Wir sind nackt auf diese Welt gekommen

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Ein kleiner Schuh einer
PuppeDie Puppe ist schon weg …

Wie heißt es doch so schön: Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Dabei fällt das Wegwerfen vielen Menschen nicht so leicht, wie es die Aussage glauben machen könnte.

Wer zum Beispiel ärgert sich nicht über das angeblich bei der Herstellung von Gegenständen eingebaute Kaputt-geh-Gen, welches unmittelbar nach dem Ablauf der Garantiezeit aktiviert wird. Bei den neuen Fernsehern beginnt das Gen gleich nach der ersten Inbetriebnahme zu ticken, erzählte mir neulich jemand. Aber das Kaputt-geh-Gen, das letztendlich zum frühzeitigen Wegwerfen und zum Ersatzkauf zwingen soll, ist hier heute nicht das Thema.

Vielleicht habt Ihr das auch mal beobachtet, dass viele Menschen die den 2. Weltkrieg erlebt haben, sich mit dem Wegwerfen von Gegenständen schwer tun. Sie möchten den alten Mantel, die alten Tischdecken, das alte Geschirr nicht entsorgen. Erklärt wird das damit, dass sie Not und Elend in der Kriegszeit erlebt haben. Und dass sie mit dem Horten von Gegenständen vorsorgen möchten, falls die Zeiten wieder schlechter werden.

Wir jüngeren Menschen mögen das belächeln: »Ach was, warum sollte es uns denn schlechter gehen. Eine neue, warme Jacke werde ich mir immer kaufen können!« – Wirklich?


Wie komme ich auf dieses Thema? Ich bin zurzeit dabei, mein kleines Häuschen großflächig auszumisten. Etliche Jahre habe ich mich davor gedrückt. Doch zu Beginn diesen Jahres habe ich das Jahr der „Entsorgung“ ausgerufen. Vorsorglich ließ ich dann auch gleich mal zehn Monate verstreichen, um dem Vorhaben endlich Taten folgen zu lassen. Doch ich habe Fristverlängerung beantragt, und mir das wohlwollend genehmigt.

Und während ich nach und nach das Haus auf links wende, geht mir halt vieles durch den Kopf.

Viele der Gegenstände die mir dabei in die Hände gefallen sind, haben mich eine Zeit begleitet, sind stumme Zeitzeugen eines Lebensabschnittes. Der erste Teddybär, das Spielzeugauto, das ich meiner Oma beim Spaziergang in Bad Pyrmont abgequatscht habe, die Wanduhr, die ich mir von meiner ersten Ausbildungsvergütung gönnte, und so weiter. Aber es waren nicht nur meine Klamotten, die da Erinnerungen in mir wach riefen. Ich hatte es gleich mit „Material“ von drei Generationen zu tun. Ein Tsunami von Erinnerungen …

Die These: „Je mehr Platz du hast, desto weniger schmeißt du weg“, hat sich hier offensichtlich bewahrheitet.

Und ich, der keinen Krieg erlebt hat, der in der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders geboren wurde, habe nun die Kraft, all die Dinge die meine Großeltern und Eltern für schlechte Zeiten aufbewahrt haben, loszulassen, mich von ihnen zu trennen. Das klingt selbstbewusster als es ist. Manchmal habe ich den Eindruck, die Erinnerungen sind nicht in meinem Kopf, sondern in den Gegenständen. Und wenn ich sie wegwerfe, sind die Erinnerungen auch weg. Das ist natürlich Quatsch.

Aber so alt wie die Klamotten auch sind, interessanter Weise erzählt mir beinahe jedes einzelne Teil davon eine Geschichte. Dass Nichte 1.0, die mir bei dieser Herkulesaufgabe hilft, sich nicht schon längst Watte in den Ohren gestopft hat, verblüfft mich. »Das hing bei deiner Urgroßmutter in der Küche neben der Tür. Und das hat dein Urgroßvater selbst geschmiedet. Er war übrigens ein ausgezeichneter Kunstschmied. Und das da war das liebste Dekostück deiner Oma.« »Ist aber nicht schön, und außerdem schon tausendmal geklebt.« »Ja, weil das ein paar mal heruntergefallen ist, wenn dein Vater und ich mal wieder durch die Wohnung getobt sind.«

Hat Euch auch schon mal jemand den Satz gesagt: »Das musst du aber in Ehren halten!«? Er kommt meist in Verbindung mit einer sehr individuellen Historie zum geschenkten Gegenstand daher. »Ja, klar! Mache ich!«, habe ich daraufhin immer gesagt. Wobei ich das dann auch wirklich ernst gemeint habe. Mittlerweile ist mir nicht nur im Kopf klar: Auch das in „Ehren halten“ hat ein Verfallsdatum. Was mich aber nicht davon abgehalten hat, auch meiner Nichte mit dem Satz ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie in dem Tsunami etwas für ihre Wohnung gefunden hat.

Auch wenn es nicht die Erinnerungen selbst sind, die wir da gerade großflächig und rigoros entsorgen. Aber Gedächtnisstützen an diese Erinnerungen. Das klingt nicht nur wehmütig, ich empfinde es auch so. Jedoch:

Es gibt viele Gründe, warum ich diesen großen Cut jetzt mache. Du bist nackt geboren und das letzte Hemd hat keine Taschen, habe ich mir oft gesagt. – Ich wollte und ich will nie jemanden zur Last werden; auch nicht, wenn ich abgetreten bin. Wohnungsauflösungen von nahestehenden Menschen sind eine Belastung; besonders wenn die Wohnungen randvoll mit Klamotten sind. – Und dann ist da noch diese bekannte These: Wegwerfen kann sehr befreiend sein. Erinnert Euch das auch an Hermann Hesse?

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne […] Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

— Aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse

Too much in diesem Zusammenhang?


Wenn wir in einer Wegwerfgesellschaft leben, müssen wir ja auch viele Dinge haben, die wir wegschmeißen können. Und wenn uns das heute leichter fällt als den Generationen vor uns, dann scheinen wir uns grundsätzlich sicher zu sein, relativ schnell für Ersatz sorgen zu können. Wir kennen das nicht anders. Die Generationen vor uns schon – sie haben andere Zeiten erlebt. Und viele Menschen auf dieser Welt haben nie andere Zeiten erlebt, als die, von denen unsere Eltern und Großeltern uns berichtet haben.

Vor ein paar Wochen habe ich einen Text gelesen. Er erzählte von Kindern die gefragt wurden, was sie denn in ihren Rucksack packen würden, wenn sie flüchten müssten. Fast alle Kinder antworteten, ihr Smartphone mitnehmen zu wollen.

Ich habe auch mehrere Texte gelesen, in denen Menschen, die die Flüchtlinge beobachtete hatten sich fragten, ob es denn nichts wichtiges gäbe als die Smartphones, die die Flüchtlinge ständig am Wickel haben. – Prioritäten. – Diese Menschen hätten die Kinder fragen sollen.

Ich glaube, das ist auch eine Folge unserer Wegwerfgesellschaft: Wir leben in einem solchen Überfluss, dass wir Prioritäten nicht mehr richtig setzen können. Was ist jetzt wichtiger?


»Das sind doch Bilder, die du Oma gemalt hast! Ölgemälde! Die können wir doch nicht entsorgen!« »Warum nicht? Hat sie die Bilder aufgehängt; braucht sie sie? Nein. Also weg! Ich kann jederzeit neue malen.«

Interessant, was mir meine Nichte damit alles gesagt hat; zum einen: Ja, wir leben in einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft; zum anderen: Du musst die richtigen Prioritäten in der jeweiligen Situation setzen. Du musst auch loslassen, freigeben, dich trennen können. Nichts ist für immer. Doch so lange du lebst, kannst du dich neu ausrichten, Neues beginnen. Und vertraue deinen Stärken. So wie ich: Ich kann das wieder schaffen, ich kann neue Bilder malen. – Und wie ich meine Nichte kenne, werden sie auch schöner.