Fairtrade-Town Lügde, erster Zwischenbericht

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 8 Minuten

Eine Kaffeepackung mit dem Fairtrade-Logo und eine Kaffeetasse mit dem Schriftzug Lügde, Stadt der Osterräder

Ein Zwischenbericht? Warum das? Der Hauptgrund ist der Gedanke, dass sicherlich auch noch andere Städte Fairtrade-Town werden möchten. Und alle stehen am Anfang vor der Frage: Wie packe ich das an? Und mit Artikeln wie diesen möchte aufzeigen, wie das bei uns in Lügde gelaufen ist. Und vielleicht sind darin auch ein paar Anregungen – ob im Sinne von Best practice oder von: So machen wir das besser nicht.

Kurz zur Chronik

Lügde soll Fairtrade-Town werden. Das hat der Rat im Mai 2016 beschlossen. Im September hat ein Ratsmitglied zweimal daran „erinnert“1. Übersetzt heißt das, ein Ratsmitglied hakt nach: »Hey, Verwaltung, setzt jetzt endlich mal unseren Beschluss um!«

Und irgendwann sind wir, also die Verwaltung, im konkreten Fall ich dann tätig geworden. Da zunächst eine Steuerungsgruppe zu bilden war, habe ich beim Verfasser2 des initiierenden Antrages (PDF) nachgefragt. Er nannte mir einige Kandidaten, mit denen er bereits gesprochen habe. Die habe ich angeschrieben, ihnen den Job der Steuerungsgruppe erläutert und gefragt, ob sie darin mitwirken wollen. Bis auf einen haben alle zugesagt. Das erste, und bislang einzige Treffen der Steuerungsgruppe fand am 20. Oktober 2016 statt.

Öffentlichkeit und Protokolle

Ich muss mal kurz abschweifen. Es geht um die Stichpunkte Öffentlichkeit und Protokolle.

»Muss denn das nicht sowieso alles veröffentlicht werden?«, fragte mich vor einiger Zeit ein Freund, mit dem ich mich über Lügdes Fairtrade-Stadt-Bewerbung unterhalten habe. »Keine Ahnung, aber ich werde das öffentlich machen«, gab ich ihm zur Antwort. Das, weil ich wie mein Kumpel der Überzeugung bin, wenn man bei diesem Thema glaubwürdig sein will, muss man auch transparent sein. Und, weil ich mich auf einigen Websites anderer Fairtrade-Towns mal umgesehen und für mich festgestellt habe: Das was dort über das Thema zu finden ist, ist ziemlich dünn.

»Gibt es denn sowas wie ein Protokoll von den jeweiligen Sitzungen der Steuerungsgruppe?«, bin ich von einem Mitglied der Steuerungsgruppe gefragt worden. Die Frage habe ich dummerweise nicht deutlich genug beantwortet. Daher an dieser Stelle: Fairtrade-Town ist keine „Wir lassen uns jetzt mal von der Verwaltung fair gehandelten Kaffee einschenken“-Aktion. Fairen Handel zu wollen ist meines Erachtens eine Haltung, die sehr tiefe Wurzeln hat. Ich komme weiter unten noch darauf zurück. Und wenn es eine Haltung ist, hat das was mit intrinsischer Motivation zu tun, und nicht mit einer Aufgabenverteilung mittels Niederschriften.

Was wir bislang gemacht haben

So, weiter im Protokoll: Was haben wir bislang gemacht? Wenn ich jetzt von „wir“ schreibe, sind das meine Kollegin und ich.

Die Osterräderstadt möchte Fairtrade-Town werden, lautet der erste offizielle Artikel zu dem Thema, den ich am 21. Oktober, also einen Tag nach dem ersten Treffen der Steuerungsgruppe unter luegde.de veröffentlicht habe. luegde.de ist die Website der Stadt Lügde. Sinn und Zweck des Artikels war, die Leserinnen und Leser auf die Ansage des Rates aufmerksam zu machen: Lügde soll Fairtrade-Town werden. In dem Beitrag habe ich versucht zu skizzieren, was fairtrade heißt und was dafür erforderlich ist, Fairtrade-Town werden zu können.

Eine Woche später, am 28. Oktober 2016, ging die MitmachSeite unter luegde.de an den Start: FairtradeTown - Machen Sie mit! Darin versuche ich zu erklären, wie Schulen, Vereine, Kirchen, Gaststätten und Geschäfte mitwirken können. In dem Artikel verdrahtet sind auch die Vordrucke, auf denen die Akteure bestätigen müssen, dass sie teilnehmen und welchen Beitrag sie zu der Kampagne leisten (die Vordrucke gehören zum vorgegebenen Procedere). Ebenfalls in dem Artikel zu finden: Links zu Tipps und weitergehenden Infos.

Außerdem haben wir reichlich Post verschickt. Virtuelles Klinken putzen nenne ich das. Meine Kollegin hat sämtliche Marketingmitglieder angeschrieben, während ich die Schulen und Kindergärten angetextet habe. Darüber hinaus haben wir Akteure direkt angesprochen und angeschrieben, wovon wir wussten, dass sie den Fairtrade-Gedanken schon „leben“.

Auch Facebook und Twitter wurden von uns befeuert: Während meine Kollegin die Facebook-Gemeinde3 des MarketingVereins informiert hat, habe ich den offiziellen Twitter-Account der Stadt Lügde strapaziert – siehe hier, hier und hier.

Und ganz langsam beginnt der Tanker sich auch zu bewegen. Wir haben die ersten offiziellen Teilnehmer. Am 17. November 2016 konnte ich meine Idee in die Tat umsetzen, und unter luegde.de auf einer eigens dafür erstellten Seite die ersten wahren Akteure vorstellen: Lügdes Fairtrade-Town-Unterstützer*innen. Die beiden ersten Unterstützer*innen leben den Fairtrade-Gedanken schon seit vielen Jahren, ist mir von ihnen erzählt worden. Die Seite soll aber auch ein Einstieg in eine Art Einkaufs-Guide sein: „Wo können Sie in Lügde fair gehandelte Produkte verköstigen, und wo können Sie fair gehandelte Produkte kaufen?“

„Kosten würden kaum entstehen“

Wenn ich mal die Zeit für die vielen Gespräche, Recherchen und so weiter aufsummiere, kommt da schon jetzt eine nicht unbeachtliche Stundenzahl zusammen.

Kosten würden kaum entstehen, allenfalls Personalkosten, so die Erfahrung der Stadt Bad Pyrmont.

— Aus der Niederschrift der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses vom 2.5.2016

„Allenfalls Personalkosten“ – mehr nicht. Wir können auch noch ein paar Sitzungen und Treffen machen, dann werden es noch mehr Stunden. Aber ich glaube nicht, dass dabei mehr heraus kommt.4 Entschuldigt bitte, ich konnte mir das nicht verkneifen. Denn solche Aussagen sind Augenwischerei!

Ihr denkt an den ersten Absatz?

Fairtrade-Town par ordre du mufti ist blöd

Es ist hier auch nicht so, dass nur die Verwaltung den Beschluss des Rates umsetzen muss. Nach den Regelwerk von Transfair ist hier eigentlich die Steuerungsgruppe gefragt, der ich in Lügde als Vertreter der Verwaltung angehöre. Ich gebe zu, von der Steuerungsgruppe könnten mehr Impulse kommen. Aber vielleicht wird das noch. Und manchmal denke ich, die Steuerungsgruppe wird selbst von Transfair nur vorgeschoben. Sie soll den eigentlichen Aktivposten nur verschleiern.

In Lügde ist der Wunsch Faitrade-Town zu werden, aus den Reihen der Kommunalpolitiker gekommen. Dann erfolgte der Ratsbeschluss, und anschließend ist die Steuerungsgruppe „konstituiert“ worden. Diesen Weg würde ich keiner Gemeinde die überlegt Fairtrade-Town zu werden, empfehlen. Das ist Fairtrade-Town par ordre du mufti, und degradiert nicht nur die Steuerungsgruppe zum Ausführungsorgan einer „höheren“ Instanz.

Top-Down ist gerade bei Prozessen wie diesen die falsche Wirkrichtung. Hier hätte man im Vorfeld des Ratsbeschlusses ausloten sollen: Haben wir genügend Motoren die das vorantreiben können? Haben wir genug Leute die motiviert sind, die anpacken, die durchhalten. Leute die nur reden gibt es reichlich. Die werden auch hier nicht gebraucht.

Es spricht nichts dagegen, dass jemand die Initiative ergreift der auch Ratsmitglied ist. Aber die Initiative sollte aus sich selbst heraus wachsen, und nicht durch eine Anordnung des Rates. Denn dann hätte der Ratsbeschluss die Wirkung einer ersten Auszeichnung. Was wesentlich motivierender ist.

Leider ist das in Lügde anders gelaufen. Hier ist die Politik vorangegangen. Daher sind die Kommunalpolitiker*innen ganz besonders gefordert, sich hier zu engagieren.

Kommunalpolitiker*innen müssen auch mitwirken

So oder so: Ein ganz wichtiger Motor bei der Fairtrade-Town-Geschichte muss meines Erachtens die KommunalPolitik sein (siehe hier und hier). Und in Lügde hätte die Politik spätestens nach ihrem Beschluss im Mai 2016 selbst tätig werden können. Doch sie beschränkte sich darauf, die Verwaltung zu erinnern mal bitteschön tätig zu werden.

Ich glaube, die meisten Leute unterschätzen hier die Dimension. Oben habe ich von den tiefen Wurzeln des Fairtrade-Gedankens gesprochen. Nochmal: Es geht hier nicht um Fairtrade-Kaffee-Kränzchen. Ein Beispiel:

»Und den Kaffee werden wir nicht in Plastikbechern ausschenken!« führte meine Kollegin aus, die jemanden von einer geplanten Fairtrade-Aktion berichtete. »Wieso das denn nicht?«, wurde sie gefragt, und antwortete: »Fairtrade heißt auch Nachhaltigkeit!« »Echt?!«

Ihr seid der Meinung, das sei übertrieben? Ist es aber nicht.

Der Faire Handel […] ist im Grunde eine Antwort auf das Versagen des konventionellen Handels.

— Aus der Grundsatz-Charta für den Fairen Handel, Januar 2009 (PDF), Seite 1, www.wfto.com

Wenn die Kommunalpolitiker*innen ihren Beschluss wirklich ernst nehmen, sollten auch sie Klinken putzen gehen. Zum Beispiel, indem sie die ortsansässigen Betriebe mal fragen, woher sie Produkte und Materialien die sie verarbeiten oder verkaufen beziehen. Sie könnten die Betriebe auch fragen, wie die Situation der Menschen ist, die die Rohstoffe abbauen; unter welchen Bedingungen das geschieht, und ob diese Menschen dafür fair bezahlt werden.

Da liegen die Wurzeln von denen ich gesprochen habe. Gerne würde ich die Betriebe die sich hier positiv auszeichnen auf der Seite Lügdes Fairtrade-Town-Unterstützer*innen mit aufführen.

Ihr denkt, ich sei ein bisschen abgedreht? Nun, dann zitiere ich noch mal aus dem initiierenden Antrag.

Der Strom der Flüchtlinge nach Europa wird solange nicht abreißen, wie die Lebensbedingungen in ihren Heimatländern unerträglich sind. Fürchterliche Kriege oder Hungersnöte bringen die Menschen dazu, ihr gewohntes Umfeld zu verlassen, tausende Kilometer Flucht unter Einsatz ihres Lebens auf sich zu nehmen, um das zu erfahren, was für uns selbstverständlich geworden ist: Ein Leben in Frieden und Freiheit.

— Aus dem Antrag der SPD-Fraktion (PDF) vom 8.12.2015

Amen! Das ist so! Und ja, eine Möglichkeit hier zu helfen ist, für den fairen Handel einzutreten. Denn: „Fair Trade ist ein konkreter Beitrag zur Bekämpfung von Armut, Klimawandel und Weltwirtschaftskrise“5. An dieser Stelle auch noch mal der Hinweis: Es war dieser Antrag der SPD, dem der Lügder Rat einstimmig beschlossen hat zu folgen.

Aber wir werden nicht mehr als der Tropfen auf dem heißen Stein ausrichten, wenn wir, wie ich jetzt gerade, alle hin und wieder mal eine Runde Fairtrade-Kaffee schlürfen. Da müssen wir schon konsequenter sein. Dann müssen wir – die Fairtrade-Towns – auch und ganz besonders die Rohstoffe verarbeitende Industrie einbeziehen.

Wenn wir aber so weit nicht gehen wollen, dann geht es uns wirklich nur um ein Logo, das wir uns an die Heckscheibe des SUVs kleben können; dann geht es uns wirklich nur darum, eine Auszeichnungsparty zu machen und uns dabei so oft wie möglich vor die Kameraobjektive zu werfen.

Nur ein Zwischenbericht

Nun, dies ist nur ein Zwischenbericht. Noch befinden wir in Lügde uns am Anfang des Prozesses. Ich schreibe bewusst nicht: „des Projektes“. Klammheimlich habe ich die Messlatte drüben mal etwas höher gelegt: „Vielen Dank an alle, die uns bei dem Prozess ‚Lügde steht für den fairen Handel!‘ unterstützen!“


  1. Quelle: Siehe Liste unter dem Artikel Fairtrade-Town Lügde - Wer ist jetzt gefragt? [return]
  2. Der Verfasser des Antrages hatte sich im März, also im Vorfeld des Ratsbeschlusses, nach dem „Sachstand zu seinem Antrag“ erkundigt. Übersetzt heißt das: »Verwaltung, wann bearbeitet ihr endlich mal meinen Antrag?!« [return]
  3. Sie hat mir den Deep-Ling von dem Artikel zugeschickt. Leider finde ich ihn im Moment nicht wieder. Aber ich werde ihn noch nachliefern. [return]
  4. Siehe dazu: Meetings sind Gift [return]
  5. Schreibt die World Fair Trade Organization (WFTO). [return]