wichtigeres zu geben, als das hier zu beratende Thema.« Und er könnte zu dem Schluss kommen: »Wisst ihr was, ich stelle euch meine Ausführungen ins Netz, dann könnt ihr euch das durchlesen wann immer euch das passt. Und dafür müsst ihr euren Hintern noch nicht mal von der Couch weg bewegen.«

Klar, eine so erzeugte Missachtung kann sogar gewollt sein, häufig zu sehen auch bei Debatten im Deutschen Bundestag. Dennoch: Ob bewusst oder unbewusst, ein solches Handeln ist meines Erachtens respektlos gegenüber den Referenten. Stimmt, auch mein oben geschildertes Rumdaddeln während besagter Schulung war respektlos. Mea culpa!

Umweltpolitscher Aspekt

Vermutlich wird es mittlerweile kein Ratsmitglied mehr geben, das privat nicht über ein Rechner mit Internetzugang verfügt. Ein großer Teil, so nehme ich an, wird sogar über mehrere Gerätschaften verfügen (Laptop, Smartphone, Tablet …). Warum also noch zusätzliche Geräte kaufen?

Wir machen uns Gedanken über Fairtrade und solche Sachen. Sehr gut. Kern dieser Bewegung ist es meines Erachtens aber auch, Dinge, die nicht wirklich nötig sind, einfach mal nicht zu kaufen. Denn eines schönen Tages müssen die Geräte ja auch wieder entsorgt werden. – Siehe dazu auch: Wir haben eine Besitzstandswahrungskrise.

Stichwort Sicherheit

Die Anwendungssoftware, nennen wir sie die „Rats-Info-App“, die auf die Tablets installiert werden soll, ermöglicht es Dokumente zu bearbeiten und zu verwalten (siehe Einleitung). Ihr Vorteil sei es, dass sie die Dokumente et cetera verschlüsselt, also für nicht autorisierte Nutzerinnen unzugängliche macht, ist mir verklärt worden. Das finde ich wichtig und gut.

Aber: Warum wird dieser Aufwand betrieben? Doch nur wegen der „nicht öffentlichen“ Dokumente.

Gestattet mir an dieser Stelle einen Exkurs: „nicht öffentliche“ Dokumente klingt für mich nach einem Euphemismus. Denn es enthält immer noch das eher positiv besetzte Wort „öffentlich“. Warum spricht in dem Zusammenhang niemand von „geheimen“ Dokumenten?

Es geht also darum die nicht öffentlichen geheimen Informationen und Dokumente aus den nicht öffentlichen geheimen Sitzungsteilen vor den normalsterblichen Bürgerinnen und Bürger zu verbergen. Stimmt, das war jetzt Frotzelei. Es gibt ja auch gute Gründe dafür, nicht alle Infos und Dokumente für jederfrau zugänglich zu machen – Stichwort: Datenschutz. Doch im Verhältnis zu den öffentlichen sind die nicht öffentlichen Infos doch eher gering, so meine Einschätzung.

Ich halte fest: Nach meinem Kenntnisstand wird dieser Aufwand – zusätzlicher Kauf und Installation von Tablets und Apps – betrieben:

  • für die nichtöffentlichen Infos und Dateien,
  • für deren Verschlüsselung,
  • und für die Möglichkeit
    • diese zu verwalten,
    • sie mit eigenen Hinweisen und Kommentaren digital zu ergänzen,
    • und sie mit anderen Kommunalpolitikern teilen zu können.

Meines Erachtens rechtfertigen die Vorteile nicht den Aufwand. Außerdem: Ließen sich diese Vorteile nicht auch über gesicherte Server regeln? Und: Muss ich meine Kommentare und Hinweise an geheimen Dokumenten unbedingt mit anderen teilen?

Finanzieller Aspekt

Wenn eine Stadt, sagen wir mal 40 Ratsmitglieder und Sachkundige Bürger mit iPads und notwendiger Software (Apps) ausstatten will, ist das eine Hausnummer. Gleichwohl, wenn es sich rechtfertigen lässt, habe ich damit keine Schmerzen. Allerdings glaube ich, dass sich das nicht rechtfertigen lässt. Was dieser Artikel eben begründen soll. Halten wir fest: Der finanzielle Aspekt kann hier, muss aber kein Grund sein.

Nebenbei: Ein bisschen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier von den Herstellern ein Bedarf erzeugt wurde und wird, dem es bei genauerer Betrachtung an Relevanz fehlt. Ein Softwareentwickler sagte mir mal zum Thema Softwareprodukte: »Was die Leute wollen, und was sie wirklich brauchen, ist oft ein sehr großer Unterschied.« Wir Menschen sind Experten, wenn es um das Herbeireden von Bedarfen geht.

Argumentieren, beraten, entscheiden, informieren

Als Bürger wünsche ich mir, dass mehr und transparenter über solche Sitzungen, beziehungsweise die Themen die dort behandelt werden, berichtet wird. Damit meine ich nicht nur im Rahmen solcher Informationssysteme. Ich meine damit in erster Linie die Websites der Parteien. Dort wünschte ich mir mehr sachliche Informationen, und auch Argumentationen die auf andere Positionen eingehen.

Gerade bei großen Projekten und Themen halte ich das für wichtig. Nehmen wir an der Stelle das Stichwort Flüchtlinge. Es reicht meines Erachtens nicht, einzig auf die Protokolle von Sitzungen in Informationssystemen zu setzen.

Übrigens: Facebook & Co. KG sind hier keine Alternativen zu Websites. Denn wenn ich um die Infos lesen zu können erst „Facebook-Mitglied“ werden muss, also einen Account benötige, ist das eine Barriere und nicht bürgerinnenfreundlich. – Siehe auch: Sind wir Lügder noch nicht so weit?

Bloggende Ratsmitglieder finde ich klasse. So wie Andreas. Ja, stimmt, über viele Themen schriftlich und sachlich zu argumentieren erfordert reichlich Arbeit. Blogger wissen das …

Was aber nicht geht sind solche Sachen: Ich kenne einen Bürgermeister, der im Vorfeld seiner Wahl fleißig gebloggt hat. Nachdem er gewählt wurde dauerte es nicht sehr lang, da war sein Blog „gelöscht“. Mein Vertrauen hat der Guteste nicht. Gerade Politiker sollten dazu stehen, was sie sagen und schreiben, und sich auch daran messen lassen. Ich möchte auf einfachen Wegen recherchieren können, was der ein oder andere Politiker beispielsweise vor fünf Jahren zu einem bestimmten Thema für eine Meinung hatte. Stichwort Transparenz.

Noch kurz zu: argumentieren, beraten, entscheiden, informieren. Was ich damit nicht meine ist, erst zum Schluss zu informieren. Es wird viel von Politikverdrossenheit geredet. Und viele Menschen machen sich Gedanken, wie Bürgerinnen und Bürger besser in die Entscheidungsfindung eingebunden werden können. An dieser Stelle daher noch mal meine Frage, die ich hier schon unzählige Male gestellt habe: Warum immer erst in, oder schlimmer noch, nach einer Sitzung informieren? Ich werde auf diesen Punkt gelegentlich noch mal detailliert eingehen. An dieser Stelle zunächst nur der Hinweis auf den Artikel: Wie sollten wir es angehen? Der Artikel und der Kommentar dazu ist aus dem Jahr 2011! Er beschäftigt sich mit der Wirtschafts- und Sozialkonferenz in Lügde …

Was dieser Punkt mit den Tablets zu tun hat? Viel. Diesen Text schreibe ich mit meinem Rechner und schiebe ihn auf einen Webserver hoch, den ich dafür angemietet habe. Das kostet alles Geld aber auch viel Zeit. Gleichwohl: Das ist es mir wert. Information, Argumentation, Meinung, Unterhaltung – hier lesbar: ohne Mitglied zu werden, ohne Zugangsdaten, und ohne Werbung.

Fazit

Smartphones und Tablets sollten während der Sitzungen ausgeschaltet bleiben – weil es die Effizienz und die Effektivität erhöht. Das heißt, für die Sitzungen selbst werden keine Tablets benötigt.

Für die Ratsarbeit außerhalb der Sitzungen, für die Vor- und Nachbereitung sind Rechner oder dergleichen erforderlich. Aber dafür müssen keine zusätzlichen Geräte gekauft werden. Das kann mittels Internetzugang auch mit den privaten Geräten geschehen.

Für die Ratsarbeit mit den nicht öffentlichen Informationen und Dokumenten müssen andere, dem Datenschutz gerecht werdende, bedienerfreundlichere, gleichwohl kostengünstigere Lösungen gefunden werden. Ich denke, das ist möglich. Es ist doch nur Software.

Wenn es unbedingt eine App sein muss, dann sollte sie von jederfrau genutzt werden können, und auf jedem Gerät, egal mit welchem Betriebssystem es bestückt ist, problemlos laufen.


Ich würde mich freuen, wenn dieser Text dazu anregen kann, das Thema Bürgerinnen- und Ratsinformationssysteme mal zu überdenken. Wie Ihr sicher festgestellt habe, geht es mir gar nicht so sehr um die Tablets. Mir geht es um Information, Dokumentation, Partizipation. Das sollten wir mit den Möglichkeiten der Technik verbessern – und zwar so so benutzerfreundlich wie möglich. – Siehe dazu auch: Warum es sich lohnt, im Netz zeitnah zu dokumentieren und Wer ist das: Die Stadt?


Ich bekenne,

das Thema ist nicht neu für mich. Ich bin ein bloggender Sachverabeiter. Und als solcher gehöre ich zu den Leutchens, die im Back-End-Bereich solche Bürgerinnen- und Rats-Informationsportale „betanken“.