Gedanken eines Alleinbetreuenden

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Eine
PflanzenblüteWie jede Blüte welkt und jede Jugend

dem Alter weicht … (aus „Stufen“, von Hermann Hesse)

Ja, ich bin alleinbetreuender Sohn. Alleinbetreuender Sohn? Was ist das denn? Na: Mutter & Sohn; Mutter hilfebedürftig, Sohn fit wie ein alter Turnschuh – so halt. Es gibt allein erziehende Mütter und Väter. Also wird es doch auch allein erziehende Töchter und Söhne geben? Aber allein erziehender Sohn bin ich nicht. Eine Seniorin erziehen – ich bitte Euch! Und überhaupt, mit dem Wort er-ziehen assoziiere ich solche Sachen wie zerren, reißen, rupfen, spannen. Das tut alles weh. Kann nicht gut sein. Weder für Kinder noch für Senioren.

Doch wenn ich ehrlich bin, Alleinbetreuender bin ich gar nicht. Das würde ich nicht hinbekommen. Denn ich muss zwischendurch arbeiten und andere Sachen machen möchten. Ich habe Hilfe. Mitmenschen, die mir helfen meine Mom zu betreuen. Und diesen Leutchens bin ich unglaublich dankbar. Vor allem denen, die das ehrenamtlich machen.

Wie Ihr Euch vielleicht vorstellen könnt, ist der Job eines „Alleinbetreuenden“ trotzdem nicht ganz einfach. »Machen wir uns nichts vor. Auch wenn wir sie noch so sehr lieben, sie [die betagten Eltern] ziehen dich irgendwie runter«, hat mir vor einiger Zeit mal ein Freund erzählt. Ein anderer Freund war geradezu entsetzt, als er das hörte: »Das ist totaler Quatsch! Sie geben dir so viel!« Nun ja, um darüber zu sinnieren muss man schon die individuelle Situation kennen. Aber mal grundsätzlich: Was ist schöner, was macht mehr Freude: Kinder ins Leben, oder Senioren an ihr Lebens-Ende zu begleiten?

Wir wissen, Krankheiten, alt werden und auch das Sterben gehören zum Leben. Dennoch haftet diesen Teilen des Lebens etwas Negatives an. Obwohl jeder weiß: niemand wird jünger, niemand wird neu, niemand bleibt heile – wollen wir das nicht akzeptieren. Nicht so richtig. Nicht mit aller Konsequenz. Wir vermeiden gern alles, was uns das vor Augen führt. Ich versuche mal zu verklären, was ich damit meine.

An allen Ecken unterhalten sich Leute über Kinder, auch die, die keine haben. Mache ich auch oft. Macht Spaß. Eltern werden auch gern auf ihre Kinder angesprochen: »Na, was macht Klein Erna?« Aber beim Thema Seniorenbetreuung sinkt die „Einschaltquote“ gewaltig. Wirklich, ich habe diese Erfahrung gemacht.

Nur sehr, sehr wenige Menschen mögen sich mit echtem emphatischen Interesse anhören, wie es meiner Mom geht. Noch weniger wollen wissen, wie es mir als Alleinbetreuender geht.

»Warum tust du dir das an?« Diese Frage ist mir schon sehr oft gestellt worden. Einige werden vielleicht jetzt aufschreien: »Das ist doch nicht zu fassen! So eine Frage!« Tja. Aber was meint Ihr, wie groß wäre der Aufschrei wenn ich Eltern frage: »Warum tust du dir Kinder an?«? Vermutlich weit größer. Warum ist das so? Haben in unserer Gesellschaft Kinder einen höheren Stellenwert als Senioren?

Kurzum, meine Erfahrung ist: Ja, es gibt Menschen die es gutheißen, dass ich meine Mom so lange wie möglich betreue. Aber es gibt viel mehr Menschen, die das nicht tun würden. Und ja, sogar Vorhaltungen habe ich zu hören bekommen, weil ich mich so entschieden habe. Ich will niemandem etwas vorwerfen, wenn er sich anders als ich entscheidet und seine Eltern in ein Seniorenheim unterbringt. Traurig finde ich nur, wenn meine Entscheidung, mein Job als Alleinbetreuender nicht toleriert wird.

Aber ich wollte ja schildern, warum unsere Gesellschaft so tickt. »Die Eltern pflegen? Das machen wir nicht. Wir wollen doch noch was vom Leben haben.« Diese Begründung wird häufiger angeführt. Sie ist meines Erachtens sehr symptomatisch. Denn ich denke wirklich, das ist ein gesellschaftliches Problem.

Wir haben uns darauf konditioniert: alles muss größer, schneller, weiter, bunter werden – selbst wenn wir Urlaub machen. Und wir suggerieren uns an allen Ecken: Alles was nicht Fortschritt, Wachstum, Erfolg ist, ist schlecht. Toll ist, wenn die Gerade auf der Koordinatenachse in einem möglichst hohem Steigungswinkel permanent nach oben rechts verläuft.

Das „Problem“ ist, dass die Leistungskurve eines Menschenlebens niemals so aussehen kann. Sie ist halt eine Kurve, die, vereinfacht umschrieben, wie ein nach unten geöffneter Parabelbogen aussieht. Nach dem Scheitelpunkt geht es wieder bergab. Größer, schneller, weiter ist dann nicht mehr.

Also passt die zweite Phase eines Menschenlebens, die nach dem Scheitelpunkt, nicht mehr in unsere Leistungsgesellschaft. Ja, Politiker und einige Unternehmer erzählen zwar etwas von: »Wir brauchen die Erfahrungen der älteren Menschen!«, oder: »Wir müssen die Seniorenarbeit stärken!« und so weiter, aber jeder fühlt es, das sind meistens nur Alibi-Debatten, Lippenbekenntnisse.

Zwischenergebnisse:

Uns für Kinder zurückzunehmen, dass tun wir. Noch. Aber uns für Senioren zurückzunehmen – das sehen wir immer weniger ein. Wie gesagt, es macht mehr Spass Kinder dabei zu beobachten, wie sie Fortschritte, Erfolge erzielen; als bei Menschen zu bleiben, die nahezu täglich abbauen.

Noch mal die Begründung: »Denn wenn die Kinder groß sind, dann wollen wir noch was vom Leben haben.« Ich kann die Entscheidung nachvollziehen. Dennoch hat die Begründung einen faden Beigeschmack. Ist die Erziehung der Kinder nicht mehr Teil eines erfüllten Lebens? Wollen wir uns irgendwann auch nicht mehr für sie zurücknehmen? Sind Ganztagsschulen schon die Vorboten?

Kranke, ältere, hilfebedürftige Menschen sind die Verlierer unserer leistungs- und erfolgsorientierten Gesellschaft. Stimmt, das ist ein alter Hut. Und, wann ändern wir das?

Was in dem Zusammenhang manchmal vergessen wird ist, dass auch die Menschen die sich um die „Verlierer“ kümmern, an den Rand der Beachtung gedrückt werden. Viele werden mir jetzt sagen: »Selbstverständlich brauchen wir diese Menschen! Und es ist gut, dass es sie gibt.« Das war es dann aber auch schon. Statt innezuhalten, statt mal über die Schwächen unserer Gesellschaft nachzudenken und nach Lösungen zu suchen, sind sie mit ihren Gedanken schon beim nächsten Termin.

Und vielleicht sollten wir mal darüber nachdenken: Was heißt eigentlich Familie? Oder: Was sollte Familie bedeuten?


Ich hoffe, dass ich noch lange die Zeit, die Kraft und die Geduld aufbringen kann, meine Mom zu betreuen. Und ich danke allen aus tiefstem Herzen, die mir dabei helfen.