Lügde: Warum nicht Glasfaser?

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Ein Schild mit der Aufschrift A2 auf einem alten, hölzernen
PfahlEs gibt oft mehrere Wege …

In vielen Bereichen von Lügdes Südstadt war bis vor einigen Monaten kein schnelles Internet zu bekommen. Übertragungsraten von weniger als 2MBit/s (Downloadstream) waren normal. 2012, als hier der Breitbandausbau vorangetrieben wurde, galten nur diese Haushalte als unterversorgt. Dementsprechend lautete die Vorgabe für den Breitbandausbau: „Herstellung einer Breitbandversorgung mit einer Datenübertragungsrate von mindestens 2 MBit/s im Downstream.“

Mit Fördermitteln der Europäischen Union, der Bundesrepublik und des Landes Nordrhein-Westfalen ist unter der Federführung des Kreises Lippe in den vergangenen drei Jahren in Lügdes Südstadt eine Möglichkeit geschaffen worden, Internetanschlüsse mit schnelleren Übertragungsraten zu bekommen. Jetzt sind in den vormals unterversorgten Gebieten Übertragungsraten bis 16MBit/s möglich. Dafür wurde vorwiegend auf den Richtfunk als Technologie gesetzt.

Natürlich hätten einige Bürgerinnen und Bürger sich gewünscht, dass der Breitbandausbau mittels Glasfaser erfolgt. Allerdings musste, um für die Maßnahme Fördergelder zu bekommen, die Ausschreibung technikneutral erfolgen.

Warum erzähle ich das? Vergangenen Freitag, 25.9.2015, war in der Druckausgabe der Pyrmonter Nachrichten (Seite 11) ein Artikel mit der Überschrift: „Warum nicht Glasfaser?“, zu lesen. Der Text bezieht sich auf Lügde und auch auf die oben skizzierte Vorgeschichte.

Glasfaser sei die „einzig zukunftsfähige Technologie“, die sei heute kaum mehr teurer als ein Leerrohr, wird in dem Artikel ein Referent zitiert. Richtfunk würde er allenfalls als Brückentechnologie betrachten.

Diese Aussagen sind zwar nicht grundsätzlich falsch – aber auch nicht grundsätzlich richtig. Glasfaser ist zwar klasse, aber es zu verlegen ist teuer. Lügde ist eine Flächengemeinde. Gemessen an Ballungsgebieten lassen sich hier mit einem langen Kabel nur sehr wenige Haushalte erschließen.

Schon ab einer Grabenlänge von zwei Kilometern liegt die Richtfunklösung bei der Kostenbetrachtung eindeutig vorne.

— heise.de: Alle schnell ans Netz, Breitband-Internet in ländlichen Gebieten

Die Richtfunk-Technologie ist auch nicht so schlecht, wie sie gern von den „Glasfaser-sonst-nichts!-Fans“ gemacht wird.

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist zum Beispiel die Erkenntnis, dass „Nur ein FTTB (Fiber-To-The-Building)-Netz sowie Richtfunk die Anforderungen eines NGA-Netzausbaus erfüllen können.“ Eine NGA-Strategie für NRW könne demnach also nur auf diesen Kernelementen fußen.

— breitband.nrw.de: Wirtschaftsministerium und NRW.BANK veröffentlichen Studie zum Breitbandausbau

Bei der Studie, von der in dem obigen Zitat die Rede ist, handelt es sich um eine Studie zum Ausbau des Breitbandnetzes der nächsten Generation (NGA-Netz). NGA steht für Next Generation Access. Die Studie ist im April 2015 veröffentlicht, und im Auftrag der NRW.Bank erstellt worden. Sie trägt den Titel: „Nachhaltiger NGA-Netzausbau als Chance für Nordrhein-Westfalen“. Auf der Seite 42 der Studie ist zu lesen:

4.4 Bewertung der Infrastrukturen und Handlungsempfehlung

Aus den hier erfolgten Untersuchungen lässt sich für die Formulierung von Handlungsempfehlungen aus technischer Sicht folgendes festhalten:

  • Nur ein FTTB-Netz und Richtfunk können die Anforderungen von NGA erfüllen. Eine NGA-Strategie kann daher nur durch diese beiden Technologien umgesetzt werden.
  • Symmetrische Anschlüsse sind ein Kernelement der Leistungsfähigkeit moderner Netze.
  • Ein modernes Netz muss auf Spitzenlast ausgelegt sein. Bei FTTB stellt sich die Frage nach Überbuchung technisch nicht mehr.
  • Vectoring und sonstige DSL-Technologien sind kein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zu einem FTTBNetz, sondern verzögern dessen Realisierung.
  • NGA ist eine elementare Voraussetzung für Smart Grids und den Erfolg der Energiewende.
  • FTTB ist unter energetischen Gesichtspunkten am sinnvollsten, da völlig neue Netzstrukturen errichtet werden können, da nicht mehr die auf Telefonie optimierte Struktur des Zweidrahtnetzes berücksichtigt werden muss.
  • Mobilfunk ist eine zwingend notwendige, parallele Infrastruktur und kein Festnetzersatz.
  • WLAN ist ein sinnvolles, zusätzliches Angebot für Innenstädte, stellt aber keinen NGA dar und belastet die Leistungsfähigkeit der Festnetzinfrastruktur.

Nachhaltiger NGA-Netzausbau als Chance für Nordrhein-Westfalen, Studie im Auftrag der NRW.Bank, Stand: April 2015, Seite 42

Also: Warum nicht Glasfaser? Weil es einfach noch sehr teuer ist, um jeden Haushalt in einer Flächengemeinde wie Lügde damit zu versorgen. Die Internetanbieter werden sehr genau rechnen müssen, ob und wann sie diese Investitionen refinanziert bekommen.

Leerrohre, schön und gut – die flächendeckend zu verlegen, ist aber auch nicht mal eben gemacht. Selbst wenn eine Gemeinde diese riesige Investition mit Fördermitteln stemmt, bleibt noch immer die Frage, ob sich ein Internetanbieter findet, der sie anmietet um darin seine Glasfaserleitungen unterzubringen.

Vieleicht fragen sich jetzt einige Leserinnen und Leser: Wenn Richtfunk doch so toll ist, warum gibt es dann nur Übertragungsraten von 16 MBit/s? Mit Richtfunk lässt sich günstig und gut „Strecke machen“. Aber sobald das Signal wieder in die Erde geht, greift es zu allermeist auf die alte, vorhandene Kupferleitungen zurück. Und die bremst aus.


Vor ein paar Wochen habe ich bereits einige Hintergrundinfos zu der Geschichte zusammengestellt: Der Breitbandausbau wird auch in Lügde Thema bleiben.