Sind gestellte Fotomotive authentisch?

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Zwei Bagger stehen am Schiedersee. Dazwischen ein Angler der seine
Angelrute auswirft. Im Hintergrund geht die Sonne
unter.

Och Gottchen, warum bin ich denn in dem E-Mail-Verteiler gelandet? „Models gesucht“, stand in der Betreffzeile. Ich gestehe, ein klitzekleinesbisschen fühlte ich mich geehrt. Und der erste Absatz im Text las sich auch gut an:

[…] planen wir ein Fotoshooting, bei dem wir unsere Sehenswürdigkeiten und unsere Rad- und Wanderwege ablichten möchten. Dafür ist eine Profi-Fotografin engagiert worden, die den ganzen Tag mit uns unterwegs sein wird.[…]

Okay, ein David Beckham aus Lügde, der mit freiem Oberkörper für eine neue Duftkreation wirbt, war zwar nicht gefagt, aber es soll ja immer Stufen geben die nach oben führen. Doch dann das: Gesucht wurden Leute mit dem Profil „60+“. Öhm, ja. Und warum fragt ihr dann mich? [1] Sehe ich schon so aus wie 60+?

Kommen wir aber zum Thema. Jetzt müssen sie schon Leute „einkaufen“ [2] die sie vor die Kilianskirche drapieren, dachte ich und schüttelte mein weises Haupt. Wie authentisch ist das denn?

Apropos Authentizität: Hören wir kurz rein, was uns die freie Enzyklopädie dazu sagt:

[…] Authentizität bezeichnet eine kritische Qualität von Wahrnehmungsinhalten (Gegenständen oder Menschen, Ereignissen oder menschliches Handeln), die den Gegensatz von Schein und Sein als Möglichkeit zu Täuschung und Fälschung voraussetzt. Als authentisch gilt ein solcher Inhalt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden. Die Scheidung des Authentischen vom vermeintlich Echten oder Gefälschten kann als spezifisch menschliche Form der Welt- und Selbsterkenntnis gelten. […]

de.wikipedia.org: Authentizität

Wenn Schein und Sein nicht übereinstimmen, dann ist das also eine Täuschung und Fälschung.

Andererseits, grübelte ich weiter, was willst du heute auch anderes machen? Denn das Recht am eigenen Bild gibt es ja zu Recht. Wobei im konkreten Fall vielleicht eine Ausnahmeregelung zum Tragen kommen könnte.

Ohne die nach § 22 erforderliche Einwilligung dürfen verbreitet und zur Schau gestellt werden: […] 2. Bilder, auf denen die Personen nur als Beiwerk neben einer Landschaft oder sonstigen Örtlichkeit erscheinen;[…]

— www.gesetze-im-internet.de: Gesetz betreffend das Urheberrecht an Werken der bildenden Künste und der Photographie (KunstUrhG) § 23

Willst du aber sicher sein, solltest du mit den abgelichteten Models einen Vertrag haben, in dem sie dir ausdrücklich gestatten, die Fotos für die von dir gewünschten Zwecke zu verwenden.

Ist schon komisch, wie das Recht am eigenen Bild uns einschränkt authentische Fotos zu veröffentlichen. Na gut, nehmen wir halt gestellte Fotos, und keine echten Momentaufnahmen. Trotzdem, gestellte Fotomotive finde ich nicht authentisch.

Okay, darüber kann man sich sicher streiten. Man könnte zum Beispiel argumentieren, dass die Models nur schmückendes Beiwerk sind, um dem eigentlichen Motiv Leben einzuhauchen. Das herauszustellende Motiv, die Sehenswürdigkeit, der pittoreske Wegabschnitt wird ja nicht verändert. Obwohl – das soll ja auch vorkommen: Werben mit Fotos – aber bitte nicht so…

[1] Zugegeben, ich habe jetzt auch getäuscht. Der Tenor der E-Mail war eine Frage: Kennt ihr Leute (60+), die Zeit und Lust hätten? Das war aber erst ziemlich weit unten im Text zu lesen.

[2] Von wegen einkaufen: „Eine Gage können wir leider nicht zahlen, aber alle Teilnehmer bekommen die eigenen Fotos danach zur Verfügung gestellt“, hieß es in der E-Mail. Och nö, da back ich mir doch lieber ein Selfie.