Ich kann sogar über mich gähnen

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Birkenzweige vor einem blauen Abendhimmel

Kennt Ihr das: Der Text ist fertig, es fehlt nur noch eine griffige, zum Lesen des Textes animierende Überschrift – und plötzlich ein Vakuum? Minutenlang zermarterst du dir die Dachkammer: Heiliger Bimbam, ich brauche eine kurze, knackige Überschrift! Je-he-zt!

Gestern habe ich mich mal wieder als Erklärbär hervortun wollen, und einen Text für unser Intranet geschrieben. Es ging um neues Zeugs, was wir für eine AnwenderInnenSoftware gebastelt haben. Noch eben einen Titel über die Info geknallt, und ab dafür. Doch dann war sie wieder da: diese Leere, diese unendliche.

Aber aufgeben, das ist nicht mir! All mein Können, meine Erfahrungen, meine Weisheit und was ich sonst noch alles nicht zu bieten habe, investierte ich in sie. – In die Überschrift!, Leute! Was Ihr immer denkt …

Als ich dann auf den Bildschirm guckte, las ich da: „Alles neu macht der Mai!“

Augenblicklich war mir schlecht. Echt?! Ist das dein Ernst?! Willst du das wirklich so stehen lassen? Alles neu macht der Mai!? Ich versuchte mich zu beruhigen: Das egalisiere ich kurzerhand mit einer kleinen Einleitung:

Das ist doch mal eine total innovative Überschrift, oder? Habt Ihr auch so herzhaft gegähnt wie ich? Ich kann nicht nur über mich lachen, ich kann sogar über mich gähnen. Jetzt frage ich mich allerdings, lache oder gähne ich häufiger über mich? Und was wird die Antwort auf die Frage für Rückschlüsse über mein Seelenleben offenbaren? Wird Siri mir bei der Verarbeitung helfen können? […]

Dreizehn Bildschirmseiten weiter, trunken vom Rauschen meines SchreibeSchwalls, bohrte sich ein Gedanke in das pittoreske Idyll meiner Total-Verzückung: Ähm, du referierst hier seit Stunden ungebeten und völlig sinnentleert über das Gähnen. Wolltest du da nicht was ganz anderes einstellen? Oh, wie es hasse, von unkreativen, phantasielosen, unromantischen Vernunfts-Menschen zur Ordnung gerufen zu werden. »Zensur!«, möchte ich schreien, traue mich aber meistens nicht. Also nie.

So viele wertvolle Informationen hatte ich in meine Ausführungen über die Chasmologie gegossen – alles für nüschts!

Ich hatte erklärt, dass das Lachen und das Gähnen ziemlich nah miteinander verwandt sind, dass Menschen, die über sich selbst gähnen können, ganz besondere Menschen sind, aber keine ermüdende Langweiler!, und dass Mann beim Trinken nicht gähnen sollte. Leute, appellierte ich: Leute, gähnen ist Kultur! Kommentieren ohne Worte! Das Tor zur Kontemplation! Leidenschaft ohne Blutdruck! Führt das Gähnen aus dem Schattendasein! Gähnt bei Sonnen-, Scheinwerfer- und Bühnenlicht! Das hat es sich verdient!

All das belegte ich mit brandaktuellen Studien aus meinem Labor … Gelöscht. Gelöscht, für eine spröde Info zu einer Gaga-Software. Am liebsten hätte ich über mich selbst geheult. Aber dass Fass wollte ich nicht auch noch aufmachen.

So, jetzt gehe ich über mich gähnen. Wie? Ich lese diesen Text, und anschließend verdaue ich das Gelesene in dem ich meinen Blick auf das äußerst originelle Foto im Einspann verweilen lasse.

Schönen Samstag noch!