Aus gegebenen Anlass – ein Grabpflege-Blues

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»Das machst du doch nur für die Leute!« Ein Satz, den ich oft von einer Freundin zu hören bekommen habe, wenn ich zum Friedhof ausgerückt bin um die Gräber meiner verstorbenen Angehörigen auf Vordermann zu bringen.

Tja, warum mache ich das? Warum pflege ich die Gräber? Den Job habe ich vor Jahren von meiner Mom übernommen, die das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr konnte. Und meine Ma hat das in die Hand genommen, nachdem mein Vater verstorben ist. Und vor meinem Dad hat das mein Großvater gemacht. Und davor … Egal. Mache ich den Job gerne? Naja, wenn ich erstmal vor Ort bin und losgelegt habe, dann gehts …

Aber die Frage bleibt: Für wen mache ich das? Mache ich das für die Verstorbenen? Wohl kaum. Die haben nichts davon.

Zirka zwei Wochen vor Allerheiligen und Allerseelen wird das Thema hier im Tal sehr akut: »Hast du schon deine Gräber fertig?« Und dann wird sich ausgetauscht, wie man die Gräber in diesem Jahr gestaltet hat. Ich weiß nicht wie das in anderen Orten ist, aber in Lügde ist das Pflicht: Vor Allerheiligen müssen die Gräber fertig sein! Punkt.

Natürlich ist das nicht Pflicht. Es wird nur untereinander so suggeriert. Gleichwohl wird in den Regelwerken zum Friedhof irgendwo verankert sein, dass die Gräber in Ordnung zu halten sind. Aber ohne nachgesehen zu haben glaube ich, dass in den Regelwerken nicht sowas steht wie: Zu Allerheiligen und Allerseelen müssen die Gräber picobello sein! Und was heißt: in Ordnung zu halten. Ordnung ist relativ. Oder wie die Juristen sagen: Ordnung ist ein unbestimmter Rechtsbegriff, der der Auslegung bedarf.

Klar, dass die Gräber vor Allerheiligen und Allerseelen klar Schiff gemacht werden, hat hauptsächlich religiöse Gründe. Und der Friedhofsbesuch zu Allerheiligen und/oder Allerseelen ist ähnlich wie der Besuch der Kirche zu Weihnachten. Beides findet für viele nur einmal im Jahr statt. Ich finde das spannend, wie paradox wir oft agieren. Oder ist das gar nicht paradox? Ich komme darauf zurück.

Wann immer ich in solchen Grabpflege-Gesprächen verwickelt bin, fällt mir auf, Antworten auf die Frage: „Für wen pflegst du die Gräber?“, bleiben gern mal im Nebulösen. Und oft glaube ich meine Lieblingsantwort dabei herauszuhören: Das macht man doch so! Je älter die zu pflegenden Gräber sind, um so stärker klingt das mit. Ich glaube, weil die eigentliche Funktion der Gräber als „Ort der Trauer“, mit der Zeit an Bedeutung verliert. Und dann ist der Gedanke, dass die Gräber immer mehr „für die Leute“, also für die kritischen Friedhofsbesucher_innen hergerichtet werden, überhaupt nicht abwegig.

Sicher, das Thema hat natürlich auch was mit den Generationen zu tun. Vor über zwanzig Jahren gehörte die Friedhofsverwaltung mal zu meinem Aufgabenbereich. Zu der Zeit waren Urnengräber absolut verpönt. Und als hier ein Friedhofsviertel so gestaltet wurde, dass Gräber nur noch die halbe Größe hatten, hat es unglaublich heftige Diskussionen gegeben. »Das geht doch nicht! Da laufe ich ja über die Beine meiner Frau!« Und heute? Entschuldigung wenn ich das so sage: Aber Urnengräber gehen weg wie warme Semmel. Warum? Na, wer will heute schon Gräber pflegen? Warum sehen wohl manche Friedhofsflächen immer mehr der Ausstellungsfläche eines Baumarktes ähnlich?

Und ich? Für wen pflege ich die Gräber meiner verstorbenen Angehörigen? Tja, auch ich kann das nicht klar beantworten. Mache ich das für mich, weil ich die Gräber als Ort der Trauer benötige? Kaum. Um an meinen Dad oder meine Großeltern zu denken, brauche ich die Gräber nicht. Ich denke, ich mache das für meine Mutter. Sie würde es sich wünschen, wenn … Sie ist dement.

Und wenn sie stirbt? Tja. Dann werde ich sehr wahrscheinlich die Gräber weiter pflegen. Obwohl es für mich eigentlich noch weniger Sinn macht. Ja, das ist auch paradox. Es kommt halt immer darauf an, wer gerade die Oberhand hat: das Gefühl oder die Vernunft.

In diesem Jahr bin ich leider nicht im Zeitplan. Ich habe es noch nicht geschafft „unsere“ Gräber abschließend winterfest zu machen. Was heißt hier winterfest? Sträucher und Büsche noch mal nachschneiden, die Saisonbepflanzung entfernen und „Weihnachtsdeko“ (Trockengesteck) auf das Grab. Sowas halt.

Soll heißen: Ich werde die Gräber erst nach Allerseelen in Schuss bringen. Holy Moly!


»Ist irgendwas?! Habe ich was vergessen?!« Die Seniorenpflegerin schien offensichtlich ein schlechtes Gewissen zu haben, als sie mich mit einem großen Blumenstrauß in der Hand zu meiner Mutter gehen sah. Sie befürchtete, dass sie den Geburtstag meiner Mom vergessen hat. »Alles gut. Ich bringe ihr regelmäßig einen frischen Strauß für ihr Zimmer«, beruhigte ich sie. »Das möchte ich auch mal haben, jemanden, der mir regelmäßig einen Strauß Blumen bringt«, rief eine andere Pflegerin aus dem Hintergrund.

Auch wenn meine Mum nach unserem Ermessen nicht mehr viel mitbekommt, aber über die Blumen freut sie sich jedesmal. So sehr, dass ihr dabei manchmal auch ein paar Tränen über ihre Wangen kullern.

Einige Stunden später erzählte mir eine Freundin, dass sie ihre Gräber bereits fertig habe: »Allerseelen kann kommen!« Und schon meldete sich wieder mein schlechtes Gewissen. Aber nur kurz. Ich dachte an den Dialog im Seniorenheim und an den Spruch, den meine Omma und meine Mum oft zitiert haben:

„Schenke Blumen während des Lebens, denn auf den Gräbern sind sie vergebens.“