Soll Lügde Fair-Trade-Stadt werden? Hier meine Antwort.

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Eine Packung Fairtrade-Kaffee

Soll Lügde Fair-Trade-Stadt werden? Hier meine Antwort.

Vorab: Es ist nicht meine Absicht, jemanden mit diesen Ausführungen zu diskreditieren, oder zu provozieren. Möglicherweise wird das an einigen Stellen so klingen. Wenn, dann dient das lediglich dazu, Aussagen hervorzuheben.

Übrigens, der Antrag steht zwischenzeitlich offiziell zur Beratung und Entscheidung auf der Tagesordnung der Lügder Kommunalpolitik.


Als ich das erste Mal von dem Antrag hörte dachte ich: Keine schlechte Idee. Denn ich kaufe selbst seit vielen Jahren nur Fairtrade-Kaffee. Doch man muss wissen, dass das Thema Fairtrade nicht nur positiv besetzt ist. Es gibt auch Kritik dazu, die meines Erachtens nicht unberechtigt ist. Darauf werde ich hier jedoch nicht eingehen.

Die fünf Kriterien

Für den Titel Fairtrade-Town muss eine Kommune nachweislich fünf Kriterien erfüllen, die das Engagement für den Fairen Handel in allen Ebenen einer Kommune widerspiegeln.

— www.fairtrade-towns.de: Die fünf Kriterien

Kriterium 1: Ratsbeschluss

Den Beschluss sollte übrigens nicht irgendein entscheidungsfähiger Ausschuss des Rates treffen, ein Ratsbeschluss sollte es schon sein, ist mir gesagt worden. Okay, das kann ich nachvollziehen. Denn damit soll vermutlich die Bedeutung dieser Entscheidung unterstrichen werden.

Kriterium 2: Steuerungsgruppe

„Wer nicht weiter weiß, bilde einen Arbeitskreis!“, war das erste, was mir zu diesem Kriterium in den Kopf geschossen ist. Das ist keine Empfehlung, das ist eine Vorgabe! »Sicherlich wisst ihr nicht, wie man sowas umsetzt, darum sagen wir euch das.« Nebenbei habe ich mich gefragt: Der wievielte Arbeitskreis ist das dann?1

Aber nicht nur das, es wird auch noch erklärt, aus welchen Bereichen die Mitglieder des Arbeitskreises kommen müssen. Da wäre ich auch nicht drauf gekommen.

Kriterium 3: Fairtrade-Produkte im Sortiment

In den lokalen Einzelhandelsgeschäften und bei Floristen sowie in Cafés und Restaurants werden mindestens zwei Produkte aus Fairem Handel angeboten. Richtwert ist hier die Einwohnerzahl.

— www.fairtrade-towns.de: Fairtrade-Produkte im Sortiment

Um dieses Kriterium zu erfüllen müsste Lügde vier Geschäfte, zwei Gastronomiebetriebe, eine Schule, ein Verein, eine Kirchengemeinde dazu gewinnen mitzumachen. Außerdem müssen wir vier Medienartikel jährlich über die Aktionen veröffentlichen lassen.

Ich bezweifele überhaupt nicht, dass sich ausreichend Akteure für die Kampagne begeistern lassen. Aber dürfen wir denen das einfach so überstülpen? Sollten wir – Rat und Verwaltung – nicht vorher mit guten Beispielen vorangehen? Vorbild sein? Damit meine ich nicht nur: Wir lassen uns künftig bei unseren Sitzungen Fairtrade-Kaffee und -Kekse servieren.

Kriterium 4: Zivilgesellschaft

„Produkte aus Fairem Handel werden in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Vereinen und Kirchen verwendet.“ Hatten wir das nicht schon mit dem Kriterium 3 geklärt? Egal.

Kriterium 5: Medien

„Pro Jahr sollen mindestens vier Artikel erscheinen, bei denen die Kampagne thematisiert wird.“ Klappern gehört zum Handwerk. Das ist der Kampagnenleitung offensichtlich besonders wichtig – schon als „Unterkriterium“ von Punkt 3.

Die Auszeichnungsfeier:

Sie haben es geschafft – die Bewerbung Ihrer Kommune ist erfolgreich und der Übergabe der Urkunde steht nichts mehr im Wege. Es ist an der Zeit, den gemeinsamen Erfolg zu feiern!

— www.fairtrade-towns.de: Auszeichnungsfeier

Wie sie mir auf die Nerven gehen, diese verzweifelt nach Öffentlichkeit heischenden Aktionen: »Hurra, wir sind ganz toll!« Und damit wir die Party auch richtig hinbekommen, gibt es sogar einen Leitfaden (PDF) dafür. Ein Leitfaden ist grundsätzlich in Ordnung. Aber für mich klingt dieser hier schon sehr nach Handschellen.

Fazit:

Mir ist klar, Vorgaben muss die Kampagne machen. Dennoch haben mich diese Direktiven abgeschreckt. Für mich hat das alles den Beigeschmack einer sehr trickreichen, öffentlichkeitswirksam angelegten Verkaufsaktion. Siehe zum Beispiel die Materialien, die über die Website bezogen werden können.

Wenn ich gut sein will, dann mache ich das. Aber brauche ich dafür ein Logo, das ich mir auf die Website klebe, ein Blechschildchen, das ich mir auf den Spazierstock nagele, einen Orden, den ich mir an die Brusttasche meines Ausgehjackets hefte?

Der Antrag

Auch der Antrag (PDF) ist für mich bei der Beantwortung der Ausgangsfrage interessant. Darin ist von einem „Strom der Flüchtlinge“ die Rede, die vor „Kriege oder Hungersnöte“ zu uns fliehen. Nun, was genau sind die Gründe, die diese Menschen dazu bewegen ihr gewohntes Umfeld zu verlassen? Also: Wer und was hat dazu beigetragen, dass dort Krieg und/oder Hungersnot herrscht? Nur ein Stichwort dazu: Klimawandel.

„Dabei können wir deutlich mehr tun als Waffen und Soldaten in die Krisengebiete zu schicken“, heißt es in dem Antrag. Die These in diesem Kontext finde ich too much. Denn helfen wir denen, wenn wir Waffen exportieren?2

„Wir können sogar hier vor Ort dafür sorgen, dass die Lebensmittelbedingungen in anderen Teilen der Welt […] lebenswerter gestaltet werden“, ist in dem Antrag zu lesen. Vielleicht. Ein winziges Bisschen. Aber ist die Fairtrade-Town-Kampagne dafür der richtige Weg? Mir ist der Ansatz zu einseitig.

Außerdem: Während wir uns darüber Gedanken machen, wird nebenbei und hinter verschlossenen Türen ein Freihandelsabkommen (TTIP) verhandelt, das vermutlich genau diesen Länder denen es zu helfen gilt, das Leben noch schwerer machen wird. Wenn wir über fair trade, also über fairen Handel reden, dann sollten wir uns zunächst – auch hier vor Ort – mal Gedanken über TTIP machen.

Bemerkenswert ist auch der Schlusssatz des Antrages: „Die ‚FairTrade‘-Anerkennung ist in der Öffentlichkeit positiv besetzt und kann unserem Renommee regional und überregional durchaus förderlich sein.“ Ich hoffe nicht, dass das die eigentlich Intension des Antrages ist.

Ich habe eine Aversion gegen solche Zertifizierungen. Wie viele von bekannten Zertifizierungen sind in der Vergangenheit in den Verruf gekommen, weil nicht drin steckte, was dran klebte? Wer mal bei einer solchen Zertifizierung mitgewirkt hat weiß, auf welche Textbausteine es ankommt, wie viel dabei schön geredet wird. Ich frage mich zum Beispiel gerade: Wie viele Qualitätssiegel wohl VW erhalten hat? Und, hat es was genützt?

Vor über 20 Jahren bin ich Fördermitglied von Amnesty International und Greenpeace geworden. Aber nicht, weil mir irgendwer „die Pistole auf die Brust gesetzt hat“: »Du machst das jetzt!« Und ich war auch nicht von Anfang an überzeugt. Es waren engagierte Menschen, die mich durch ihr vorbildliches Handeln, und durch ihre Argumente dazu gebracht haben, mich mit den Themen zu beschäftigen.

Und ich trage die Mitgliedschaften nicht mit einem großem Schild vor mir her. Ich versuche die Konzepte in Gedanken, Worten und Werken zu leben. Ohne Auszeichnungsparty, ohne Pauken und Trompeten. Und das kann auch eine Stadt so machen.

Was könnte Lügde alternativ tun?

Auch der nun zur Diskussion stehende Antrag würde sich dafür anbieten, dass wir uns zuvor wirklich mal eingehend mit unserer Identität beschäftigen. Was macht Lügde aus? Was macht uns Lügder aus?3 Was können wir leisten? Und in dem Zusammenhang sollten wir auch ehrlich der Frage nachgehen: Was können wir nicht leisten? Ich glaube, nur wenn wir diese Fragen treffsicher beantworten können, werden wir uns beim „Orden-Sammeln“ nicht verzetteln.

Doch zurück zum Fairtrade-Town-Antrag.

Die Fairhandelsbewegung konzentriert sich hauptsächlich auf Waren, die aus Entwicklungsländern in Industrieländer exportiert werden.

— de.wikipedia.org: Fairer Handel

Bei der Fairtrade-Bewegung handelt es sich also um eine Bewegung die hauptsächlich in eine Richtung geht: von den Entwicklungsländern in die Industrieländer. Die andere Richtung: Was exportieren wir in Entwicklungsländer, wird dabei nicht angesprochen. An dieser Stelle noch mal das Stichwort: Klimawandel.

Worauf ich hinaus will ist der Gedanke der Ganzheitlichkeit. Wenn wir das Thema Ganzheitlichkeit als Überschrift nehmen, haben wir wesentlich mehr Möglichkeiten Akzente zu setzen – auch im Sinne des Fairtrade-Gedankens.

Alle können sich einbringen – wenn sie das denn wollen. Die Freiwilligkeit muss im Vordergrund stehen! Denn das stört mich an der Fairtrade-Town-Geschichte wirklich sehr: Vereine, Kirchen, Schulen und Einzelhändler zu nötigen, einem Beschluss folge leisten zu müssen. Entweder machen sie mit weil sie daran Interesse haben, oder nicht. Nicht Top-down sondern Bottom-up ist hier angesagt. Echte Überzeugung und echte Begeisterung lässt sich nicht anordnen, sie muss sich von unten entfalten. Und dafür braucht es auch Vorbilder.

Hier ein paar Ideen, wie sich die Akteure einbringen könnten. (Eine Sortierung habe ich mir erspart.)

  • Es spricht nichts dagegen, trotzdem so oft wie möglich Fairtrade-Produkte zu kaufen.
  • Gleichwohl könnten sich besonders Schülerinnen und Schüler im Sozialkunde-Unterricht damit intensiv beschäftigen. Wie gut ist Fairtrade wirklich? Was ist dran an der Kritik?
  • Sie könnten auch Fragen nachgehen wie: Aus welchen Bestandteilen besteht mein iPhone6? Wo kommen die Teile her? Wo wird das Smartphone zusammengebaut? Unter welchen Bedingungen?4 Das gleiche ließe sich beliebig fortführen: Meine quietschbunten Nike-Schuhe, wo werden die zusammengeschraubt? Wer verdient daran wie viel?
  • Auch TTIP ist ein Thema, welches im Unterricht intensiv aufbereitet werden könnte.
  • Die Recherchen der Schülerinnen und Schüler sollten, zum Beispiel in Rahmen von Aktionswochen veröffentlicht werden, damit sich alle informieren können. Stichworte: Ausstellungen, Vorträge, Beiträge auf den Websites der Schulen und so weiter.
  • Einzelhändler könnten Aktionen starten: Alle Fairtrade-Produkte die es dort zu kaufen gibt, könnten gesondert exponiert zum Verkauf angeboten werden.
  • Bereits in dem Sinne aktive Akteure, wie die des „Eine-Welt-Ladens“ in Lügde, sollten besser unterstützt werden.
  • Jeder einzelne kann sich fragen: Wie viel Schadstoffe bläst mein Auto in die Luft, wenn ich damit mal eben ein Brot holen fahre? Wie viel Schadstoffe bläst der Flieger in die Luft, wenn ich damit eine Fernreise antrete? Welche Folgen hat das für das weltweite Klima wenn wir einfach so weiter machen? Und welche Länder werden davon betroffen sein?
  • Aktionen wie „Fahrradwoche in Lügde“ könnten ins Leben gerufen werden. Nach dem Motto: Mit Fahrrad zur Arbeit, zur Schule, zur Sitzung, zum Einkaufen … Außerdem: Gemeinsame Radtouren und Wanderungen durch unsere schöne Landschaft … Natur bewahren, Natur genießen!
  • Zum Thema Umweltbelastung könnte die Politik ebenfalls Akzente setzen: Je mehr Sitzungen veranstaltet werden, je mehr Leute dorthin kommen sollen, desto größer der Pendelverkehr. Sind so viele Sitzungen wirklich nötig?1
  • Auch Fragen wie: Wie gehen wir mit den Flächen um? Stichwort: Versiegelung von Flächen.5 Wie gehen wir mit Grün- und Erholungsflächen um?6, sollten wir künftig noch bewusster im Sinne der Nachhaltigkeit beleuchten.
  • Wir alle produzieren Müll: Elektroschrott, Farbreste, Reste von Chemikalien, Nahrungsreste - bis hin zum Atommüll. Auch hierzu könnten Aktionswochen gestartet werden: Wohin kommt der Restmüll? Wo landet das iPhone6 wenn es ausgedient hat? Wo bleiben die Lacke? Wie können wir den Müll vermeiden? Wie können wir den Restmüll eventuell noch verwerten? Vorträge und Besuche von Lagerstätten von Sondermüll könnten damit verknüpft werden. Und so weiter.

Die Liste lässt sich unendlich fortsetzen. Wir werden uns dafür kein bekanntes Logo anpappen können. Aber das ist auch nicht Sinn und Zweck der Geschichte. Hier geht es um eine größere Sensibilität die wir entwickeln können – die wir entwickeln sollten.

Denn jedes Handeln erzeugt ein „Echo“. Selbst die vermeintlich banalen Dinge die wir im Alltag tun, haben Folgen. Folgen für uns, für unsere Natur, für unsere Landschaft, für unsere Luft die wir einatmen. Aber auch weltweite Folgen.

Soll Lügde Fair-Trade-Stadt werden?

Nein. Die fünf Kriterien sind zu technokratisch. Und sie sind zu sehr auf Hype ausgerichtet. Was bei mir den Eindruck von „mehr Schein als sein“ wollen hinterlassen hat.

Der Grundgedanke des fairen Handels ist gut. Und es ist auch gut, diesem Ansinnen zu folgen. Aber er kennt grundsätzlich nur eine Richtung. Wir sollten nicht nur fragen woher ein Produkt kommt, wir sollten uns auch fragen, was danach mit ihm geschieht? Und wir sollten unser tägliches Handeln häufiger hinterfragen: Fahrrad statt Auto? Pflanzen statt Pflaster? Sanieren statt Neubau?

Wir können das flexibel, in einen für uns machbaren Rahmen handhaben. Wie wäre es, wenn wir Lügder als Einstieg einfach mal ein „Quartal der Ganzheitlichkeit“ ausrufen, und alles was wir täglich tun daraufhin abklopfen?

Wir werden auch damit keine „Kriege oder Hungersnöte“ verhindern. Aber wir können lernen, noch achtsamer mit unserer Umwelt umzugehen.


  1. Stichwort „Arbeitskreise“: Meetings sind Gift [return]
  2. Stichwort „Waffenexporte“: Wenn die Deutschen keine Waffen liefern, tut es jemand anders [return]
  3. Stichwort „Identität“: Wer ist das: Die Stadt? [return]
  4. Stichwort „Smartphone“: Wir haben eine Besitztstandswahrungskrise [return]
  5. Stichwort „Versiegelung von Flächen“: Besteint, Teil 2 [return]
  6. Stichwort „Erholungsflächen“: Lügde: Emmerwiesen sollen „erlebbarer“ gemacht werden [return]