Lügde: Bleibt das Rathaus rot?

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Von oben ist alles rot. Das Gebäude unten im Bild ist das Lügder Rathaus.Liebe von der Überschrift aufmerksam gewordene Leserinnen und Leser, hier geht es nicht um Lügder Kommunalpolitik. Die Eingangsfrage bezieht sich auf die Residenz der Kommunalpolitikerinnen und K-Politiker – das Lügder Rathausgebäude.

Das Rathausgebäude soll saniert werden. Geplant ist eine neue Heizungsanlage, ein Aufzug, ein neuer Fassadenanstrich und so weiter. Aber auch das Dach soll erneuert werden. Eine Frage lautet nun: Welche Farbe soll die Dachhaut des Lügder Rathauses bekommen?

Die Klärung dieser Frage kann durchaus für reichlich Diskussionsstoff sorgen. Das Rathaus liegt mitten im historischen Stadtkern von Lügde. Für diesen Bereich gilt die Gestaltungssatzung.

Diese Satzung gilt für den Bereich des historischen Stadtkernes innerhalb der Stadtmauern einschl. der Wall- u. Grabenanlagen der Altstadt Lügde. […]

— Satzung der Stadt Lügde zur äußeren Gestaltung und zum Schutz baulicher Anlagen so- wie über besondere Anforderungen an Werbeanlagen, Warenautomaten, Einfriedigungen, Stellplätze, Gärten und Lagerplätze – Gestaltungssatzung – für den Bereich der historischen Altstadt Lügde vom 7. November 1986 – § 1 Örtlicher Geltungsbereich

In der Präambel zur Gestaltungssatzung heißt es:

[…]Auch die die Fachwerkbauten ersetzenden Gebäude in massiver Bauweise behielten die im wesentlichen durch Dachwerkbauweise vorgegebenen nachstehend aufgeführten Gestaltungselemente bei: […]

[…] die Beschränkung der Materialien auf naturrote Dachziegel, hellen glatten Außenputz […]

§ 4 der Satzung beschäftigt sich mit der Dachgestaltung. In Absatz 2 ist festgelegt:

[…] Für die Dacheindeckung der geneigten Dächer sind nur hellrote nichtengobierte Dachpfannen zulässig. […]

§ 9 der Satzung legt „Besondere Bestimmungen für erhaltens- und/oder denkmalwerte Gebäude“ fest. In Absatz 2, Buchstabe a) ist zu lesen:

Für die Dacheindeckung geneigter Dächer dürfen nur Materialien verwendet werden, die in ihrer Erscheinungsform und –farbe den naturroten Hohlziegeln entsprechen.

Soheit einige rechtliche Hintergründe. Zur Info: Die Hervorhebungen in den Zitaten sind von mir.

Wie man auf dem Foto oben sieht, ist das Dach des Lügder Rathauses mit rötlichen Pfannen eingedeckt. Das ist kein Hellrot, eher ein Rotbraun – aber kein Beinbruch.

In der Druckausgabe der Pyrmonter Nachrichten vom 10. Juni 2015, Seite 11, ist ein Artikel mit dieser Überschrift abgedruckt:

Rathaus wird erst 2016 saniert – dann aber ganz

Noch ist die Dachfarbe offen

Laut dem Artikel bezeichnet der planende Architekt das Rathaus als Solitärbau. In der jüngsten Sitzung des Ausschuss für Stadtentwicklung, Planen und Bauen habe er einige Argumente für ein graues Dach genannt. Beispielhaft wird in dem Artikel erwähnt, dass für eine moderne Fassadenoptik ein rotes Dach nicht viel Spielraum bieten würde; mit dunkelgrauen Ziegeln sei das einfacher.

Eigentümer von Häusern in der historischen Altstadt könnten sich jetzt fragen: Warum werden wir verdonnert die Dächer unserer Häuser mit roten Pfannen einzudecken, während für das Rathausgebäude eine Ausnahme davon gemacht werden soll?

Ich kenne die Planungen und Argumente des Architekten nicht. Dennoch wage ich es mal, mich der Antwort der Ausgangsfrage: „rotes Dach oder nicht?“, zu nähern.

Ist das Rathaus ein Solitärbau der eine Ausnahme von der Regel rechtfertigen würde?

Im Zusammenhang mit der Bautypologie und der Baustruktur stellt der Solitär entweder ein Gebäude dar, das isoliert in der Landschaft steht oder einen Anschluss an weitere Gebäude wegen seines Konzepts oder seiner Größe nicht leisten soll.

— de.wikipedia.org: Solitär (Architektur)

Die Kirche „Sankt Marien“, von deren Kirchturm ich das Foto oben geschossen habe, ist mit dunkelgrauen Schieferplatten eingedeckt. Allerdings ist der Baukörper der Kirche absolut nicht mit den übrigen Häusern in der historischen Altstadt vergleichbar. Die Kirche ist meines Erachtens ohne Frage ein Solitärbau.

Neben der Kirche steht das Rathaus. Kirche wie Rathaus lassen sich durchaus als Mittelpunkt der Altstadt bezeichnen. Das Rathaus könnte „wegen seines Konzepts“ ebenfalls als Solitärbau bezeichnet werden.

Im Vergleich zu vielen umliegenden Bauten ist das Rathaus relativ jung.

Am 4. März [1965] wird in einem Festakt das neue Rathaus der Verwaltung übergeben. Es wurde in einer Rekordzeit von 10 Monaten errichtet. Baukosten: 869.324,– DM.

— Aus der Geschichte der Stadt Lügde, Chronik von Josef Friese, 1983, Seite 206

Der Vorgängerbau war etwas kleiner, zweigeschossig, und hatte ein relativ großes Giebeldach. Im Bereich des Obergeschosses war er in Fachwerkbauweise ausgeführt. Leider habe ich keine Farbfotos von dem Gebäude in Erinnerung. Wenn ich die Schwarzweiß-Fotos richtig interpretiere, war das Dach mit (vermutlich roten) Sandsteinplatten eingedeckt.

Das heutige Rathaus ist dreigeschossig und hat ebenfalls ein Satteldach, welches aber im Verhältnis zum übrigen Baukörper flacher als beim Vorgängerbau gestaltet ist. Durch die Größe des Bauwerkes fällt das verhältnismäßig flache Satteldach von unten, also zum Beispiel vom Marktplatz aus gesehen, nicht besonders auf.

Aber: Lügde ist von Bergen umgeben. Der Blick von dort auf die Lügder Altstadt ist, das kann ich ohne mich eines Marketing-Geschwurbels verdächtig zu machen feststellen, pittoresk. Nun müsst Ihr Euch vorstellen, dass man von dort oben künftig auf ein dunkelgraues Rathausdach schaut …

Doch weiter im Text. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand etwas wie: „Das ist aber ein schönes Rathaus“ (1) gesagt hätte – eher das Gegenteil. Warum? Meines Erachtens, weil sich das Rathaus zu sehr von den umliegenden Gebäuden abhebt. Es mag charakteristisch für den Baustil Anfang der 1960er Jahre sein, aber es ist ein optischer Störfaktor in der historischen Altstadt.

Möglicherweise haben sich Architekten und Entscheidungsträger damals gedacht: Nun, wir bauen zwischen all diesen alten Häusern ein neues Gebäude, dann müssen wir auch einen Akzent setzen. Wir wollen nicht nachmachen, imitieren, wir wollen zeigen: Wir können auch modern, auf der Höhe der Zeit sein.

Gelungen ist, dass das Rathaus sich in „besonderer Weise“ abhebt von den umliegenden Baukörpern. Aber weniger das Dach, vielmehr der Baukörper darunter. Die Dachfläche des Rathauses ist das einzige gestalterische Element des Gebäudes, welches die Harmonie des Altstadtcharakters nicht stört, weil sie rot ist – weil ein rotes Dach in der Altstadt von Lügde zeitlos ist.

Selbstverständlich: Je weniger Restriktionen, desto leichter lässt sich gestalten. Die Vorgabe der Gestaltungssatzung „rotes Dach“ ist da vielleicht lästig. Gleichwohl: Ich würde das Rathausgebäude nicht noch mehr von der historischen Altstadt absetzen wollen. Mir schweben auch einige Ideen im Kopf herum, wie sich das mit einem roten Dach bewerkstelligen lässt …


(1) Die negative Kritik bezog sich aber immer auf das Äußere des Rathaus. Das Rathaus-Foyer und auch das großzügig angelegte Treppenhaus haben durchaus schöne gestalterische Elemente zu bieten.

PS: Ein Foto vom Rathaus aus der Fußgängersicht folgt. Ich habe hier zurzeit nur welche mit dem alten Marktplatz.

Update 14.6.2015: Ich werde gerade von mir darauf aufmerksam gemacht, dass das Lügder Rathaus ein Walmdach und kein klassisches Satteldach hat.