Sind Fahrradfahrer*innen in Lügde nicht erwünscht?

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Fahrräder an denen Spinnen ihre Netze gespannt haben

Rechts neben dem Seiteneingang des Lügder Rathauses, unmittelbar vor der Hauswand, ist 2013 ein Fahrradständer1 installiert worden. Der Pflasterung nach zu urteilen, befinden sich vor dem Fahrradständer noch zwei PKW-Parkplätze. Diese Parkflächen-Markierungen sind jedoch nicht gut zu erkennen. Bereits im Halbdunkeln lassen sie sich nur noch erahnen.

Ein Fahrrad- und eine Autoparkplatz

Das nächste Problem ist, dass die PKW-Parkflächen sehr kurz sind.2 Das führt dazu, dass die Fahrer größerer Autos oft sehr nah am Fahrradständer parken. Vermutlich aus der berechtigten Sorge heraus, dass das Heck des PKWs sonst zu weit in den Straßenverkehr hineinragt. Besonders dann, wenn noch kein Fahrrad an dem Fahrradständer steht, greifen Autofahrer daher gern auf die „zusätzliche PKW-Parkfläche Fahrradständer“ zurück.

Nun müsst Ihr Euch nur noch vorstellen wie sich die Situation darstellt, wenn mehrere, größere, also auch breitere Fahrzeuge dort abgestellt wurden. Und dann kommst du mit deinem Fahrrad und suchst einen Fahrradparkplatz. Denn wenn du nicht weißt wo der Fahrradparkplatz ist, siehst du ihn möglicherweise nicht. Weil, es stehen oft auch mehr als zwei Autos davor.

Hast du den Fahrradständer entdeckt, musst du dein Fahrrad irgendwie zwischen den parkenden Autos hindurch jonglieren. Und dann stellst du möglicherweise fest, dass die PKWs weit über deren zugedachte Parkfläche hinaus in die Parkfläche für die Fahrräder hinein abgestellt wurden. So, dass du, wenn du dein Fahrrad dort anketten möchtest, Angst haben musst, mit dem Schutzblech von dem Hinterrad deines Fahrrades die Stoßstande eines der Autos zu zerkratzen.

Was würde wohl passieren, wenn eine Stadt den Autofahrern Parkplätze anbietet, die nur sie erreichen können, wenn sie die letzten fünf Meter bis zum Parkplatz ihr Fahrzeug zwischen anderen, bereits parkenden Fahrzeugen hindurch schieben müssen? Ich bin mir sicher, das würde einen fürchterlichen Aufstand geben. Und die Presse würde sich ergötzen, an einen solchen Schildbürgerstreich. Aber hey, hier geht es doch nur um einen Fahrradständer. Und von Fahrradfahrern darf man sowas doch erwarten …

Warum müssen vor einem Fahrradständer noch Parkflächen für Autos sein? Warum können für Fahrradfahrer nicht problemlos zu erreichende Fahrradständer geschaffen werden?

Wie viel kostet dem Steuerzahler ein PKW-Parkplatz? Und wie viel kostet ihm der Parkplatz für ein Fahrrad?

Lügde will Fairtrade-Town werden – weil wir „hier vor Ort dafür sorgen [können], dass die Lebensbedingungen in anderen Teilen der Welt […] lebenswerter gestaltet werden können“3. „Syrien ist ein Verlierer des Klimawandels.[…] Wir […] fahren alle Auto, haben den Klimawandel losgetreten, und die syrischen Flüchtlinge sind jetzt in gewisser Weise unsere Rechnung dafür.“4

Sollten wir, wenn wir guten Gewissens Fairtrade-Town werden wollen, nicht auch mehr für die Fahrradfahrer*innen tun?5

Am vergangenen Donnerstag (15.12.2016) ist damit begonnen worden, über den Haupteingang des Lügder Rathauses einen großen „Regenschirm“ aufzuspannen. Ich weiß nicht was der kostet. Ich erwähne das Vordach auch nur, weil das ein schönes Beispiel dafür ist, wie Prioritäten gesetzt werden.

Wäre ein überdachter, großzügig anglegter Fahrradständer nicht sinnvoller, um mehr Bürger*innen zu bewegen statt mit dem Auto, mit dem Fahrrad in die Stadt zu fahren? Wäre das nicht ein besserer Beitrag für das Klima? Wäre das nicht ein besserer Beitrag für mehr Nachhaltigkeit? Würde das nicht auch dem Fairtrade-Gedanken entsprechen?

Lügde braucht einen roten Faden, schrub ich vor ein paar Tagen. Hier hätte ein Stück Faden erkennbar werden können. Hätte, hätte, Fahrradkette …

Verkehrsprobleme lösen zu wollen, ohne den Autoverkehr zu reduzieren, ist eben entweder PR oder Science Fiction.

— Mario Sixtus, twitter.com/sixtus

Zurück zur Ausgangsfrage: Sind Fahrradfahrer*innen in Lügde nicht erwünscht? Wenn ich mir den Fahrradständer vor dem Rathaus anschaue, dann habe ich diesen Eindruck, ja.

Ich glaube, Fahrradparkplätze können sehr viel Auskunft darüber geben, welchen Stellenwert Fahrradfahrer*innen für den jeweiligen Anbieter6 haben. Es kommt nämlich nicht nur darauf an, ob ein Fahrradständer neu oder alt ist.

Update 19.12.2016:

Andreas hat meine Frage aufgegriffen, und berichtet von seinen Erfahrungen in Bad Oeynhausen: Unerwünschte Fahrradfahrer. Den Themenkomplex „Fahrradfahrer*innen in unserer Gesellschaft“ beackert Andreas schon seit Jahren. Und was er dabei beobachtet hat, ist bemerkenswert. Hier seine Artikel dazu.

Update 7.1.2017:

Hatte ich erwähnt, dass Autos immer breiter werden? Schaut Euch das Foto unter diesen Tweet mal an. Und tatsächlich, mittlerweile sind schlaue Menschen auf die Idee gekommen: PKW-Parkplätze müssen jetzt breiter gebaut werden. Was dem ADAC aber offensichtlich auch nicht ausreicht. Merkwürdig, dass noch nicht über die Länge der Parkplätze diskutiert wird. Denn die Autos sind ja nicht nur breiter geworden.

Tja, und weil wir noch immer auf die Autoindustrie setzen, hier noch ein kurzes, motivierendes Video dazu (via).


Ähnliche Artikel:


  1. 2013 / 2014 ist in Lügde der Markt- und der Kirchplatz erneuert worden. Siehe: Der Lügder Marktplatz wird aufgemöbelt. In diesem Rahmen ist auch der oben beschriebene Fahrradparkplatz geschaffen worden. [return]
  2. Das Foto habe ich am Wochenende aufgenommen. Daher scheint dort so wenig Betrieb zu sein. Doch während ich dort herumlief um die Fotos zu schießen, haben sich mehrere Autofahrer nicht getraut dort zu parken. Vermutlich aus Sorge, ihr Auto am Montag in der Zeitung zu sehen. Wer weiß … Auf dem Foto schön zu erkennen, dass kleine PKWs gut auf dem Parkplatz parken können. Aber die meisten Fahrzeuge sind heute viel länger und auch breiter. [return]
  3. Siehe: Antrag der Lügder SPD-Fraktion vom 8.12.2015 (PDF) [return]
  4. Felix von Leitner, siehe: Auf der Flucht vor den Folgen des Klimawandels [return]
  5. Der Gedanke ist nicht neu. Siehe: Soll Lügde Fair-Trade-Stadt werden? Hier meine Antwort. [return]
  6. Anbieter kann eine Stadt sein, Anbieter können aber auch Geschäfte oder Gaststätten sein. [return]