Traveling is like flirting with life

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Vier Silhouetten vor einem See, im Hintergrund die
Sonne.Foto vom Foto. Wir. Vor über 30 Jahren. Am Ohridsee. Wassermelonen essend.

Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.

Alexander von Humboldt zugeschrieben. Quelle: de.wikiquote.org

Interessante These, nicht wahr? Aber zustimmen kann ich ihr nicht. Nicht so ganz.

Vielleicht sollte ich die These erstmal mit meinen Worten wiedergeben: Wer die Welt bereist, andere Länder besucht, dessen geistiger Horizont weitet sich. Wer sich dagegen immer nur in einem kleinen Kreis bewegt, sich immer nur der Routine hingibt, dessen Sichtweise ist sehr eingeschränkt.

Ich weiß nicht, ob Alexander von Humboldt das mit seiner These gemeint hat. Aber ich gehe jetzt einfach mal von dieser Interpretation aus. Denn als mir der Aphorismus vor ein paar Tagen an meinem TwitterStrand gespült wurde, hat er mich daran erinnert, dass ich genau darüber mal bloggen wollte.

Die These: „Wer viel reist, viele Urlaube macht, der ist weltoffener, gebildeter“.

Ist das so? Ich habe die Behauptung schon häufiger gehört, oder von ihr gelesen. Aber sie macht mich jedesmal stutzig.

Kürzlich erzählte mir jemand von einer Bekannten, die Staatsbesuche von hochrangigen Politikern im Ausland organisiert und sie dabei begleitet. Teil der Aufgabe sei es auch, sich vorher über die Sitten und Gebräuche in diesen Ländern zu informieren, sodass sie die Politikerinnen und Politiker entsprechend instruieren kann. Als ich das hörte fragte ich mich: Habe ich das schonmal gemacht, bevor ich in andere Länder gereist bin? Wenn, dann eher nebenbei. Die meisten Gedanken kreisten um die Sehenswürdigkeiten, die wir erkunden wollten.

Im Zusammenhang mit den Flüchtlingen lese und höre ich sehr oft Sätze wie: »Wenn die hierher kommen, dann müssen die sich an unsere Regeln, Sitten und Gebräuche halten! Das mache ich doch auch, wenn ich Urlaub in einem anderen Land mache!« Keine Ahnung, ob diese Menschen das wirklich machen; ob und wie intensiv sie sich vorher über die Gepflogenheiten in ihrem Urlaubsland informieren. Häufig habe ich da so meine Zweifel.

Ich habe noch keine All-inclusive-Reise, noch nie einen Hotel-Urlaub gemacht. Daher kann ich nicht beurteilen, ob und inwieweit ich bei einem solchen Urlaub noch die Sitten und Gebräuche der Menschen in dem Land kennenlernen kann. Die meisten Hotels und Restaurants sind doch auf die Bedürfnisse der Touristen ausgerichtet – die Ausstattungen der Hotels, die Speisen, die Getränke … Was haben zum Beispiel die schauerlichen Buffet-Geschichten die mir erzählt worden sind, mit der typischen Esskultur in den Ländern zu tun?

Wie viel erfahre ich über die Menschen in dem Land, wenn ich während des Aufenthaltes dort nur in perfekt auf meine Bedürfnisse ausgerichtete Hotels wohne? Bei vielen Menschen die von ihren Urlauben in andern Ländern berichten frage ich mich: Wollten sie das überhaupt? Wollten sie überhaupt etwas über die Menschen in dem Urlaubsland erfahren – wie sie leben, wie sie ticken?

Wenn Menschen in anderen Ländern Urlaub machen, zum Beispiel auch, weil der Urlaub in dem jeweiligen Land sehr kostengünstig zu buchen ist, und sie dann, nach dem Urlaub weiterhin ohne jeden Skrupel abschätzig über Menschen die aus diesen Ländern stammen reden, finde ich das entsetzlich. Es zeigt mir aber auch, dass die Ausgangsthese nicht zutrifft. Denn: Sind diese Menschen aufgeschlossener gegenüber andere Kulturen, Lebensweisen geworden? Wurden sie durch ihre Urlaube weltoffener, gebildeter? Wohl kaum.

Vorgestern habe ich mich lange mit einer aus Syrien stammenden Jesidin unterhalten. Sie ist als vierzehnjährige mit ihrem älteren Bruder hierher geflohen. Da sie hervorragend gut Deutsch sprechen gelernt hat, engagiert sie sich zurzeit viel als Dolmetscherin. Von ihrer Geschichte, von der Flucht, von ihrer Heimat, ihrem Glauben zu hören hat mich sehr bewegt. Wieder wurde mir klar: eigentlich weiß ich nichts. Auf jeden Fall viel zu wenig.

Eines der Bücher die ich zurzeit lese, passt sehr gut zum Thema: „Couchsurfing im Iran: Meine Reise hinter verschlossene Türen“ von Stephan Orth (unbedingter Lesetipp!). Stephan Orth erzählt von seinem Erlebnissen als Couchsurfer bei seiner Reise durch den Iran. Und er „surft“ wirklich. So oft wie möglich lässt er sich treiben, in dem er bewusst den Wegen, die ihm seine Gastgeberinnen und Gastgebern aufzeigen, folgt.

So eine Reise zu machen zeigt meines Erachtens, hier will jemand mehr; mehr als „nur“ touristische Attraktionen anschauen. In dem er unmittelbar mit den Menschen lebt, hat er eine viel größere Möglichkeit die Menschen, ihre Kultur, ihre Einstellungen, zum Beispiel zur Religion, zum eigenen Staat, oder zur Staatsführung kennenzulernen. Um eine solche Reise zu unternehmen, muss ich bereits weltoffen sein.

Weil er so schön hierher passt: Im Schlafzimmer eines Gastgebers findet Stephan Orth einen Zettel mit einem handgeschriebenen Spruch vor:

Traveling is like flirting with life. It´s like saying: You are beautiful and I love you, but I have to go.

— Aus dem Buch „Couchsurfing im Iran: Meine Reise hinter verschlossene Türen“, Seite 183

Ich habe nichts gegen Menschen die Pauschalurlaube machen, die sich für die Dauer ihres zweiwöchigen Urlaubs in ein einziges Hotel einmieten. Ich habe auch nichts gegen diese Art Urlaub zu machen.

Die Frage ist eine andere: Ist, wer viel reist, viele Urlaube macht automatisch weltoffener, gebildeter? Oder anders gefragt: Flirten die Urlauberinnen und Urlauber dann wirklich mit dem Leben, oder eher mit sich selbst? Standardmäßig beantworte ich solche Fragen mit: Wahre Distanzen können wir nur mit dem Kopf überwinden.