Der Abend, an dem ich Fotos malte

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Hände, die beim Tanzen in die Höhe gehalten
werdenTanzende Hände

Gute Fotografen malen Fotos. – Fast immer, wenn ich über das Fotografieren spreche oder schreibe, muss ich an diese Aussage denken.

Ich habe sie sogar schon als Ausrede verwendet. Als ein guter Freund und Technik-Motivator mich unlängst daran erinnerte: »Du hast noch keine Videos mit deinen Kameras gedreht!«, antwortete ich ihm, dass mit Fotos auch Filme erzeugt werden können. So, wie ein guter Text, ein guter Roman die Phantasie anregen, und Bilder, aber auch Filme im Kopf entstehen lassen kann.

Beim Besuch des Drachenbootrennens neulich, habe ich mich mal wieder darin versucht – Fotos zu malen. Die tanzenden Menschen vor der Bühne bei der abschließenden Party haben mich darauf gebracht. Ihre Gesichtsausdrücke waren es, die mich dabei faszinierten.

Die Gesichtsausdrücke spiegelten viel von dem, wonach wir uns so oft sehnen, uns aber meistens in der Suche danach verzetteln. Ich glaube, die Atmosphäre hat viel dazu beigetragen: ein schöner, angenehm warmer Sommerabend, unter freiem Himmel, gute Musik … Aber auch die unaufdringliche Organisation der Veranstaltung spielte dabei eine Rolle. Denn Perfektion, und sei sie noch so gut gemeint, engt ein …

Die Gesichter der Tänzerinnen und Tänzer zeigten Freude, Genuss, Entspannung, Leichtigkeit. So sieht es aus, wenn Menschen im Hier und Jetzt und in der Zelebration dieser ihrer Gegenwärtigkeit leben, dachte ich.

Einige der tanzenden Frauen haben sich regelrecht vor meine Kamera geworfen haben. „Geworfen“ klingt jetzt ein bisschen negativ. Ist aber nicht so gemeint. Die Lebensfreude war geradezu greifbar. Ich glaube, mit der Zeit gewinnt man ein Gefühl dafür, ob jemand vor die Kamera springt, weil er sich gern darstellt, oder ob sie das tut, weil sie einfach nur den Moment, den Augenblick in vollen Zügen genießt.

Kurzum: Wer ein Sinnbild für den Begriff Anmut sucht, hier war sie in einem verblüffend hohem Ausmaß zu sehen. Und die wollte ich versuchen zu „malen“, mit Fotos „festzuhalten“.

Ich habe mir dafür zwei, drei Menschen aus der tanzenden Menge ausgesucht, deren Gesichtsausdrücke diese Emotionen besonders deutlich erkennen ließen. Die Herausforderungen bestanden darin, ihre Gesichter zu erwischen wenn sich eine Lücke zwischen den übrigen Tänzerinnen und Tänzern ergab; das richtige Bühnenlicht – es durfte nicht zu hell sein, gern aber farbig – abzuwarten; und wenn möglich auch eine Brise vom Kunstnebel mit ins Bild zu nehmen.

Die Fotos lassen oft nur Teile des Gesichts erkennen, dazu Hände von anderen Tanzenden die ekstatisch in die Höhe gehalten wurden, Hinterköpfe, Schultern – Farben, Unschärfen, Bewegung … In solchen Bilder ist der Lebenspuls „hörbar“ – ganz im Gegensatz zu den klassischen, gestellten Gruppenfotos mit Bürgermeister.

Doch wohin mit den Fotos? Ich kann sie Euch nicht zeigen – nicht hier, nicht im Netz – das Recht am eigenen Bild, Ihr wisst. Bevor ich falsch verstanden werde: Ich will nicht das Recht am eigenen Bild in Frage stellen. Keineswegs.

Und dennoch finde ich es schade, dass ich Euch an der Anmut die diese „gemalten“ Fotos teilweise reflektieren, nicht teilhaben lassen kann. Denn ich kann mir gut vorstellen, dass die Bilder auch Euch für einen kurzen Augenblick verzaubern würden.