Falsche Perspektiven

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Ein Gebäude, eine Perspektive. Ist die Perspektive deshalb falsch?

Von Perspektiven war hier schon häufiger die Rede; nehmen wir zum Beispiel: Von Standpunkten und Perspektiven. Das Thema ist spannend: Es soll angeblich Dinge geben, die keine Perspektive haben. Oder es gibt Leute die behaupten, dass es nur eine Perspektive gibt – nämlich die ihre. Demnach sei eine andere Perspektive überhaupt nicht gegeben – oder mindestens falsch.

Und schon sind wir beim Thema: Gibt es überhaupt falsche Perspektiven? Das kommt doch auf den Standpunkt an! Oder ist das eine Frage der Sichtweise? – Egal, jede Perspektive ist subjektiv! Wirklich? – Nun ja, ob eine Perspektive tatsächlich falsch ist, ist manchmal nicht so einfach festzustellen.

Vor ein paar Wochen bat mich ein junger Freund, einen Ausschnitt aus dem Kupferstich „Spottbild auf die falsche Perspektive“ (1754) von William Hogarth nachzuzeichnen. Allerdings sollte ich dabei die „Fehler“ korrigieren, die das Original enthält.

Zu dem besagten Ausschnitt der mir zugedacht wurde, gehört auch die Kirche, in der linken Bildhälfte des Kunstwerkes. Darüber musste ich einige Zeit nachdenken. Meines Erachtens ist lediglich die Kirchturmspitze mit den Zinnen perspektivisch nicht korrekt gezeichnet – sie „kippt“ zu sehr nach vorn (Draufsicht). Und der Rest des Gebäudes? Sicherlich, der Winkel in dem die beiden Gebäudeteile zueinander stehen, ist eigenartig. Auch der Kirchturm steht ungewöhnlich gedreht in der rechten Gebäudehälfte. Und außerdem steht die linke Gebäudehälfte teilweise im See (Hochwasser, Überschwemmung?).

William Hogarth betitelt sein Bild „Spottbild auf die falsche Perspektive“. Womit er vermutlich sagen wollte: „Leute, ich habe euch mal eine Denksportaufgabe gegeben. Wo sind in diesem Bild die Fehler?“ Teilweise sind die Fehler offensichtlich. Teilweise aber auch nicht. Und an der Stelle wird es interessant.

Die Frage lautet: Was ist unmöglich, und was kann sein? Entscheidend dabei ist meines Erachtens nicht die eigene Ästhetik. Nur weil etwas meiner Ästhetik zuwiderläuft, nur weil etwas meiner Empfindung von Schönheit, oder von richtig nicht entspricht, nur weil ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand so eine Kirche zeichnet, geschweige denn auch noch baut – muss das, was ich da sehe, nicht falsch sein.

Das ist wie im Alltag. Nur weil ich etwas nicht schön oder richtig finde, ist es nicht automatisch falsch.