Fairtrade-Stadt? Was die KommunalPolitik dafür tun sollte

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Eine Tür mit der Aufschrift Einfahrt freihalten

Fairhandelsabkommen statt Freihandelsabkommen!

— Tilo Jung, twitter.com/TiloJung

Als ich diesen Tweet von Tilo Jung kürzlich in meiner Twitter-Timeline gesehen habe, kam mir unwillkürlich ein Gedanke. Denn der Tweet erinnerte mich an die Bemühungen meines schönen Wohnortes Lügde, Fairtrade-Town zu werden.

Und mir wurde klar, dass dabei die Lügder Kommunalpolitiker noch mehr Einsatz zeigen sollten, als ich das bislang geglaubt habe. Warum das so ist, soll dieser Text verdeutlichen. Vielleicht sind meine Überlegungen dumm und naiv. Aber beurteilt selbst.

Freihandelsabkommen

Zurzeit werden zwei geplante Freihandelsabkommen sehr intensiv in den Medien diskutiert. In der vergangenen Woche stand besonders CETA im Fokus.

Das Comprehensive Economic and Trade Agreement, kurz CETA […], ist ein geplantes europäisch-kanadisches Freihandelsabkommen. Der Vertrag enthält umfassende Handels- und Zollerleichterungen. Es gilt auch als Testfall für das US-amerikanisch-europäische Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP/TAFTA) […]

— de.wikipedia.org: Comprehensive Economic and Trade Agreement

Darüber hinaus wird auch TTIP heiß diskutiert.

Das Transatlantische Freihandelsabkommen, offiziell Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (englisch Transatlantic Trade and Investment Partnership, TTIP […]), ist ein geplantes Freihandels- und Investitionsschutzabkommen in Form eines völkerrechtlichen Vertrags zwischen der Europäischen Union und den USA. […] Das Ziel von TTIP ist laut den Verhandlungspartnern der Abbau von tarifären und nichttarifären Handelshemmnissen zwischen den USA und der EU. Besonders der Abbau der nichttarifären Handelshemmnisse fördere das Wirtschaftswachstum in den beteiligten Ländern erheblich, indem es Kosten für exportierende Unternehmen in der EU und den USA senke und damit das Außenhandelsvolumen vergrößere.

— de.wikipedia.org: Transatlantisches Freihandelsabkommen

Meine These

Wenn ein Land mit einem anderen Land ein Abkommen schließt, damit die beteiligten Länder mit ihren Waren und Dienstleistungen einen besseren und leichteren Zugang auf dem jeweils anderen Markt haben, grenzen diese beiden Länder damit automatisch andere Länder aus. Wenngleich sich bei den außenstehenden Ländern eigentlichen nichts ändert, aber sie genießen die Vorteile des Handelsabkommens nicht und sind dadurch benachteiligt.

Außerdem: Ein Punkt, der bei den beiden geplanten Handelsabkommen immer wieder kritisiert wird ist, die mangelnde Transparenz. Und Transparenz ist für mich Bestandteil von Fairness.

Die Aufgabe von Fairtrade-Towns

Und jetzt kommt die Fairtrade-Town-Geschichte ins Spiel. Fairtrade-Towns sind Städte, die sich für den fairen Handel stark machen. Und das will Lügde künftig ja auch tun. Was ich absolut begrüße. Denn:

Fair Trade is a tangible contribution to the fight against poverty, climate change and global economic crises.

— World Fair Trade Organization, www.wfto.com/about-us

„Fair Trade ist ein konkreter Beitrag zur Bekämpfung von Armut, Klimawandel und Weltwirtschaftskrise“, schreibt die WFTO.

Der Faire Handel – Fair Trade […] – ist im Grunde eine Antwort auf das Versagen des konventionellen Handels, den Menschen in den ärmsten Ländern der Welt ein nachhaltiges Auskommen und Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten.

— Aus der Grundsatz-Charta für den Fairen Handel, Januar 2009 (PDF), Seite 1, www.wfto.com

Was wir in Lügde also künftig machen wollen ist, daran mitzuwirken, eine Antwort auf das Versagen des konventionellen Handels zu geben. Das, um den Menschen in den ärmsten Ländern der Welt ein nachhaltiges Auskommen und Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Ich frage jetzt mal provokativ: Ist Kanada arm? Ist die USA arm?

Viele ProduzentInnen haben keinen Zugang zu Mainstream - und Wertschöpfungs - Märkten oder nur über langwierige und ineffiziente Handelsketten.

— Aus der Grundsatz-Charta für den Fairen Handel (PDF), Seite 6, www.wfto.com

Was ist zum Beispiel mit den Ländern in Afrika? Würden wir die durch die beiden Freihandelsabkommen nicht noch mehr ausgrenzen? Warum schließen wir kein Fair-Handelsabkommen mit Afrika?

In der Grundsatz-Charta für den fairen Handel wird dieser so definiert:

“Fairer Handel ist eine Handelspartnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht und nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt. Durch bessere Handelsbedingungen und die Sicherung sozialer Rechte für benachteiligte ProduzentInnen und ArbeiterInnen - insbesondere in den Ländern des Südens - leistet der Faire Handel einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung. Fair Handels-Organisationen engagieren sich - gemeinsam mit VerbraucherInnen - für die Unterstützung der ProduzentInnen, die Bewusstseinsbildung und die Kampagnenarbeit zur Veränderung der Regeln und der Praxis des konventionellen Welthandels.”

Aus der Grundsatz-Charta für den Fairen Handel (PDF), Seite 6, www.wfto.com

Fairtrade-Towns und die Kommunalpolitk

Die Lügder KommunalpolitikerInnen haben sich einstimmig und, wie es aussieht, mit Begeisterung dafür ausgesprochen, dass Lügde Fairtrade-Town werden soll. In der Niederschrift über die Sitzung des Haupt und Finanzausschuss der Stadt Lügde am 2.5.2016 heißt es:

In den Fraktionen wird eine Anerkennung als Fairtrade-Stadt als äußerst positiv betrachtet, sodass sich für eine Bewerbung ausgesprochen wird.

Haupt- und Finanzausschuss der Stadt Lügde, 2.5.2016, TOP 3

In der Niederschrift über die Sitzung des Rates vom 9.5.2016 ist nachzulesen:

Die Bewerbung als Fair-Trade-Town wird fraktionsübergreifend positiv bewertet.

Rat der Stadt Lügde, 9.5.2016, TOP 5

Dazu auch noch mal ein Satz aus dem Antrag1, der die Fairtrade-Town Geschichte in Lügde ins Rollen gebracht hat.

Der Strom der Flüchtlinge nach Europa wird solange nicht abreißen, wie die Lebensbedingungen für die Menschen in ihrem Heimatland unerträglich sind.

— Aus dem Antrag der SPD-Fraktion (PDF) vom 8.12.2015

Und jetzt komme ich endlich auf den Punkt:

Müssten die Lügder KommunalpolitikerInnen nicht auf ihre ParteikollegInnen auf Kreis-, Land-, Bundes- und europäischer Ebene einwirken, dass CETA und TTIP nicht zustande kommen, weil die Handelsabkommen andere, besonders ärmere Länder ausgrenzen? Oder müssten sie nicht wenigstens darauf hinwirken, dass CETA und TTIP Fair-Handelsabkommen werden, sodass ein Ausgrenzen anderer Länder verhindern wird?2 – Das wäre meines Erachtens konsequent.

Möglicherweise werden jetzt einige von Euch denken: Vielleicht tun sie das schon. Mag sein, ich schließe das nicht aus. Aber dann wäre es, besonders im Hinblick auf die Fairtrade-Town-Bewerbung wichtig und gut, sie würden das öffentlich und nachvollziehbar aufzeigen.


Stimmt, in dem Text beziehe ich mich auf Lügde, obgleich ich die Überschrift „Fairtrade-Stadt? Was die KommunalPolitik dafür tun sollte“ allgemeiner gefasst habe. Ich gehe davon aus, dass sich auch in den anderen FairTrade-Städten KommunalpolitikerInnen dafür verwendet haben, dass ihre Stadt den Fairtrade-Town-Titel tragen darf …


Wenn Ihr mir einen Kommentar schreiben möchtet, schreibt mir einfach eine E-Mail. Bitte schreibt darin auch, ob ich die E-Mail hier, unter diesem Text veröffentlichen darf.


  1. Die Aussage des Satzes kann ich nur unterstreichen. Nur mit der Wortwahl – Strom der Flüchtlinge – bin ich nicht einverstanden. [return]
  2. Was aus meiner Sicht unmöglich ist. Denn wenn sich zwei große, starke Märkte verständigen, nehmen sie automatisch eine gewisse Monopolstellung ein. Für den Fairtrade-Gedanke ist das wohl eher unlauterer Wettbewerb. [return]