Was hat Yoga mit Kraft, Koordination und Präzision zu tun?

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Heute nun der zweite Teil aus der jüngsten Yoga Reihe. Im ersten Teil habe ich mich sehr mit Definitionen aufgehalten. Das wird in den folgenden Teilen anders. Darin werde ich mich selbst in Verklärungen ersuchen. Und los geht´s:

Was hat Yoga mit Kraft, Koordination und Präzision zu tun?

Yoga und Kraft

Wenn ich meinen Mitmenschen erzähle, dass Yoga auch eine Art von Krafttraining ist, können sich viele das zunächst nicht vorstellen. Erzähle ich ihnen aber vom Handstand, dem Unterarmstand, oder auch der Brücke, sind sie erstaunt, dass diese Übungen, die man aus dem Sportunterricht in der Schule kennt, auch zum Yoga gehören. Wenngleich ich keine Ahnung von der Geschichte des Yogas habe, aber ich könnte mir vorstellen, dass viele Gymnastikübungen die wir aus dem Sportunterricht kennen, ihren Ursprung im Yoga haben.

Yoga und Präzision

Dennoch gibt es zwischen der Gymnastik beim Sportunterricht und dem Yoga einen Unterschied. Beim Yoga kommt es nicht nur darauf an einen Kopfstand zu machen. Yoga sieht die Übung als Ganzes: das bewusste Hineingehen in eine Übung, das Halten, das Hinausgehen – und das bewusste Atmen während der Übung.

Wenn ich ein Asana übe, muss ich oft an ein Flugzeugcockpit denken: „Sind die Füße richtig ausgerichtet? Checked. Stehen die Beine gerade und fest? Checked. Sind die Hüften auf gleicher Höhe? Checked. Ist der Rücken gerade und nicht im Hohlkreuz? Checket.“ Und so weiter.

Manchmal vergleiche ich Yoga-Übungen auch mit Lyrik. Jede Yoga-Übung hat ein eigenes Gedicht mit oft sehr vielen Versen. Wobei jeder Vers die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Körperregion oder ein bestimmtes Körperteil richtet. Ich kann Euch verraten, von den Asanas die ich nun schon sieben Jahre übe, beherrsche ich bei weitem nicht alle Verse. Das ist aber nicht schlimm, denn man hört nie auf sie – und an ihnen zu lernen.

Beim Yoga zählt auch nicht, wie oft du eine Übung hintereinander machst, wichtig ist, dass die Übungen mit größter Präzision durchgeführt werden. Wenn Ihr Euch mal erfahrene Yogis beim Üben anschaut, werdet Ihr bei der Beschreibung dessen vermutlich Wörter wie Leichtigkeit, Geschmeidigkeit, Eleganz und auch Präzision verwenden.

Yoga und Koordination

Das man durch Yoga beweglicher wird, brauche ich nicht zu erklären. Yoga trainiert aber auch die Koordination und stärkt das Gleichgewicht. Wer über Jahre hinweg keinen Kopfstand oder Handstand gemacht hat, wird vermutlich unsicher sein, wenn er in der Übung ist: Die Welt steht dann Kopf. Es gibt beim Yoga reichlich solcher Übungen, bei denen, wenn man sie zu lernen beginnt, man total irritiert ist: „Was?! Jetzt soll ich noch den Kopf zur Decke drehen und den linken Fuß in einen rechten Winkel zum Boden bringen? Wo ist jetzt noch mal mein linker Fuß? Und überhaupt, ich bin froh, dass ich hier so stehe.“

Keine Sorge: Steter Tropfen höhlt den Stein. Manche Asanas fallen einem von Beginn an leicht, andere dagegen möchte man am liebsten auslassen. Und welche Asanas leicht oder schwer fallen, das ist bei jedem anders. Aber die Asanas die wir vermeiden möchten sind oft die Übungen, die wir brauchen. Das ist wie im Alltag: Weiche den „Problemen“ nicht aus – stell dich ihnen.

Wie geht man Yoga an, wenn man Rücken, Hüfte, Knie… hat?

Yogabücher

Wovon ich immer abrate ist, Yoga nur nach Büchern zu üben. Ich habe das vor Lichtjahren auch mal probiert, und es hat mich frustiert. Es sieht immer so leicht aus wenn man die Beschreibungen und die Bilder in den Büchern sieht. Aber die vielen Beschreibungen können keine Yoga-Lehrerin, keinen Yoga-Lehrer ersetzen. Es ist zum Beispiel niemand da, der einem sagt, ob man wirklich gerade steht. Ein Spiegel ist sicherlich sehr hilfreich. Aber schon beim Handstand, Kopfstand oder Unterarmstand komme ich damit nicht weiter.

Ein guter Yogi wird einen Anfänger zum Beispiel niemals mal eben einen Kopfstand üben lassen. Denn gerade weil es bei den Asanas um die präzise Ausführung geht, dauert es bei einigen Asanas vielleicht sogar Jahre, bis man in die vollständige Haltung gehen darf.

Wie ich im ersten Teil bereits beschrieben habe, kann es sein, dass man bei einigen Krankheitsbildern bestimmte Asanas entsprechend modifiziert üben sollte oder sie sogar komplett auslassen muss. Ein Buch kann mir aber nicht sagen, wie ich das in meinem speziellen Fall handhaben soll.

Kein Buch, keine Beschreibung im Internet kann auf den Einzelnen und seine Erkrankungen individuell eingehen. Das kann nur eine gute Yoga-Lehrerin, beziehungsweise ein guter Yoga-Lehrer. Aber wie in der Schule können Bücher eine Erinnerungsstütze für das Üben nach dem Unterricht sein.

Ist das gesund?

Wer Yoga nicht kennt und nur die Haltungen sieht, wird beim Anblick einiger Asanas vielleicht zweifeln: Ist das gesund? Die Antwort lautet wie so oft: Es kommt darauf an. Ohne Frage kann man den Körper schädigen, wenn die Asanas zu schnell, zu unkonzentriert, zu ungenau geübt werden.

Doch nicht umsonst werden Yogaübungen, auch entsprechend modifizierte, in der Physiotherapie eingesetzt. Ich hatte es schon im ersten Teil behauptet: Zu fast jeder Erkrankung gibt es Asanas, die den Genesungsprozess unterstützen.

Yoga mit Hilfsmitteln

Im ersten Teil habe ich die Hilfsmittel angesprochen, die wir bei vielen Asanas nutzen – dazu gehören Blöcke, Klötze, Polsterrollen, Gurte, Stühle und so weiter. Wir benutzen die Hilfsmittel:

  • in der Anfangsphase, um ein Asana zu erlernen,
  • wenn aufgrund einer Erkrankung ohne Hilfsmittel ein Asana nicht geübt werden könnte,
  • um einem bestimmten Detail einer Haltung noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken, um es klarer herausarbeiten zu können.
  • Auch wenn die Tagesform es mal nicht zulässt eine Haltung einzunehmen, Hilfsmittel machen es dann vielleicht doch möglich.

Der Gedanke, Hilfsmittel sind was für Weicheier, ist mir nicht fremd. Dieser Gedanke basiert jedoch auf eine dem Wettbewerb ausgerichtete Einstellung. Das im Wettbewerb schon mal die Qualität leidet, ist keine neue Erkenntnis. Aber Yoga ist kein Wettbewerb. So nach und nach ist das auch bei mir durchgedrungen. Und ich muss sagen: Seitdem ich Hilfsmittel für einzelne Asanas „akzeptiere“ ist der Lernfortschritt ein besserer.

Wie geht man also Yoga an, wenn man Rücken, Hüfte, Knie… hat? Zunächst würde ich mich mit dem Arzt und vor allem mit dem Physiotherapeuten besprechen. Und dann würde ich mir eine_n Iyengar-Yogalehrer_in suchen.


Im nächsten Teil werde ich beantworten, aus welchen Gründen ich Yoga übe.

Ergänzt am 1.2.2014: Nun läuft auch der dritte Teil meiner Yoga-Saga in diesem Kino: Warum ich Yoga übe.