Märchenstunde zum Lügder Tag des Ehrenamtes?

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Vier Männer tragen eine Sänfte, auf der ein Mann
sitzt.Märchenhaftes an den Externsteinen. Hm. Aus welchem Märchen war die Szene noch gleich?

»Ich weiß es! Wir nehmen diesmal einen Märchenerzähler statt Musiker!« »Einen Märchenerzähler?! Märchen erzähle ich Kindern! Oder meiner Mutter.« Ich war skeptisch. Ein paar Tage später: »Ich habe mit ihm gesprochen. Er hat Zeit am 5.11. Hier seine Telefonnummer. Ruf ihn an, und dann kannst du dich mit ihm absprechen.«

Worum geht es? Es geht um die Gestaltung einer Feierstunde, der jüngsten Feierstunde zum Lügder Tag des Ehrenamtes. Ehrengäste waren heuer Bürgerinnen und Bürger, die sich ehrenamtlich in der „Seniorenarbeit“ engagieren. Gastgeber dieser Feierstunden ist der Rat der Stadt Lügde. Und nachplätschernd verzähle ich, aus welchem Grund diese Feierstunde für Lügde ein Novum war. So viel vorweg: Die Feierstunde ist, wenn ich die Rückmeldungen die ich bislang bekommen habe als Maßstab nehme, durchweg gut angekommen.

Wenn man so eine Veranstaltung will, dann muss man ihr auch einen würdigen Rahmen geben. Das war bei der Organisation dieser Feierstunden immer mein Anspruch. Besonders dann, wenn es Ehrenamtlichen zu danken gilt, die sich in Bereichen engagieren, in denen Anfeuerungsrufe, Applause, Blitzlichtgewitter, regelmäßige Berichterstattungen in den Zeitungen nicht üblich, oder sogar fehl am Platz sind – wie zum Beispiel beim ambulanten Hospizdienst.

Eine Märchenstunde zum Lügder Tag des Ehrenamtes? Ich konnte es mir nur schlecht vorstellen. Meine Chefin schon. Sie hatte den Vorteil, dass sie den Märchenerzähler schon mal in Aktion gesehen und gehört hatte. – Lothar Schröer von der Akademie für Erzählkunst in Detmold. Hm. Bevor ich ihn anrief, schaute ich mich auf seiner Website um: erzaehlen-einfach-erleben.de. Erzählen einfach erleben – interessant. Schon nach dem ersten Telefonat war ich mir fast sicher: Das wird anders, aber gut.

Unsere Idee: der Bürgermeister und der Märchenerzähler tragen wechselseitig vor; ein Kapitel aus der Laudatio, ein thematisch möglichst passendes Märchen, ein weiteres Kapitel aus der Laudatio, ein weiteres Märchen, und so weiter. Wir einigten uns auf insgesamt drei Märchen, eines vorweg, zwei weitere innerhalb der Laudatio. Und, um die Wirkung zu erhöhen, sollten die Übergaben möglichst nahtlos erfolgen – keine Ankündigung, nur eine kurze Blickübergabe.

Den Text für die Laudatio, in dem ich zwei „Lücken“ (zwischen den Themenwechsel) für die Märchen eingebaut hatte, schickte ich Lothar Schröer zu, damit er passende Märchen heraussuchen konnte. Das ist ihm hervorragend gelungen.

Nachdem die Ehrengäste und die Gastgeber im Kaminzimmer des Restaurants Platz genommen hatten, erzählte er nahezu ohne „Vorwarnung“ mit seiner sonoren Stimme das Märchen vom alten Großvater und dem Enkel. Das Märchen ist ein Hinweis darauf, dass jeder von uns irgendwann alt und gebrechlich wird; dass wir das nicht beängstigend oder gar abstoßend finden sollten; und dass wir unseren Seniorinnen und Senioren mehr Nächstenliebe zukommen lassen sollten. So, beziehungsweise etwas ausführlicher, war es dann auch in der Laudatio des Bürgermeisters zu hören. Das zweite von ihm vorgetragenen Märchen ist eine Geschichte über die Klugheit eines Alten, und das Helfen nicht immer mit Geld zu tun hat … „Morgen ist Morgen“ lautet der Titel des dritten Märchens – ein jüdisches Märchen aus Afghanistan. Auch dies ein Märchen, passend zu einer Passage in der Laudatio. Akzeptiere das Jetzt, bleib in der Gegenwart – die Grundlage für Zufriedenheit und Empathie.

Nachdem die Urkunden und Präsente übergeben, die Ehrengäste und Gastgeber an ihren Plätzen aßen und tranken, erzählte Lothar Schröer wie zufällig ein viertes Märchen: das Märchen von der Entstehung des Schiedersees. Er hatte es mir schon am Telefon skizziert, da ich es auch nicht kannte. Er sagt, es sei ein sehr, sehr böses; ich sage, es ist ein sehr lustiges Märchen.

Mein Fazit: volltönende Stimme, Modulation – Lothar Schröer beherrscht das Erzählen. Seine Beiträge waren nicht nur ein Novum für den Lügder Tag des Ehrenamtes, sie haben die Feierstunde in ganz besonderer Weise aufgewertet.

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