Lass uns reden

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MobiltelefonsBitte lass uns miteinander reden!

Kaum jemand, der sich in den vergangen Monaten nicht zu den Themen Griechenland, Flüchtlinge und Terrorismus geäußert hat. Leider war das, was dazu gesagt und geschrieben wurde, oft alles andere als „gewaltfrei“. Und ich meine damit nicht nur die Hasskommentare unter Facebook, von denen oft die Rede ist. Auch viele Politiker bedienten sich bei ihren Stellungnahmen einer Wortwahl, die keineswegs vorbildlich war.

Grundsätzlich freue ich mich darüber, dass sich so viele Menschen an den Diskussionen beteiligen. Denn es sind Themen, die Einfluss auf unsere Zukunft nehmen.

Nahezu jeder Mensch ist besorgt, wenn er das Gefühl hat, dass sich für ihn in Zukunft etwas verschlechtert. Und wenn dann aus den Sorgen Ängste, und aus dem Frust Wut wird, ist es schnell vorbei mit der Contenance.

Wie komme ich auf dieses Thema?

Zwei Punkte habe ich oben schon erwähnt: Die entsetzlichen Hasskommentare, und die nicht vorbildliche Wortwahl etlicher Politiker. Auch in meiner Filterblase gab es Stellungnahmen, bei denen ich mich über die Form, über die Art und Weise, über das Wie geärgert habe. Immer wieder fragte ich mich: Müssen wir so miteinander umgehen?

Aber mit Abstand lässt sich immer gut klugscheißen. Vor einigen Wochen haben meine Freundin und ich uns getrennt. Und ich glaube, einer der entscheidenden Gründe dafür war, dass wir es nicht gebacken bekommen haben vernünftig miteinander zu kommunizieren. Da denke ich mir: Transaktionsanalyse, Verstärkung, Kognitive Dissonanz – von all solchen Sachen hast du schon gelesen. Und, hat es mich weiter gebracht? Eher wenig.

Die Kommunikation ist ein sehr kompliziertes Terrain. Ich hätte nie gedacht, dass Menschen über so lange Zeit, trotz der Liebe die sie füreinander empfinden, so krass aneinander vorbei reden können. Das macht mich nicht nur total unglücklich, es ärgert mich auch ungemein.

Gewaltfreie Kommunikation

Kurze Zeit nach der Trennung entdeckte ich einen Blogpost von Lilian Kura in meinem digitalen Kiosk: Über Missgunst, Neid und Häme. Darin schreibt Lilian Kura:

Seit ich mich mit Gf – Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg beschäftige*, hat sich diese Abneigung gegen unreflektierte Häme und Vorurteile noch verstärkt.

— Lilian Kura, in: Über Missgunst, Neid und Häme, unter: textzicke.de

Ich erinnerte mich, dass ich vor zwei, drei Jahren mal eine kurze Ausarbeitung zur gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg gelesen, und die Methodik dahinter als einen sehr interessanten Ansatz gesehen habe. Irgendwie hatte ich das verdrängt. Also habe ich mir das Buch dazu gekauft. (Übrigens das dritte in diesem Artikel erwähnte Buch.)

Gewaltfreie Kommunikation, was ist das?

Die Gewaltfreie Kommunikation […] soll Menschen ermöglichen, so miteinander umzugehen, dass der Kommunikationsfluss zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt. […] Im Vordergrund steht nicht, andere Menschen zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, sondern eine wertschätzende Beziehung zu entwickeln, die mehr Kooperation und gemeinsame Kreativität im Zusammenleben ermöglicht. Manchmal werden auch die Bezeichnungen „Einfühlsame Kommunikation“, „Verbindende Kommunikation“ […] verwendet. […]

— de.wikipedia.org: Gewaltfreie Kommunikation

Ein paar Tage später unterhielt ich mich mit einer Kollegin über das Thema Flüchtlinge. Plötzlich sagte sie: »So wie du gerade redest, ist aber auch nicht gewaltfrei!« Ich war irritiert. Denn auch nachdem ich noch mal in mich hineingehört habe, konnte ich dafür keinen Grund erkennen. Woran sie das festmachen würde, bat ich sie mir zu erklären. »Deine Augen, deine Gestik, deine Wortwahl – darin lag eine Spur von Überheblichkeit.« Natürlich war mir das peinlich, da es nicht meine Absicht war eine solche Wirkung zu erzeugen.

Und ich war entsetzt. Entsetzt darüber, wie sehr sich die Wahrnehmung meiner Kollegin von meiner unterschied. Oh Mann, was für eine diffizile Klamotte, diese Kommunikation, erkannte ich mal wieder. Wenn Sender sich auch noch so anstrengt, kann das bei Empfänger trotzdem anders dekodiert werden.

Konfliktpotenzial Ohnmacht

Einige Zeit danach unterhielt ich mich mit jemanden über den ständigen Konflikt zwischen Kommunalpolitikern und Verwaltungsleuten. »Ich verstehe dieses blöde Spiel nicht. Warum müssen die dauernd über die Verwaltung meckern?« »Ich glaube, die Kommunalpolitiker fühlen sich oft ohnmächtig, zum Beispiel wegen des Wissensvorsprungs den die Verwaltung häufig hat.« Das ist ein Thema, was ich hier sicherlich noch mal ausführlich verbloggen werde. Aber dieses Beispiel zeigt: Kommunikationsprobleme haben ihren Ursprung häufig bereits vor der Kommunikation.

Ohnmacht ist das Gefühl von Hilflosigkeit und mangelnden Einflussmöglichkeiten im Verhältnis zu etwa den eigenen Wünschen, subjektiv angenommenen und objektiven Notwendigkeiten oder dem Überlebenswillen. Ohnmachtsgefühle können mit Angst, Wut und Frustration einhergehen. […]

— de.wikipedia.org: Ohnmacht (Psychologie)

Außerdem: Wenn ein Gesprächspartner den Eindruck gewinnt, dass er mit treffenden Argumenten geradezu überrannt wird, kann das, selbst wenn die Argumente noch so unaufgeregt vorgetragen wurden, dazu führen, dass der Gesprächspartner blockiert: »Ich will nicht, dass der recht hat«, weil: »Der ist nicht meiner Meinung (und meine Meinung will ich nicht ändern)«, oder: »Ich mag den nicht. Der hat doch …«

Gefühle und Bedürfnisse

Zur Ehrenrettung des Buches Gewaltfreie Kommunikation: Ich bin gerade mal auf Seite 74. Doch eines ist mir in den vergangen Wochen sehr bewusst geworden: Das detaillierte Wissen zu einem Thema, die fundierten Argumente dazu, sind längst nicht alles. Gefühle und Bedürfnisse spielen eine sehr entscheidende Rolle in der Kommunikation. Das ist nicht neu. Aber sich seiner Gefühle und Bedürfnisse im Klaren zu werden und daraus seine Wünsche zu formulieren, klingt einfacher als es oft ist. Rosenberg hat das übrigens so zusammengefasst:

Wenn ich a sehe, dann fühle ich b, weil ich c brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerne d.

— Marshall B. Rosenberg, Quelle: de.wikipedia.org, Grundmodell der GfK

Ich diskutiere nicht um recht zu behalten, sondern um zu lernen

»Warum musst du eigentlich alles diskutieren? Warum musst du alles hinterfragen?« Das sind Fragen, die mir oft gestellt werden. Meine Antwort: Ich will verstehen. Ich möchte den Dingen, den Problemen auf den Grund gehen. Bei Problemen auch mit dem Gedanken: Vielleicht lässt sich ja doch noch was zum Guten wenden. Aber ich gebe zu, dass ich dabei häufig zu spät erkenne, dass das Verhalten nervig sein kann. Auch das kann für eine gute Kommunikation abträglich sein, wenn da jemand ist, der scheinbar nichts einfach mal so stehen lassen kann.

Ich diskutiere nicht um recht zu behalten, sondern um zu lernen – und darum habe ich auch diesen Artikel geschrieben. Ich ärgere mich über Menschen, die abschätzig über ihre Mitmenschen reden oder schreiben; und dann denke ich: Ey Leute, was soll das?! Doch wenn ich mich beobachte oder mich von Außenstehenden reflektieren lasse, erkenne ich: Ein Adept der wohlwollenden Kommunikation ist auch an mir nicht verloren gegangen.

In den zurückliegenden Wochen habe ich in Sachen Kommunikation gelernt, dass ich noch viel lernen muss. Dennoch ist mir einiges deutlich geworden. Wenn ich durch Gespräche lernen möchte, auch und besonders, wenn ich Menschen für mich gewinnen möchte, dann darf ich niemanden herabsetzen, niemanden ausgrenzen – auch nicht, wenn meine Gesprächspartnerin / mein Gesprächspartner nach meinen Maßstäben widerliche Dinge sagt oder schreibt.

Wer sich strafbar macht, sollte bestraft – aber nicht ausgegrenzt werden.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

— Artikel 1, Absatz 1, Satz 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland

Dieses Grundrecht genießt auch der, der sich strafbar gemacht hat. Auch die Goldene Regel lässt sich hier anführen:

Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.

Die Goldene Regel

Selbst dann, wenn mich jemand ausgegrenzt hat, sollte ich ihn so behandeln, wie ich behandelt werden möchte. Wenn Menschen Fehler machen, setzt das nicht deren Grundrechte außer Kraft. Und es sollte auch nicht meine Ansprüche an mich, meine Maßstäbe verbiegen.

Das klingt jetzt sehr nach Moralpredigt. Aber ich habe mir vorgenommen, so oft wie möglich daran zu denken, wenn mal wieder die Gäule mit mir durchgehen wollen. Denn eine verbindende Kommunikation ist nur möglich, wenn ich meinen Gesprächspartner wertschätze, und ich mich bemühe, ihm das zu zeigen.

Tilo Jung twitterte am Freitag:

“Entzug von Liebe ist die gewalttätigste Drohung in unserer heutigen Gesellschaft”

- Dirk Baecker #formate15

Dirk Baecker, Quelle: twitter.com/TiloJung

Lass uns reden – miteinander, nicht übereinander.