Eine neue Gleitzeitbrille

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Eine Brille liegt auf einem
BalkonstuhlNasenfahrrad 12.0, Bj. 2005, 1.Hd, fahrbereit

»Ich glaube, ich brauche eine neue Gleitzeitbrille.« Ich muss das ziemlich überzeugend vorgetragen haben, denn der Augenoptiker meines Vertrauens nickte verständnisvoll. Was mich wiederum dazu ermunterte, meine Vermutung zu begründen.

Am Ende meines Plädoyers angekommen wurde ich stutzig: »Habe ich jetzt die ganze Zeit Gleitzeit-Brille gesagt?« »Ja. Aber ich weiß ja, was sie meinen«, bestätigte er mitfühlend und führte mich behutsam zum Zahnarztstuhl für Optiker. Nach einigen weiteren Worten zu meiner Beruhigung, begann er mit der Testreihe.

Zehn Minuten später verkündete er: »Tatsächlich. Ihre Sehkraft hat sich gravierend verändert.« Dann erklärte er mir die Details. Wovon ich wie üblich nicht viel verstanden habe. Nur so viel: »Heißt das, ich kann besser sehen als vor vier Jahren?« »Korrekt. Das ist im Alter so …«, begann er, aber ich hörte ihm schon nicht mehr zu. Ich fragte mich: Wenn Mann im Alter wieder besser sehen kann, warum bekommt Mann dann im Alter nicht wieder mehr Haare – also Kopfhaare? Der menschliche Körper ist inkonsequent.

Fakt ist, wir brauchen eine neue Brille. Soheit so schön. Vor allem aber teuer. Er muss meine Gedanken gelesen haben: »Kein Problem, wir können die neuen Gläser in das alte Brillengestell machen.« Klar, dann spare ich mir die Kosten für ein neues B-Gestell. Doch ich war mit mir längst eins: Wenn ich schon besser sehen kann, sollen es auch alle gleich sehen. Logisch, oder? Also begaben wir uns auf die Suche nach einem Brillengestell.

Irgendwann meinte die hinzugezogene Optikerin: »Sie sind nicht der Typ der eine Brille trägt, wie sie halb Lügde auf der Nase hat.« »Das haben sie aber nett gesagt«, gab ich zurück, war mir aber sicher: Ich bin allerdings auch nicht der Typ der eine Brille trägt, mit der die andere Hälfte von Lügde rumrennt. – Höre ich da Einwände?! Nicht. Dann weiter …

Geht Euch das auch so? Wenn ich mir die nackigen Brillengestelle in den Regalen anschaue, sehe ich immer gleich bestimmte Charaktere, bevorzugt Menschen die einen bestimmten Beruf nachgehen und denen ich diese Brille zutraue zuordne: Neurologen, Studienräte, Kommissare und so weiter. Und je mehr Brillengestelle ich auf diese Weise zuordnen kann, desto schwerer fällt es mir, eine „passende“ Brille für mich zu finden – für mich den Rathaus-Sachverarbeiter. Ja, ja, ist ja gut. Ich weiß was Ihr jetzt denkt. Gebt es mir ruhig. Wie sieht Eurer Meinung nach eine Brille aus, die solche Bürohengste tragen?

Natürlich ist es auch bei Brillengestellen so: Je mehr Leute du fragst, desto unterschiedlicher die Antworten. Auch wenn eine Brille kein Kleidungsstück ist, sollte Mann es so sehen. Zumal: Otto-Normal-Mann hat nur eine Brille – die mit den richtigen Gläsern. Soll heißen, dieses „Kleidungsstück“ wechselt Mann nicht so oft, er trägt es täglich. Daher sollte Mann sich eigentlich sehr, sehr, sehr genau überlegen, was er sich für die Augenpartie zum Anziehen kauft.

Wenn du das beim Kauf einer Brille wirklich beherzigst, dir das ständig vergegenwärtigst, dann, ja dann hast du noch mehr Probleme die Richtige zu finden. Ich meine das richtige Brillengestell. Selbstverständlich.

Denn: Kleider machen Leute. Oder, um es mit adäquaten Worten zu schreiben: Brille bringt viel Mann! (Manchmal, aber nur manchmal.) Wo ich das gerade so wortspiele: Du musst mal rumposaunen, dass du eine neue Brille kaufen willst. Folge: JedeR hat mir ungefragt einen anderen Augenoptiker empfohlen. Allerdings ist das Wörtchen „empfohlen“ an der Stelle schon ein Euphemismus. Bedrängt, genötigt, wären entsprechendere Umschreibungen. Doch bei solchen Dingen bin ich ein sturer, altmodischer Knochen: Ich versuche wenn eben möglich, lokale Anbieter zu unterstützen.

Und nun bin ich gespannt ob Ihr mich erkennen werdet – wenn ich mit dem neuen Nasenfahrrad angeradelt komme.


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