Raumschiff Zwetschgenbaum

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Zwei Bäume, dazwischen Ballen aus in Folie verpacktem
Stroh.Bäume als Bewacher der Ernte

Die Phantasie hatte ich hier jüngst mehrmals am Wickel. Und sie ist so prickelnd, dass ich damit noch nicht aufhören kann …

Auch Gehölze haben zuweilen die Angewohnheit, sich einen Stubbelkopf zuzulegen. Und so habe ich mich in den vergangen Wochen wieder als Baum-Figaro beliebt gemacht. Der Herbstschnitt stand auf der Agenda. Derweil ich in den Bäumen tarzante und sie frisierte, genoss ich zwischendurch aus ihren Wipfeln die ungewohnten Perspektiven …

Die Gärten in unserem Viertel sind nicht groß. Insofern liegt es vielleicht nahe, dass nur in wenigen Gärten höhere Bäume zu sehen sind. Dennoch: Früher standen hier in jedem Garten zwei, drei oder sogar vier größere Bäume. Und die Geschichten die mir dazu einfallen, bringen mich jedesmal zum schmunzeln.

Für uns Kinder war der beliebteste Baum in unserem Garten der Zwetschgenbaum. Er war etwa sechs Meter hoch, und trug oft schwer an seinen Früchten. Aber es waren weniger seine Früchte mit denen er uns gewann, es waren seine einladende Äste. »Kommt hoch, und genießt den Ausblick!«, schien er uns zuzurufen.

Irgendwann, nach einigen Fehlversuchen, schafften wir es alle ihn zu erklimmen. Aber nur die mutigsten von uns sind sofort in seine Spitze geklettert. Mein Bruder war der erste – das war ja klar. Als der älteste im „K-Team“ ist das fast logisch. Okay, ich gebe zu, er war auch immer der mutigste von uns. Und wenn wir Raumschiff Enterprise im Zwetschgenbaum spielten, spielte er – na, wen wohl? Captain James T. Kirk! Genau.

Was haben wir nicht alles im Raumschiff Zwetschgenbaum gespielt – Daktari, Flipper, ja, sogar Sesamstraße. Wir, das waren wir Geschwister, Cousinen und Cousins, Kinder aus der Nachbarschaft, Freundinnen und Freunde. Ein Wunder, dass auf dem Baum überhaupt noch Zwetschgen wuchsen.

Es war „*nur*“ ein großer Baum. Aber er hat in ungeahnter Weise unsere Phantasien beflügelt. Und ganz nebenbei hat er noch etwas geleistet – spielerisch haben wir an ihm unsere motorischen Fähigkeiten geschult.

Wenn ich mir die Gärten heute so anschaue, ist das Angebot für die Kinder eigentlich größer: ideenreiche Kletterburgen aus Holz, oder quietschebunte, playmobilartige Häuschen aus Kunststoff für Kinder im Vor- und Grundschulalter, und so weiter. Sehr schön, aber erlebbar-er. Vorgefertigte Phantasie.

Ich habe es hier schon häufiger bedauert, dass die Natur in den Gärten immer mehr weichen muss. Es stimmt ja auch, es ist leichter Obst und Marmelade im Supermarkt zu kaufen, als Obst zu pflücken, einzulagern und einzukochen. Und dann die Pflege. Bäume und Sträucher wollen beschnitten, und im Herbst das Laub gehakt werden.

Doch ein Baum ist so viel: Sauerstoffproduzent, Schattenspender, Wind- und Lärmfänger, Luftfilter, Obstlieferant, Turngerät – und „Spielwiese“ für die Phantasie.


Wo wir gerade beim Thema sind: Unerfüllte Wünsche können durchaus die Kreativität fördern …