Juristerei im Internet

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Eine urinierende
KuhAls die Kuh das Wasser ließ

Es vergeht fast kein Tag, an dem ich mich morgens nicht auf die Knie werfe und ein Wort des innigen Dankes an all die Akteure richte, die mich mit ihren hervorragenden Internet-Beiträgen lernen lassen. Dabei liest man gerade in jüngster Zeit so oft: »Dieses pöse, pöse Internet! Jetzt schreiben alle, selbst die, die erst schreiben lernen sollten!« Meine Antwort: Du musst das doch nicht lesen.

By the way, da fällt mir ein Satz von Sascha Lobo ein:

Vielen Leuten bekommt das Internet einfach nicht.

— Sascha Lobo: Das Netz und die Dummheit: Hilferuf an die mindestens durchschnittlich Begabten, www.spiegel.de

Das ist auch mein Eindruck. Und wo ich gerade bei Sascha Lobo bin, im selben Artikel schreibt er:

Könnte man Unfug in Energie verwandeln, mit einem deutschen Tagwerk auf Facebook ließe sich Grönland eisfrei fönen.

— Sascha Lobo: Das Netz und die Dummheit: Hilferuf an die mindestens durchschnittlich Begabten, www.spiegel.de

Ganz klar: Das ist mein Satz des gestrigen Tages! Aber ich bin schon wieder auf Abwegen.

Wie schon einige Male erwähnt: Ich liebe das Internetz! Denn dort gibt es reichlich interessante Texte zu lesen. Und zwar von Leuten die was von dem verstehen, was sie da so schreiben. Leute, die vom Fach sind. Juristen zum Beispiel.

Ich habe hier schon etliche Beiträge von ihnen verlinkt. Auch weil ich ein bisschen dazu beitragen möchte aufzuzeigen, dass es nicht nur Blödsinn im Netz zu lesen gibt. Denn ich habe den Eindruck, dass alle Welt sich hauptsächlich darauf fokussiert. Lest die guten, die geistreichen Texte, und empfehlt sie weiter!

Erinnert Ihr Euch an diesen Artikel, in dem ich mich darüber echauffiert habe, wenn Politiker und Journalisten solche Bemerkungen wie: „mit aller Härte des Gesetzes bestrafen“, absondern? Drei Tage später lese ich:

Frau Göring-Eckardt fordert “die ganze Härte des Gesetzes” – was immer sich der Bürger unter dieser Idiotenformel vorzustellen hat.

— Prof. Dr. Thomas Fischer: Unser Sexmob, www.zeit.de

Prof. Dr. Thomas Fischer ist Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof. Und er erklärt uns in verständlicher Sprache:

Straftaten geschehen. […] Sie alle sind zu verfolgen und gegebenenfalls zu bestrafen. Nicht “mit der ganzen Härte”, und nicht “energisch” und nicht “unnachgiebig”. Sondern so, wie wir zivilisierten Rheinländer es gelernt haben: jeder Einzelfall nach seiner Verantwortung. Die Behauptung, Asylbewerber (oder Flüchtlinge) oder Ausländer müssten besonders gnadenlos bestraft werden, ist dumm und ohne jede Rechtsgrundlage.

— Prof. Dr. Thomas Fischer: Unser Sexmob, www.zeit.de

Und habt Ihr gewusst, das Richter auch Menschen sind?

Es ist naiv zu denken, Rechtsprechung sei wie Mathematik, wo es für jedes Problem genau eine richtige Lösung gibt. Die Lösung hängt, innerhalb der oft weiten gesetzlichen Spielräume, von den persönlichen Überzeugungen des Richters ab, die durch seine Weltanschauung und natürlich auch durch seine politische Einstellung geprägt sind. […] Die Welt ist voll von Richtern mit Vor-Urteilen, die wie Sphinxen dasitzen und so zu tun versuchen, als träten sie den Dingen wie Neugeborene entgegen.

— Prof. Dr. Thomas Fischer: “Der BGH liebt mich, er weiß es nur noch nicht”, www.lto.de/recht

Das es bei der Juristerei durchaus kontrovers zugeht, verdeutlicht ein Artikel von Prof. Dr. Jürgen Bast, der dieser Woche wie verrückt herumgereicht wurde (der Artikel, nicht der Professor): Dem Freistaat zum Gefallen: über Udo Di Fabios Gutachten zur staatsrechtlichen Beurteilung der Flüchtlingskrise.


PS: Mein Satz des heutigen Tages ist ebenfalls von gestern. Er stammt nicht von einem Juristen, sondern von einem Medienwissenschaftler: Prof. Dr. Bernhard Pörksen.

Die Mediengesellschaft hat die Ratlosigkeit und das Noch-nicht-Wissen tabuisiert. Es gilt in jedem Fall das Eingeständnis zu vermeiden, dass man noch nicht sagen kann, was das Geschehen auf lange Sicht eigentlich bedeutet. Auch wenn das vielleicht manchmal die ehrlichste Antwort wäre.

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zu Köln “Die Simulation von Einordnung lässt einen frösteln”, www.tagesspiegel.de

Ich würde das Wort „Medien“ im ersten Satz streichen.