Trennlinien

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Ein Betreten-Verboten-Schild auf einer
Absperrung

Einige Trennlinien haben ihre Berechtigung, andere nicht…

Trennlinien gibt es reichlich. Der Gartenzaun oder das Ortsschild markieren solche Trennlinien. Die meisten Trennlinien allerdings sind nicht sichtbar. Sie befinden sich in unseren Köpfen. Obwohl – das stimmt so auch nicht. Denn sichtbar können diese Trennlinien schon werden, zum Beispiel durch unser Verhalten.

»Viele Leute denken, wenn man seinem Ehemann widerspricht, geht man zu weit, weil’s da eine Trennlinie gibt. Und man verdient, bestraft zu werden. Glaubst du an so eine Grenze? […] Du weißt, das ich mich um so eine Trennlinie nicht scher.«

»Weil’s die Trennlinie nicht gibt. Außer [im Kopf von deinem Ehemann]. Und Trennlinien zwischen Schwarz und Weiß gibt’s auch nicht wirklich. Die haben nur Leute erfunden, vor langer Zeit. […]«

»Willst du damit sagen, dass es zwischen Dienstmädchen und ihren weißen Ladys auch keine Trennlinien gibt?«

Aibileen schüttelt den Kopf. »Das ist nur der Platz, wo man steht, wie auf einem Damebrett. Wer für wen arbeitet, heißt weiter gar nichts.«

— Aus dem Roman „Gute Geister“ von Kathryn Stockett, Seite 423

Dieser Dialog ist aus dem Roman Gute Geister von Kathryn Stockett. Es ist ein Gespräch zwischen zwei der drei Protagonistinnen des Romans, Minny Jackson und Aibileen Clark. Aufhänger des Gespräches zwischen den beiden Afro-Amerikanerinnen, die beide als Dienstmädchen bei verschiedenen weißen Familien tätig sind, ist das Verhalten von Minnys Arbeitgeberin Celia Foote, von der sie ihrer Freundin Aibileen berichtet. Celia Foote sucht verzweifelt den freundschaftlichen Kontakt zu anderen weißen Damen in der Stadt, die sie aber ausgrenzen – weil sie neu ist, weil sie Hilly Holbrook den Mann ausgespannt haben soll, weil sie nicht bieder ist und sich auch nicht so kleidet. Minny glaubt, dass Miss Celia die Trennlinien nicht sehen würde, zwischen sich und ihr und auch nicht zwischen sich und den weißen Damen in der Stadt, die sie mobben. Die von Minny angesprochene Trennlinie zwischen ihr und ihrem Mann erwähnt sie, weil sie kurz zuvor wieder von ihrem Mann geschlagen wurde…

Ich habe diese Passagen aus den Seiten 422 und 423 des Romans hervorgehoben, weil sie aufzeigen, worum es in dem Buch geht – um die Trennlinien zwischen Menschen gleicher und ungleicher Hautfarbe. Trennlinien, denen es in den allermeisten Fällen an jeder Grundlage fehlt. Trotzdem erzeugen wir sie ständig, oft sogar, ohne uns ihrer bewusst zu werden.

Die dritte Protagonistin des Romans ist Skeeter.

Eugenia “Skeeter” Phelan ist die Tochter einer bekannten und wohlhabenden Familie, die mehrere Baumwollfelder besitzt und auf den Feldern und im Haus mehrere afro-amerikanische Angestellte beschäftigt. Skeeter hat gerade das College beendet und träumt davon, Schriftstellerin zu werden […]

de.wikipedia.org: Gute Geister

Nach ihrem Studium kehrt sie zurück in ihre Heimatstadt Jackson, Mississippi. Erstmalig fällt Skeeter, die selbst liebevoll von einer afro-amerikanischen Hausangestellten aufgezogen wurde, auf, wie ungleich die afro-amerikanischen Hausangestellten behandelt werden. Als Hilly Holbrook, ihre Freundin aus Kindertagen versucht durchzusetzen, dass alle Hausbesitzer aus hygienischen Gründen für ihre afro-amerikanischen Angestellten eine separate Toilette bauen sollten, reift in Skeeter eine Idee.

Skeeter will ein Buch über die afro-amerkanischen Mitmenschen in ihrer Heimatstadt schreiben – und zwar aus deren Sicht. Dazu braucht sie aber deren Unterstützung. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gewinnt sie dazu Aibileen und Minny. Als die beiden erkennen, wie ernst es Skeeter mit ihrem Vorhaben ist, helfen sie ihr, weitere Dienstmädchen zu finden, die sich trauen, einer Weißen ihre Erlebnisse aus ihrem Arbeitsleben zu schildern. Gemeinsam mit Aibileen beginnt Skeeter die Geschichten der Dienstmädchen zu erfassen. Sie beschließen, ihre Namen, die Namen ihrer Interviewpartnerinnen und deren Dienstherrinnen zu ändern. Die Geschichten lassen sie in dem erfundenen Ort Niceville, Missisippi stattfinden. Niemand soll später erkennen, wo in Mississippi sich die Ereignisse zugetragen haben. Ihrem Buch geben die drei den Namen „Gute Geister“.

Aibileen, Minny, Skeeter und ihre Interviewpartnerinnen gehen damit ein hohes Risiko ein. Denn die Trennlinien in den Köpfen der Menschen in Jackson sind groß – Vorurteile, Diskriminierungen, Mobbing sind allgegenwärtig und scheinen schier unüberwindbar. Sollte herauskommen, dass sie hinter dem Buch stecken, könnte das für sie entsetzliche Folgen haben.

Schon während sie an dem Buch schreiben macht sich Skeeter versehentlich verdächtig und bekommt ansatzweise zu spüren, was sie zu erwarten hat, wenn das Buch in Jackson zu kaufen ist, und sie als Autorin identifiziert wird. Skeeter wird gemobbt und von den Treffen ihrer Freundinnen ausgeschlossen. Was wird Stuart, der Sohn des Senators sagen, wenn er von dem Buch erfährt? Wird er sich noch mit ihr verloben wollen?

Ihr Buch wird herausgegeben, nach kurzer Zeit sogar eine zweite Auflage. Bei einer Buchbesprechung im Fernsehen, äußert der Moderator wiederholt die Vermutung: Der Ort der Enthüllungen könnte Jackson sein. Was natürlich zur Folge hat, dass das Buch in Jackson von vielen gelesen wird. Werden sich ArbeitgeberInnen der Dienstmädchen in den Geschichten wiederkennen? Was werden sie tun? Wird das etwas an den Trennlinien in den Köpfen ändern?

Gute Geister von Kathryn Stockett. Lesen!