Eine offene Beziehung führt zu Depressionen

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Rapsfeld

»Na, hast wohl gerade von dem Schnaps getrunken, den du da drin versteckt hast.« Mein Kollege hatte mich aus einem „Multifunktionsraum“ (man könnte auch Rumpelkammer sagen) kommen sehen. Der Raum ist eine sanierungsbedingte Notunterkunft für Büromaterial, Kopierer und sonstigen Kram – und bis zur Decke vollgestopft davon. »Dir ist schon klar, dass die ‚Vermutung‘ mehr über dich, als über mich aussagt, oder?« Er lachte: »Das stimmt!«, und fügte hinzu: »‚Was ich selber denke und tue, traue ich auch jedem anderen zu.‘«

Oft schon habe ich mich gefragt: Warum denken manche Menschen so unglaublich negativ über einige ihrer Mitmenschen? Warum unterstellen die denen solche Dinge, obwohl sie noch nie mit denen gesprochen haben? Ich wäre nicht auf diese Gedanken gekommen. Und meistens erkenne ich für die Unterstellungen und Vorwürfe auch keinerlei Anhaltspunkte.

Manchmal komme ich dann zu dem Schluss: Vielleicht haben diese Menschen selbst genau das getan, was sie ihren Mitmenschen vorwerfen, und tun es möglicherweise immer noch, oder sie würden es gern tun … Okay, das ist auch eine Vermutung – eine Unterstellung.

Aber als ich den Aphorismus von meinem Kollegen hörte: „Was ich selber denke und tue, traue ich auch jedem anderen zu“, dachte ich: so weit hergeholt ist meine Schlussfolgerung nicht.

Ein anderes Beispiel: Er betrügt sie. Sie beendet die Beziehung und unterstellt fortan allen Männern Betrüger zu sein.

Auch unverarbeitete Erlebnisse aus der eigenen Lebensgeschichte, große Ängste und Sorgen, enormer Leistungsdruck im Alltag können Gründe dafür sein, dass sich die Sicht auf die Dinge – meistens leider negativ – verändert. Nicht selten führt das dazu, dass die Betroffenen allein aufgrund ihrer Verletzungen Mitmenschen nicht be- sondern ver-urteilen, ihnen etwas unterstellen, ohne dafür echte Gründe nennen zu können.

Ich vergleiche das gern mit einem Kind, dass beim Spielen gestürzt ist, sich dabei blutige Knie geholt hat, und dann vor Schmerz schreiend zur Mutter rennt. Und ich glaube, viele Unterstellungen und Vorverurteilungen von „Erwachsenen“ sind ebenfalls Schmerzensschreie, verursacht, zum Beispiel durch unverarbeitete Erlebnisse.

Warum schreibe ich das?

Derzeit wird reichlich über Hass im Netz, über Lügengeschichten und über Verschwörungstheorien diskutiert. Dabei wird einer Vielzahl von Fragestellungen nachgegangen: Wie entsteht so etwas?, Gibt es heute mehr Hass und Lügenschichten als zuvor?, Was können wir dagegen tun? und so weiter.

Im Netz findet man dazu reichlich Informationen. Hier eine kleine Auswahl:

Ja, ich habe Euch den Artikel von Thomas Knüwer schon ans Herz gelegt. Aber seine Rezension finde ich so gut, dass ich sie an dieser Stelle nochmal empfehle: Wir alle sind Verschwörungstheoretiker.

Habt Ihr kürzlich die Talkshow mit Maybrit Illner gesehen? Nicht? Ich auch nicht. Aber eines ist klar, der Sascha Lobo ist … Okay, lassen wir ihn das selbst erklären: BILD spint, und alle spinnen mit. Und Stefan Niggemeier ergänzt: Wie man eine Talkshow bespricht, ohne sie gucken zu müssen.

Kennt Ihr Ingrid Brodnig? Solltet Ihr aber. Hier Ihr Beitrag auf der re:publica 2016: Wieso Lügengeschichten so gut funktionieren.

Leider habe ich die ach so essenzielle Folie: „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“ vergessen. Also gebe ich einfach kurz ab an @erzaehlmirnix: Eine offene Beziehung führt zu Depressionen.

… und eine „geschlossene“ Beziehung zu Tinnitus.