Warum ich Yoga übe

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Yoga basiert nicht auf Wettbewerb

Nach den ersten Yogastunden war ich zwar begeistert, fühlte mich aber ein bisschen unterfordert. Denn vom Sport war ich es gewohnt: schneller, länger, mehr – auch Sport war für mich ein ständiger Wettbewerb, und sei es „nur“ einer mit mir selbst. Ich war so auf dieses Verständnis von Sport und Gesundheit konditioniert, dass ich das auch vom Yoga erwartete. Es hat viele Monate gedauert, bis ich verstanden habe: Yoga basiert nicht auf Wettbewerb.

Ich begann zu fühlen, wie viel besser es mir bekommt, die Übungen mit Bedacht, mit Ruhe, mit Konzentration anzugehen. Manchmal üben wir im Yoga-Unterricht auch „Asana-Sequenzen“, also schneller aufeinanderfolgende Asanas – wie zum Beispiel den Sonnengruß. Hätten wir die am Anfang geübt, wären sie meiner damaligen Einstellung weit entgegengekommen. Heute aber muss ich gestehen: Ich mag sie nur, wenn sie sehr langsam durchgeführt werden.

Warum langsam? Wenn ich in Asanas zu schnell hineingehe ist die Gefahr zu groß, Fehler zu machen. Nicht nur dass das die Verletzungsgefahr heraufbeschwört, auch die Konzentration und besonders die Präzision leidet darunter.

Beispiel Kopfstand: Anfangs ging es mir nur darum, irgendwie mit den Beinen hoch zu kommen und dann, wie auch immer, im Kopfstand zu stehen. Die Hauptsache für mich war: Ich kann den Kopfstand. Unsere Yogalehrerin aber ermahnt uns immer und immer wieder zur Ruhe und Konzentration – ganz besonders beim Kopfstand, der, wenn er falsch und ohne ausreichend gekräftigten Schulter- und Rückenmuskeln geübt wird, viel Schaden anrichten kann. Heute genieße ich besonders das bewusste Hinein- und Hinausgehen beim Kopfstandüben.

Yoga schult die Achtsamkeit

Jetzt habe ich viel von Konzentration und Präzision gesprochen. Viel lieber ist mir stattdessen das Wort Achtsamkeit. Denn Yoga ist für mich Achtsamkeits-Training. Yoga ist für mich aber auch eine Form von Meditation. Warum? Yoga richtig üben heißt, gegenwärtig zu bleiben, ganz bei dem jeweils geübten Asana zu bleiben.

Wie oft schon bin ich zum Yoga-Unterricht gegangen und habe mir gedacht: Mein Kopf ist zu, ich bin Müde, am liebsten würde ich mich hinlegen, abhängen oder irgendwie anders Zerstreuung suchen. Und nach dem Unterricht fühlte ich mich wie ausgewechselt entspannt und glücklich. Das Gefühl ist mir nicht unbekannt gewesen. Auch nach einem 20 Kilometer-Lauf oder nach einer 60 Kilometer-Rennradtour fühle ich mich so. Beim Yoga allerdings geht das Gefühl selten mit Erschöpfung einher. Nach meiner Erfahrung entsteht das Glücksgefühl beim Yoga durch die Achtsamkeit, durch die Gegenwärtigkeit beim Üben.

Yoga und Lyrik

Das hat unter anderem einen profanen Grund. Die meisten meiner Yoga-Kommilitonen sind schon länger dabei als ich. Das soll heißen: Eigentlich müssten wir doch schon viele Übungen in- und auswendig kennen. Dennoch: Bevor wir in ein Asana gehen, erklärt uns unsere Yogalehrerin noch mal die Übung und worauf wir unser Augenmerk dabei legen sollen. Anschließend leitet sie uns Schritt für Schritt in die Haltung und wieder heraus. Wobei sie wie Mantras uns immer und immer wieder „vorbetet“, auf welche Details wir in der jeweiligen Übungsphase achten müssen.

Ihr erinnert Euch noch an meine Vergleiche mit der Lyrik und den Versen, oder dem Flugzeugcockpit mit den einzelnen „Checked´s“ im zweiten Teil? Das ist nun die Erklärung dafür: Es sind die vielen aufeinanderfolgenden Details die beim Üben eines Asanas berücksichtig werden müssen. Wenn ich also unserer Yogalehrerin zuhöre, um die Details der Übung nachzuvollziehen, ist es kaum möglich sich bei ihrem Yoga-Unterricht in andere Gedanken zu verlieren und zu verstricken.

Zugegeben, wenn ich für mich Yoga übe, ist diese Wirkung nicht so groß. Denn da ist ja niemand, der mir ständig „vorbetet“ worauf ich achten muss. Aber die von unserer Yogalehrerin immer wieder wiederholten Verse verflüchtigen sich ja nicht ins Nichts. Fast immer bleiben ein paar mehr von ihnen im Gedächtnis hängen. Und ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn mir beim Üben eines Asanas wieder ein Vers mehr in Erinnerung kommt: „Ach ja, das sagt sie ja auch immer.“

Ein solcher „einzelner Vers“ ist wie gesagt „nur“ ein Detail von vielen, die beim Üben eines Asanas zu beachten sind. Doch genau das Detail kann es in sich haben. Es kann das Detail sein, was mir fehlte, das Verständnis für das „Gedicht“, für das Asana zu erschließen – um es genießen zu können. Unsere Yogalehrerin bezeichnet diese Momente in denen man Asanas für sich entdeckt als „Gnade“. Ich finde, das ist eine sehr schöne Umschreibung dafür.

Yoga stärkt das Selbstvertrauen

Weiche den „Problemen“ nicht aus – stell dich ihnen, habe ich im zweiten Teil mal angemerkt. Wie oft habe ich mich dabei erwischt, dass es mein Kopf war, der mir die Übung schwer gemacht hat. Zum Beispiel beim Handstand. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich traute ihn allein zu üben. Der Grund: Ich hatte meinem Körper, meiner Kraft nicht vertraut. Die Angst bei der Übung zusammenzubrechen blockierte das Tun. Dabei hatte ich schon damals genug Kraft für das Asana.

Heute bin ich mir sicher, Yoga hilft den aufrechten Gang zu stärken und zu erhalten. Denn ich bin der Meinung, dass unsere Körperhaltung viel über unsere „innere Haltung“ aussagt. Interessant finde ich, dass Yoga genau daran anknüpft:

Mit Yoga lernt man seinen Körper besser kennen. Man entdeckt zum Beispiel Muskeln, die einem bislang noch nie bewusst geworden sind. Oder man entdeckt, dass die Muskeln total verkürzt sind, weil wir sie bislang zwar intensiv aber nur einseitig genutzt haben (Beispiel: die vordere Oberschenkelmuskulatur). Man lernt beim Yoga, wie zum Beispiel eine „einfache“ aufrechte Körperhaltung aussieht. Das heißt man lernt: Worauf muss ich achten, damit ich nicht ins Hohlkreuz falle, wie muss ich meine Schultern halten, dass sich nicht der Nacken verspannt und so weiter.

Dieses Wissen kann ich im Alltag ständig trainieren: im Büro am Schreibtisch, oder auch im Supermarkt in der Warteschlange vor der Kasse. Ja wirklich. Wenn ich in einer Warteschlange stehe übe ich immer mal Tadasana, die Bergstellung.

Nach und nach beginnt der Körper zu verstehen, diese ständigen „Korrekturen“ anzunehmen. Das heißt, für die Knochen, Muskeln, Sehnen und so weiter wird die „aufrechte“ Körperhaltung zur Gewohnheit, zur Normalität. Bewusst oder unbewusst führt das zu Entlastungen, man kann zum Beispiel freier atmen, weil die Brust weiter geöffnet und nicht mehr durch die nach vorn geneigten Schultern eingeengt wird. Auf die Spitze gebracht: Yoga macht den Körper freier.

Ich bin mir sicher, dass das durch Yoga sensibilisierte Verständnis für den eigenen Körper auch die „innere Haltung“ beeinflusst. Sukzessive beginnt Yoga das Selbstvertrauen zu stärken. Das heißt: Yoga hilft auch, innerlich frei zu werden.

Nebenbei: Ein paar Monate nachdem ich begonnen habe Yoga zu üben, habe ich mich auch an das Bloggen gewagt. In der ersten Jahren waren es nur kleinere, „vorsichtige“ Beiträge. Heute werden die Artikel, wie Ihr seht, auch schon mal länger…

Yoga und Demut

Das Selbstvertrauen, das Vertrauen in seine Stärken ist aber nur eine Seite der Medaille. Ich vergleiche Asanas gern mit Yin & Yang. Yin und Yang:

[…] stehen für polar einander entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene Kräfte oder Prinzipien. […]

— de.wikipedia.org: Yin und Yang

Nehmen wir einen Klassiker unter den Yoga-Übungen, den Hund – Adho Mukha Svanasana: während Arme und Oberkörper nach vorn gestreckt, werden Beine und Füße nach hinten gestreckt – entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene Kräfte.

Auch unsere Stärken und Schwächen wirken in entgegengesetzte Richtungen – dennoch sind sie durch uns aufeinander bezogen. Viele Menschen haben mit Zipperleins „zu kämpfen“ – dem einem macht das Knie zu schaffen, dem anderen bereitet die Leiste „Probleme“. Yoga zeigt mir immer wieder auf, auch meine Schwächen zu akzeptieren. Viele Asanas werde ich nicht in Gänze üben können, viele werde ich auch niemals erlernen.

Akzeptieren zu können ist für mich auch ein Schritt in Richtung loslassen können, freier, unvoreingenommener üben zu können. Auch das hat nach meinen Beobachtungen eine Rückkopplung zur Folge: Wenn ich nicht mit Zipperleins kämpfe, sondern lerne sie zu akzeptieren, betrachte ich sie entspannter. Auf diese Weise kann Yoga auch Demut schulen.

[…] Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt.[…]

— de.wikipedia.org: Demut

Warum ich Yoga übe?

Erst als ich erkannte, dass Yoga kein Wettbewerb ist – auch nicht mit mir selbst, erst als ich lernte, die „Zipperleins“ zu akzeptieren, habe ich verstanden, dass Yoga wirklich entspannend ist.

Habe ich anfangs Yoga nur geübt, weil ich Yoga für einen interessanten Sport hielt, beobachte ich heute, wie Yoga nach und nach auch meine innere Haltung – wie ich meine positiv – beeinflusst.


Wer die ersten Sendungen von der Yoga-Saga verpasst hat, in unserer Mediathek könnt Ihr sie noch mal nachlesen: