Behördendeutsch und Blähsprech

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Blick durch die
KnoblauchpresseVielleicht sollten wir das doch mal filtern.

Das meiste von dem, was wir sagen und tun, ist nicht notwendig, und wenn man es weglässt, wird man mit schönerer Mußezeit und geringerer Unruhe leben.

Marc Aurel

Das ich jedesmal fasziniert bin, wenn gesunde Menschen mit offensichtlich wachsender Begeisterung Texte in kranker Sprache – der Behördensprache – verfassen, habe ich hier schon mehrmals kundgetan. Gern frage ich sie dann: »Sag mal, würdest du deiner Oma oder deinem Freund auch so schreiben?« Die Antworten die ich darauf erhalte, könnt Ihr Euch denken. »Und warum meinst du mich oder andere Sachverarbeiter so antexten zu müssen?«, hake ich dann meistens nach. Hier bleiben mir 100,7 Prozent der Befragten eine nachvollziehbare Erklärung schuldig.

Es gibt einige, aber im Verhältnis sehr wenige Mitmenschen, die mit dem Behördendeutsch kein Problem haben, die es nicht stört, in dieser Form verfasste Briefe zu erhalten. Nach meinen Beobachtungen aber geht sie mindestens 90 Prozent der Mitmenschen auf den Keks.

Wie gesagt, interessant dabei ist, dass von diesen 90 Prozent 90 Prozent das vorbildlich ändern könnten, es jedoch nicht tun. Immer wieder frage ich: Warum? Weil Behörden so korrespondieren? Weil man Behörden so anschreiben muss? Weil die Menschen in den Behörden das sonst nicht verstehen? – Oder: „Weil man das so macht!“?

Es ist sehr, sehr spannend zu beobachten, wie wir Sprache verwenden, wie wir was sagen – oder auch nicht.

Anderes Beispiel: Ihr kennt sie, die Eröffnungsreden und die Laudationes bei Veranstaltungen, sowie die Grußwörter in Festzeitschriften und ähnlichen Schriftwerken. Ich habe schon oft solche Reden und Grußwörter geschrieben. Mittlerweile hat sich dabei sogar ein bisschen Routine eingestellt. Zwei Seiten mit Text zu füllen der sich irgendwie bedeutungsschwanger anhört, aber so gut wie nichts aussagt – joa, das ist kein großes Problem.

Ja, ja, ich gebe es ja zu, auch hier schwafele ich gern mal herum. Nehmt zum Beispiel den Text „Die Wahrheit ist doch …“. Den hätte ich kräftig eindampfen können. Warum ich das dann nicht getan habe? Mir war einfach gerade nach Geschwurbel.

Eine andere Frage ist: Warum schreibe ich Grußwörter ohne viel substanziellen Inhalt? Denn die Kernaussage beschränkt sich dabei oft auf: »Hallo Leute, schön das es euch gibt, viel Spass bei eurem Jubiläum!« Der Rest ist Pleonasmus, Blähsprech. Mein Eindruck ist der: In der Regel wird von solchen Grußwörtern nichts anderes erwartet. Eine einseitige, hübsch geschwollene Begrüßung.

Einige Male bin ich schon gebeten worden ein Grußwort zu kürzen, weil es nicht in die Druckkonzeption der Festschrift passte. Lustig daran war, dass genau diese Grußworte über die Kernaussage hinaus einiges an Informationsgewinn enthielten. Es ist ist also nicht wichtig ob ein Grußwort Substanz beinhaltet, die Hauptsache ist, es klingt gut und es passt in den schmucken „Bilderrahmen“.

Stichwort Eröffnungsreden und Stichwort Laudationes. Nach meinen Beobachtungen beten mindestens 50 Prozent der Hörerinnen und Hörer, dass sie möglichst schnell vorübergehen. Trotzdem wird hartnäckig rumgeschwallt bis den ZuhörerInnnen die Ohren bluten. Substanz, echte Informationen? Oft Fehlanzeige. Stattdessen Gemeinplätze sowie Wiederholungen von allseits Bekanntem.

Warum?, frage ich mich: Warum legen noch immer so viele Veranstalter auf Grußwörter in Ihren Festzeitschriften und solche Eröffnungsreden bei ihren Veranstaltungen wert? Macht es ihnen Spass, mit vielen Worten wenig Informationsgewinn zu haben? – Oder machen sie das: „Weil man das so macht!“?

Das meiste von dem, was wir sagen und tun, ist nicht notwendig, und wenn man es weglässt, wird man mit schönerer Mußezeit und geringerer Unruhe leben.

Marc Aurel

Warum ich diesen Artikel geschrieben habe? Schon als ich im Vorfeld gelesen habe, das Martin Haase und Kai Biermann auf dem 32. Chaos Communication Congress einen Vortrag halten werden, war mir klar, dass ich mir den später auf Video anschauen werde. Von Martin Haase habe ich mir schon mehrere Vorträge angesehen, und von Kai Biermann schon einige Artikel gelesen. Ich kenne sie auch von ihrem gemeinsamen Projekt neusprech.org.

Und an all die Dinge die ich oben ausgeführt habe musste ich denken, als ich mir vorgestern ihren Beitrag angeschaut habe: „Nach bestem Wissen und Gewissen“ – Floskeln in der Politik. Wenn Euch Sprache interessiert, schaut Euch den Vortrag an! Unter neusprech.org könnt Ihr Euch eine interessante Grafik genauer angucken, von der in dem Vortrag die Rede ist.