Die Wahrheit ist doch …

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Die Ecke eines Fachwerkgebäudes im
SockelbereichEine Form fundamentaler Wirklichkeit

Die Weihnachtstage habe ich genutzt, einige von den Artikeln „abzuarbeiten“, die ich mir in den vergangen Wochen beiseite gelegt habe. Nebenbei und passend dazu der Beitrag: „Essay: Miriam Meckel über die Wiederentdeckung der Langsamkeit im Lesen“. Falls jemand von Euch Miriam Meckel nicht kennt, hier der Wikipedia-Eintrag über sie.

Zurück zum Thema. „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, lautet der Titel eines Artikels aus dem Jahr 1998, den ich gestern gelesen habe. Er ist mir aber erst jüngst, ich meine via Twitter, zugespült worden. Die Thesen die der Philosoph und Physiker Heinz von Foerster darin aufwirft, finde ich höchst spannend. Warum? Weil ich das Thema Wahrheit hier schon häufiger verfrühstückt habe.

Tjä, was bedeutet das, wenn wir sagen: »Das ist die Wahrheit!«, oder: »Die Wahrheit ist doch …!«?

Immer wenn ich ins Grübeln komme und mich dann in einer Endlosschleife verliere, sendet meine im Oberstübchen verbaute Version von Deep Thought kurz vor dem Absturz noch folgenden Notruf: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Ich weiß, da haben sich schon ganz andere Koniferen als unsereins mit gebrüstet. Und wenn die das schon von sich behaupteten, wie viel Nichts ist dann erst das, was ich nicht weiß?

Wie auch immer, manchmal gelingt es mir trotzdem vollständige Sätze zu schreiben. – Macht Euch mal den Spaß, in dem Wikipedia-Eintrag zu besagter „Erkenntnis“ nach der Wahrheit zu suchen. – Und, was ist jetzt die Wahrheit?

Eng verknüpft mit der Definition des Begriffes wird häufig der Begriff „Wirklichkeit“. Warum ich das erzähle? Deswegen:

Tathata ([…] dt. etwa: Soheit […]) ist im Buddhismus […] ein Begriff für die Form wahrer bzw. fundamentaler Wirklichkeit (nicht aber diese Wirklichkeit selbst),[…] meist in Bezug auf den ihr unterstellten Aspekt der Leere bzw. wesentlichen Wesenlosigkeit. […]

— de.wikipedia.org: Tathata

Soheit ist im Buddhismus ein Begriff für die Form wahrer Wirklichkeit, nicht aber diese Wirklichkeit selbst. Verstanden? Ich auch nicht so wirklich.

Die Wahrheit ist, das mich die Suche nach der Wahrheit nicht loslässt. Gibt es sie, die Wahrheit, die einzige Wahrheit? Wie sieht es zum Beispiel mit der Erkenntnis: »Wir werden alle störben!«, aus? Ist das vielleicht eine, und möglicherweise die einzige objektive Wahrheit? Und was sind dann bitteschön subjektive Wahrheiten? Können die überhaupt wahr sein?

Die eigentliche, die wahre Wahrheit aber ist, dass ich garnicht nach der Wahrheit, sondern vielmehr nach der Erklärung für ihre Vielfalt suche. Viel Wahrheit viel wahr. Habe ich einen an der Kartoffel? Möglicherweise. „Fakt ist“, dass ich nicht vor habe, mich hier als Philosoph oder dergleichen zu versuchen.

»Die Wahrheit ist doch …!«, ist eine Einleitung, die mir im Alltag sehr häufig begegnet. Mitunter ist auch die Aussage: »Das ist doch die Wahrheit!« zu hören. Meistens aber handelt es sich bei der Wahrheit um die eigene Wahrheit, besser bekannt unter dem Begriff „Meinung“. Meines Erachtens wird eine Meinung auch dann nicht zur Wahrheit, wenn noch 47 weiteren Personen diese „Wahrheit“ gefällt. Das ist die Meinung von 47 Personen.

Dann jedoch stellt sich die Frage: Wann lässt sich der Begriff „Wahrheit“, wahrheitsgemäß verwenden? Dazu in einem meiner nächsten Leben mehr. Also: Habt noch ein bisschen Geduld.

Meine Beobachtung ist, dass die Aussage: „Das ist doch die Wahrheit“, wie auch die: „Das ist Fakt!“, gern verwendet wird, um der eigenen Meinung (und gegebenenfalls die der von 47 anderen Likerinnen und Likern) Nachdruck zu verleihen: Das ist Gesetz! Daran gibt es nichts zu rütteln! Alles andere ist falsch – oder gelogen!

[…] Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zu einem Lügner. Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde, um eine ganz neue Sicht und Einsicht zu ermöglichen. Meine Auffassung ist, daß die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschheit zerstört. Der Begriff bedeutet - man denke nur an die Kreuzzüge, die endlosen Glaubenskämpfe und die grauenhaften Spielformen der Inquisition - Krieg. […]

— Heinz von Foerster im Gespräch mit Bernhard Pörksen, „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, in www.zeit.de

Ich finde, da ist eine Menge dran. Und darum werde ich mich bemühen, künftig vorsichtiger mit der Wahrheit umgehen – ich meine mit der Verwendung des Begriffes.

Es gibt aber noch einen anderen Grund dafür. Etwas zur (eigenen) Wahrheit zu deklarieren, ist möglicherweise auch eine Art Schutzfunktion. Was ich mir zur Wahrheit mache, bietet mir Sicherheit. Darüber will brauche ich nicht weiter nachdenken: Das ist so. Das ist doch die Wahrheit.

Die Sache hat nur einen Haken. Damit stelle ich mich auf die Bremse. Höre auf interessiert zu sein, verweigere mich zu lernen, Wissen zu mehren. Stillstand.

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber das ist nicht die Wahrheit.