Ein Knast mit Ängsten gemauert

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Der Einband des Buches Ohrfeige

Zurzeit wird viel über die Menschen geschrieben, die bei uns Zuflucht suchen. Von den Betroffenen, ist wenig zu lesen. Wie fühlt sich das an, hier zu sein? Unsere Meinungen von der Welt und von den Ländern aus denen sie geflohen sind, unser Tun oder auch Nichttun, unser Bürokratismus, unsere Vorschriften – was macht das mit ihnen?

Der Roman von Abbas KhiderOhrfeige – vermittelt einen Eindruck davon. Karim Mensy ist die Hauptfigur des Romans. Karim stammt aus dem Irak und erzählt von seinen Erlebnissen - mit den Schleppern, den Deutschen, den Behörden, den Vorschriften, den Formalitäten, den Unterkünften, den Mitmenschen in den Unterkünften …

Auf diese Weise ermöglicht der Roman den Leserinnen und Lesern, die Gefühle der Zufluchtsuchenden nachzuvollziehen – deren Ängste, Sorgen und Hoffnungen. Aber auch der Frust, die Tristesse dieser Tortur können besser nachempfunden werden.

Besonders deutlich bringt der Roman die oft große Unsicherheit der Menschen nahe: »Was wird aus mir?« Zum Nichtstun gesetzlich verpflichtet zu sein, keine Perspektive zu erkennen – das kann Menschen brechen. Hier ein Beispiel aus dem Roman:

Rafid, genannt Bleistift, ist ein Freund von Karim. Rafid ist ebenfalls aus dem Irak geflohen. Den Spitznamen bekam Rafid, weil er ständig einen Stift hinter dem Ohr trägt. Rafid hat einen Bachelor-Abschluss der Universität Bagdad. Und er hat acht Semester Englische Literatur sowie zwei Semester Deutsch im Irak studiert. Anerkannt wurden ihm hier jedoch lediglich drei Semester.

»Wenn ich meine Situation genau betrachte und dabei etwas übertreibe«, sagte er einmal, »begehe ich mit meiner Schreiberei eine klare Straftat, weil ich sechs bis acht Stunden täglich an meinem Buch arbeite. Berücksichtigt man die Gesetzeslage, ist das verboten, denn ich habe keine Arbeitserlaubnis. Wenn das Werk fertig ist, veröffentlicht und sich gut verkaufen wird, lande ich vermutlich im Knast. Gemäß Schwarzarbeiterbekämpfungsgesetz! In der Heimat durfte ich schreiben, so viel ich wollte, aber ich musste mich selbst zenieren, wenn ich nicht sterben wollte. Hier in der deutschen Demokratie dagegen ist schon mein Schreibversuch ein Verbrechen!«

— Aus dem Roman Ohrfeige von Abbas Khider, Seite 201.

Nachdem sein Asylantrag abgelehnt wurde, hockte Rafid zwei Jahre mit einer Duldung im Obdachlosenheim. Aufgrund seiner finanziellen Situation war es ihm nicht möglich ausreichend Recherche-Material zu bekommen. Seine Geschichte endet in der Psychiatrie.

Der Roman zeigt eindrucksvoll wie wichtig es ist, dass Menschen nicht ihrer Perspektiven beraubt werden – zum Beispiel durch endlos lange Asylverfahren. Beim Lesen des Romans habe ich mich oft gefragt, wie charakterfest ich in einer solchen Situation bliebe: von der Flucht geschockt, erschöpft, in einem fremden Land, dauernd in andere Unterkünfte umziehen zu müssen, und dann dieser zermürbend lange Weg durch den Bürokratismus …

Schaut und hört bitte auch, was Abbas Khider in einem Interview zu seinem Roman „Ohrfeige“ erzählt: »Ein Knast mit Ängsten gemauert