Lügde braucht einen roten Faden

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Lügde im sommerlichen Abendlicht

Bevor ich loslege:

Es geht mir nicht darum, die Arbeit von Mitmenschen schlecht zu reden. Und schon schon gar nicht geht es mir darum, Mitmenschen anzugreifen. Zu einigen der von mir erwähnten Beispiele fehlen mir detaillierte Infos. Teils, weil sie nicht veröffentlicht wurden oder nicht mehr öffentlich sind, möglicherweise aber auch, weil ich nicht ausreichend recherchiert habe. Dennoch glaube ich, dass die vorliegenden Infos ausreichend sind um zu verdeutlichen, worum es mir hier geht.

Auf geht’s:

Wisst Ihr was IKEK ist? Es ist ein Akronym und steht für „Integriertes kommunales Entwicklungskonzept“. Das wiederum ist ein „wichtiges Instrument der Stadtentwicklung“1. In Lügde basteln wir uns das gerade2 auch, so ein IKEK. Denn das IKEK soll als Grundlage für die Förderung von Einzelmaßnahmen im Rahmen der ländlichen Entwicklung dienen. Ich vermute, dass eine Stadt nicht drumherum kommt sich das zuzulegen, um an Zuschüsse vom Bund oder Land zu kommen.

Wie wird so ein Konzept aufgestellt? Nun, ein Planungsbüro wird damit beauftragt, das gemeinsam mit Bürger*innen auf die Füße zu stellen. Dazu bedarf es reichlich Workshops, also kleingliedrige Bürgerbeteiligungen, mit Vertreter*innen von Vereinen, von verschiedenen Einrichtungen, von Schüler*innen, Jugendlichen, Senior*innen und so weiter.

Dann wäre das IKEK doch, um mal kurz auf die Überschrift zurückzukommen, ein bisschen sowas wie ein „roter Faden“?3 Stimmt. Wir haben dergleichen in Lügde sogar schon sehr oft gemacht. Das bedeutet, wir haben für Lügde schon viele rote Fäden gesponnen. Hier einige Beispiele:

ILEK

ILEK ist ebenfalls ein Akronym und steht für „Integriertes ländliches Entwicklungskonzept“. Wie ein IKEK ist ein ILEK ein „wichtiges Instrument der Stadtentwicklung“. Das klingt nicht nur wuchtig, das ist vor ein paar Jahren auch in Lügde ziemlich wuchtig inszeniert worden. Merkwürdig ist, dass ich dazu kaum noch Quellen gefunden habe.4 Ich kann also nicht sagen, was daraus geworden ist. Ist es vollkommen in der Versenkung verschwunden? Es hat zumindest den Anschein.

Lügde spart!

Ich zitiere mal aus einem mittlerweile untergegangenen Text5: „Der Bürgermeister ruft die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Lügde auf, sich aktiv am Prozess der Haushaltskonsolidierung zu beteiligen. In Werkstattgesprächen wird den Bürgerinnen und Bürgern Gelegenheit gegeben, sich über die finanzielle Situation und erforderliche Sparmaßnahmen eingehend zu informieren. Es wird Gelegenheit gegeben, eigene Sparvorschläge zu präsentieren. Die Werkstattgespräche sollen an zwei verschiedenen Terminen und Orten stattfinden, um eine möglichst breite Teilnahme zu gewährleisten. Die Realisierung erfolgt im Oktober 2010.“ – Ich frage mich gerade, ob Werkstattgespräch ein Euphemismus für Workshop ist, oder umgekehrt. 6

Die Wirtschaft- und Sozialraumkonferenz

Die Wirtschaft- und Sozialraumkonferenz war 2011 ein Renner. Auch hier gab es unzählige solcher Workshops mit vielen Leuten aus den verschiedensten Bereichen. Was wurde um die Wirtschafts- und Sozialraumkonferenz für ein Bohei gemacht … Wahnsinn! Und was ist davon geblieben?7 Sucht mal im Netz danach.

Lügde – Stadt der Osterräder

Seit 2012 trägt Lügde offiziell den Titel „Stadt der Osterräder“8 vor nach dem Namen. Haben wir darüber in Workshops diskutiert? Nein. Haben wir Bürger*innen gefragt ob sie das so wollen? Nein. Das finde ich aus den verschiedensten Gründen merkwürdig. Warum ich dieses Beispiel hier in der Liste erwähne, schildere ich Euch weiter unten.

LEADER

„Machen Sie mit, bei der Erstellung einer lokalen Entwicklungsstrategie!“9, lautet die Überschrift eines Artikels unter luegde.de10. Die sagt schon alles. Workshops mit bunten Powerpoint-Präsentationen11 waren auch hier das prägende Element. Das war 2014. Und auch das war ein Projekt, was meines Wissens zur Erschließung von Förderprogrammen erforderlich war. Ob und wie viele Zuschüsse dabei weggekommen sind, vermag ich nicht zu beantworten.

Lügde bewirbt sich als Fairtrade-Town

Auch die Fairtrade-Town-Geschichte12 passt in diese Liste. Wie bei der „Suche“ nach dem Titel „Stadt der Osterräder“ sind die Bürger*innen auch hier nicht gefragt worden, ob sie damit einverstanden sind. Dennoch hat der Rat einstimmig beschlossen: Wir machen das!

IKEK

Und jetzt also IKEK. „Im Rahmen des Aufstellungsprozesses ist eine intensive Beteiligung der Bewohner auf gesamtstädtischer Ebene sowie in den einzelnen, noch abzugrenzenden Planungsräumen vorgesehen.“13 Nebenbei: Am 5.12.2016 hat der erste Workshop der „Betroffenen“ mit dem Planungsbüro stattgefunden …

Ich könnte diese Liste noch um einige Bespiele verlängert. Es wären alles nur Wiederholungen. Wiederholungen in der Herangehensweise, doch ganz besonders wären es Wiederholungen von Ergebnissen. Denn, wenn ich das über die Jahre hinweg rückblickend betrachte, erhebt sich ein Eindruck weit über alle anderen hinweg: Ich erkenne keinen durchgängigen roten Faden. Ich sehe nur Stückwerk, was wenn überhaupt, nur zufällig zusammenpasst. Leuchtturmprojekte14, die mit viel Brimborium aufgebaut wurden, und meistens recht schnell wieder in der Versenkung verschwunden sind. Siehe ILEK.

Wie viele Leute haben bei diesen „Workshops“ mitgewirkt? Wie viel Lebenszeit hat das gekostet? Ich wundere mich, dass sich überhaupt noch Bürger*innen finden, die dabei noch mitmachen. Für mich war nach der Wirtschafts- und Sozialraumkonferenz Schluss. Nein Leute, sucht Euch einen anderen, habe ich mir damals gesagt.15

Aber was das mit der „Stadt der Osterräder“ zu tun? Darüber wurde doch seinerzeit nicht großartig diskutiert! Ja eben! Das war meines Erachtens der Fehler! Denn das war eine großartige Chance, einmal ein paar wichtigen Fragen nachzugehen, ohne dabei Fördertöpfe zu gefährden. Als es darum ging mit welchen Farben das Rathaus gestrichen werden soll, wurde kurz in Erwägung gezogen hierzu eine Bürgerbeteiligung zu initiieren.16 Die Bürger*innen taten es trotzdem. Auf Facebook. „Man“ hatte jedoch Verständnis dafür, denn: »Die Bürger identifizieren sich mit dem Rathaus.«17 Das ist schön! Und womit identifizieren sie sich sonst noch? Meines Erachtens hätte sich die Suche nach einem Titel für unsere Stadt hervorragend dafür geeignet, Antworten auf diese Frage zu finden. Mir ist der Titel „Stadt der Osterräder“ zu kurz gehupft.18

Auch die Wirtschafts- und Sozialraumkonferenz hätte optimal dazu genutzt werden können, sich auf die Suche nach dem roten Faden zu begeben.

Meine These: Lügde braucht eine Identität, einen roten Faden, an dem wir uns entlang hangeln können. Damit wir uns bei jeder Gelegenheit fragen können: Passt das in unser Programm? Passt das zu dem roten Faden? Passt das zu uns? Ich halte das für wichtig, weil wir uns sonst immer wieder haltlos verzetteln.

Ich denke ich muss nicht ausführen was passiert, wenn wir uns verzetteln. Die Fairtrade-Town-Geschichte ist so etwas. Wie passt die in das „Konzept Lügde“? All die Bemühungen meiner Kollegin und mir in dieser Sache voranzukommen stoßen überwiegend auf große Skepsis, oder sogar Ablehnung bei den Bürger*innen. Das heißt, es identifiziert sich kaum jemand damit. Doch der komplette Rat hat ohne nennenswerte Diskussion dafür gestimmt. Und was hat er bislang dazu beigetragen? Nichts.19 Aber gerade dann, wenn die Bürger*innen nicht wissen warum sie sich damit identifizieren sollen, ist es wichtig, dass Politiker*innen als leuchtende Vorbilder vorangehen, dass sie zeigen, dass sie hinter ihren Beschluss stehen.20

Oben habe ich es schon angedeutet, aber vielleicht nicht klar genug. Es gibt Projekte, wie zum Beispiel IKEK, die durchgezogen werden müssen um Fördergelder zu erschließen.21 Wir werden solche Dinge also auch machen müssen, selbst wenn wir einen roten Faden haben. Aber: Mit einem roten Faden können solche Projekte erheblich schneller und günstiger gestalten. Denn dann wissen wir ja bereits, in welche Richtung wir wollen. Außerdem können wir mittels des roten Fadens solche Detailprojekte viel präziser auf unsere Bedürfnisse hin herausarbeiten, und müssen nicht immer beim Urschleim beginnen.

„Nebenbei“, so ein roter Faden hilft auch dabei, gute Ideen und Projekte besser von Aktionsmus unterscheiden zu können. Das heißt, wir können also auch RessourcenVerschwendung vermeiden. Stichwort „Lügde spart“.

Noch ein Punkt, den ich für sehr wichtig halte:

Wenn wir uns auf die Suche nach der Identität unserer Stadt machen, wenn wir uns den roten Faden spinnen wollen, dann sollten wir auch ganz klar beantworten können, was NICHT zu uns passt, wo wir uns NICHT engagieren. Denn was in Bad Pyrmont toll läuft oder in Blomberg gut ankommt, muss nicht auch für Lügde gut, beziehungsweise passend sein. Das Wohnzimmer meines Freundes kann mir sehr gut gefallen, obwohl ich mir mein Wohnzimmer nie so einrichten würde. Wichtig ist, dass wir zu solchen „Grenzen“ stehen und sie nicht ständig aufweichen, um uns dadurch sukzessive wieder zu verzetteln.

Was noch offen bleibt:

Jetzt müsste ich eigentlich noch schildern, wie wir das anpacken könnten, wie wir zu dem roten Faden kommen könnten. Aber da dieser Text schon sehr lang geworden ist, mache ich daraus einen separaten Artikel.

Also, bis später …


  1. Siehe luegde.de/dienstleistungen: Stadtentwicklung und Dorfentwicklung [return]
  2. Siehe sessionnet.krz.de/bi: Beschlussvorlage vom 23.3.2016 für den Ausschuss für Stadtentwicklung, Planen und Verkehr der Stadt Lügde: Integriertes kommunales Entwicklungskonzept (IKEK). [return]
  3. Siehe de.wikipedia.org: Roter Faden [return]
  4. Eine Quelle habe ich gefunden, wo ich sie nicht vermutet hätte: unter leerstandsmanagement-lippe.de [return]
  5. Der Original-Artikel aus dem ich die Textpassage kopiert habe, ist leider nicht mehr im Netz zu finden. Die Kopie der Textpassage ist aber noch in meinem Artikel Lügde spart: Was haben wir gelernt? nachzulesen. [return]
  6. Um hier einen falschen Eindruck entgegenzutreten: „Lügde spart“ war eine tolle Aktion. Wir sollten sie sogar fortführen. Stichwort: Bürgerhaushalt. Auch dabei kann ein roter Faden hilfreich sein. [return]
  7. Hier, unter soheit.de, findet Ihr einige Artikel zur Wirtschafts- und Sozialraumkonferenz in Lügde. [return]
  8. Siehe: Lügde - Stadt der Osterräder [return]
  9. Was LEADER ist, erklärt die de.wikipedia.org so: „LEADER (englischsprachiges Apronym von französisch Liaison entre actions de développement de l’économie rurale, „Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft“) ist ein Förderprogramm der Europäischen Union, mit dem seit 1991 modellhaft innovative Aktionen im ländlichen Raum gefördert werden. Lokale Aktionsgruppen erarbeiten vor Ort Entwicklungskonzepte. Ziel ist es, die ländlichen Regionen Europas auf dem Weg zu einer eigenständigen Entwicklung zu unterstützen.“ [return]
  10. Siehe luegde.de: Machen Sie mit, bei der Erstellung einer lokalen Entwicklungsstrategie! [return]
  11. Falls sich noch nicht rumgesprochen hat, was ich von PowerPointPräsentationen halte: Hier gibt es Texte dazu. [return]
  12. Interner Link zu einer Liste mit Links, die zu Artikeln führen, in denen ich mich mit dem Thema Fairtrade-Town-Bewerbung Lügde beschäftige. [return]
  13. Siehe sessionnet.krz.de/bi: Beschlussvorlage vom 23.3.2016 für den Ausschuss für Stadtentwicklung, Planen und Verkehr der Stadt Lügde: Integriertes kommunales Entwicklungskonzept (IKEK). [return]
  14. Ihr kennt Leuchtturmprojekte, Cargo-Kulte, keine Fahrt über Grund? Nicht? Dann bitte hier entlang. [return]
  15. Was aber nicht bedeutet, dass ich solche Dinge nicht mehr beobachtet. Und was auch nicht bedeutet, dass ich dazu nichts mehr beitrage. Ich habe nur keine Lust mehr an diese vielen, oft langatmigen und wenig effizienten Sitzungen teilzunehmen. Aber ich gehöre auch nicht zu dem üblichen „Kreis der Verdächtigen“ die zu solchen Veranstaltungen geladen werden. [return]
  16. Siehe: Kindergarten Rathaus Lügde [return]
  17. Siehe: Geschlossene Gesellschaft [return]
  18. Denn alles was Lügde ausmacht auf den Titel die „Osterräderstadt“ einzudampfen, halte ich für sehr mutig. Weil wir damit Lügde auf 90 Minuten von 365 Tage reduziert haben. Länger dauert der Osterräderlauf nicht. Auch zu diesem Thema habe ich mehrere Artikel geschrieben. [return]
  19. Natürlich kann ich die Ratsmitglieder ein bisschen verstehen. Aber Leute, wenn Ihr keine Zeit habt daran mitzuwirken, dann hebt nicht die Finger für solchen Entscheidungen! [return]
  20. Nur ein Beispiel zum Thema „Politiker*innen müssen Vorbild“ sein: Fairtrade-Town Lügde, erster Zwischenbericht. [return]
  21. Dazu sollen auch Planungsbüros ins Boot geholt werden, deren Finanzierung oft ebenfalls über den Fördertopf erfolgt. Ich bin da nicht im Thema, aber ich erwähne das, weil ich dieses Planungsbüro-Sponsoring für sehr fragwürdig halte. Was ich später vielleicht mal näher ausführe. [return]