Ruhe sanft

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Eine steinerne
Engelsstatue

Nur um die Spannung von Anfang an rauszunehmen: In diesem Artikel beschäftige ich mich mit den Themen Grabbepflanzung und Grabgestaltung. Wobei ich hauptsächlich auf die Grabbepflanzung eingehen werde.

Ich habe zwei Gräber zu pflegen. Vor zwei Tagen hatten die beiden mal wieder ein Frisörtermin – mit mir als Coiffeur. Die Büsche, Sträucher und Bodendecker benötigten einen frischen Formschnitt. Und derweil ich dort rumschnibbelte, bin ich so oft vom Pflegepersonal anderer Gräber angesprochen worden, dass ich mich entschlossen habe, meine Antworten ins Netz zu stellen.

Die Überschrift „Ruhe sanft“ ist zugleich das Motto. Auf vielen Grabsteinen, besonders den älteren, ist dieser Wunsch für die Verstorbenen zu lesen: Ruhe sanft.

Es sind die uralten, nicht mehr so intensiv gepflegten Gräber, die diese Ruhe widerspiegeln. Verwitterte, moosbedeckte, krumme Grabdenkmäler, Grabflächen mit Efeu, Farnen und alten, immergrünen, bizarr verwachsenen Pflanzen – hier zeigt die wahre Natur ihr ungeschminktes Gesicht. Darum sind diese Ruhestätten auch meine Favoriten.

— …schrieb ich vor fünf Jahren in dem Artikel Neulich auf dem Friedhof

Womit wir gleich beim ersten Punkt wären: Die Farben der Blüten. Antwort: Weiß. Eigentlich ist Weiß keine Blütenfarbe, die ich besonders mag. Aber auf den Gräbern finde ich sie angebracht, weil sie sehr zurückhaltend, unaufdringlich ist. Die verschiedenen Grüntöne der Blätter, Nadeln und so weiter, können trotzdem sehr schöne Akzente setzen. Knallige und sehr unterschiedliche Blütenfarben auf Gräbern strahlen für mich keine Ruhe aus.

Nebenbei: Ich finde, es wird überhaupt viel zu oft der Fokus auf die Blüten und Blütenfarbe von Pflanzen gelegt. Dabei ist es eine grandiose Pracht, mit wie vielen Grüntönen die Natur aufwarten kann. Gleiches gilt natürlich für die Formen der Blätter, den Wuchs der Pflanzen und so weiter.

Ein relativ anspruchsloser und widerstandsfähiger Bodendecker ist zum Beispiel das Dickmännchen (Pachysandra terminalis). Die Pflanze hat weiße, aber recht unauffällige Blüten und kann durchaus bis zu 30 Zentimeter hoch wachsen. Das Dickmännchen eignet sich besonders, wenn sich Gräber unter oder in der Nähe von großen Bäumen befinden. Mit dem herabfallenden Laub „füttere“ ich die Pflanzen. Ein paar mal mit der Hand über das immergrün der Pflanze gewedelt, und schon versinkt das herabgefallene Laub im Dickicht des Bodendeckers. Ein ehemaliger Kollege von mir hat solchen Pflanzen daher den Namen „Blattfresser“ gegeben.

Das Dickmännchen lässt sich auch gut in Form schneiden. Mit einer einfachen Rasenkantenschere beschneide ich die Pflanzen an den Grabrändern rundlich ab, sodass der Bodendecker wie ein Kissen, ein Oberbett wirkt. Auf einem Grab habe ich zum Beispiel weiß blühende Azaleen stehen. Die Azaleen wachsen höher als der Pachysandra. Aber ich schneide den Pachysandra so an, dass er sich gleichsam einer weichen Welle an die Azaleen schmiegt.

Überhaupt habe ich es nicht mit Ecken und Kanten. Ich pflanze und schneide alles in rundlichen Formen. Damit lassen sich wunderbar fließende Übergänge zu andere Pflanzen schaffen – wie sanfte Wellen die rundliche Steine am Ufer umfließen.

Um diese Wirkung zu erzeugen, kann man mit unterschiedlich hoch wachsenden Pflanzen arbeiten. Oder aber, man arbeitete von vornherein nicht mit ebenen Flächen, sondern häuft – je nach Größe der Grabfläche – ein, zwei oder drei unterschiedlich hohe „Berge“ mit Erdreich an und bepflanzt diese.

Weitere, recht einfach zu handhabende Bodendecker: Der Klassiker ist wohl Cotoneaster dammeri ‘Frieders Evergreen’, blüht weiß, bekommt später rote Beeren, wächst relativ flach. Auch häufig zu sehen ist Waldsteinia, ein sehr wuchsfreudiger, gelb blühender (jedoch nicht unbedingt üppig) Bodendecker.

Auch das Zwerg-Efeu Spetchley (Hedera helix Spetchley) oder Euonymus fortunei Minimus sind Pflanzen, die sich als Bodendecker eignen und gut als das „Wasser“ im Beet in Form bringen lassen. Übrigens, auch der Euonymus Minimus wächst gern mal aufrecht an einem Baumstamm empor. Doch Mr. Spetchley wie Mr. Minimus lassen sich für das Wachsen sehr viel Zeit.

Als Bodendecker für die Grabbepflanzung eignen sich auch diverse Sedumpflanzen. Was ich auf Gräbern eher selten gesehen habe, aber durchaus schön zu arrangieren ist, ist Fiederpolster. Fiederpolster ist ein bezaubernder „Wasserersatz“ zum „Umspülen“ der übrigen Pflanzen.

Grundsätzlich gilt für die Pflanzen auf den Gräbern dasselbe wie für die Gartenbepflanzung. Man muss schauen, wie der Boden beschaffen ist und wie das Umfeld aussieht – liegen die Gräber mehr in der Sonne oder im Schatten, sind sie windgeschützt oder eher weniger und so weiter.

Eine Bekannte zeigte mir auf dem vor ihr zu pflegenden Grab eine Fläche von 40 mal 40 Zentimeter auf dem Mr. Spetchley meckerte. Sie wollte ihn schon entfernen, weil auch der Dünger den sie an der Stelle gestreut hat, nichts gebraucht habe. »Dünger wird ihm nicht viel helfen. Das Efeu hat an der Stelle einfach zuwenig Bodenkontakt und hier scheint sehr viel die Sonne. Packen sie Erde, eine Mischung aus Mutterboden, Pflanzerde und vielleicht noch eine Brise Sand darunter, die erste Zeit feucht halten, und dann wird alles wieder gut«, erklärte ich ihr.

Das soll nicht besserwisserisch klingen. Ich werde halt oft gefragt und ich gebe weiter, was ich in der Situation tun würde.

Eine andere Bekannte zeigte mir Teppich-Phlox, der ein bisschen vertrocknet aussah. »Ich habe ihn gegossen, aber er sieht trotzdem nicht besser aus. Ich überlege ihn rauszureißen. Doch er hat so schöne Blüten gehabt.« »Darf ich?«, fragte ich sie und zückte meine Rasenkantenschere. Sie nickte. Also schnitt ich den beiden „Kunden“ die trockenen Triebe flächig und großzügig ab und brachte die Pflanzen dabei noch ein wenig in Form. »Wenn du sicher gehen willst, schieb den Pflanzen noch ein etwas Erde (auch dem Teppich-Phlox fehlte es an Bodenkontakt) und einen Hauch Dünger unter, gießen und Zuppeldidupp, bald wird der Phlox wieder grüner und nächstes Jahr bestimmt auch wieder blühen.« »Du schneidest so selbstverständlich und leichthin daran rum. Ich hätte mir das nicht zugetraut. Woher weißt du das alles?«

Eigentlich habe ich keine Ahnung. Ich mag die Natur, die Pflanzen und „spiele“ mit ihnen. Mittels trial and error habe ich einen winzigen Einblick in die Pflanzenwelt bekommen. Doch es gibt so viele Faktoren die eine Rolle spielen, und viele können wir gar nicht wahrnehmen. Wurzeln können von Pilzen oder dergleichen befallen, oder von Käfern oder Wühlmäusen angeknabbert sein und so weiter. Auch bei bester Pflege können Pflanzen eingehen. Das ist Natur. Mit der Natur zu arbeiten heißt unendlich viel Geduld und viel Respekt zu haben.

Apropos Respekt. Wenn es um das Zurückschneiden von Pflanzen geht, haben viele Leute zu viel Sorge. Viele Pflanzen „lieben“ es geradezu, hin und wieder beschnitten zu werden. Erst dadurch wachsen sie dicht und üppig. Und ja, auch ich habe schon Pflanzen kaputt geschnitten, also sie so oft und so mutig beschnitten, dass es ihnen nicht bekommen ist. Wobei ich das nicht einfach als Error in meinem Versuchslabor abtue. Natürlich trauere ich dann um die Pflanze und ärgere mich über mich. Aber wer kann schon immer gut sein?

»Wann schneidet man zum Beispiel Buchsbaum zurück?«, ist auch so eine Frage, die mir neulich von mindestens drei Leuten gestellt worden ist. Ich muss dann immer Schmunzeln. Manchmal habe ich den Eindruck, als wäre Buchsbaum die einzige Pflanze. Auch zum Buchsbaumschnitt gibt es im Netz reichlich Infos – hier zum Beispiel. Das beschneiden von Bäumen und Sträuchern zum richtigen Zeitpunkt ist ein Thema, für das allein man ein riesiges Blog betanken könnte. Aber dazu reichen meine Erfahrungen bei weitem nicht.

Noch ein Wort zu den Saisonbepflanzungen. Kaum hat sich der Schnee zurückgezogen, beginnen viele Leute die Gräber mit zum Beispiel Stiefmütterchen zu bestücken, und wundern sich, wenn das Wild, die Rehe darüber herfallen. Das ist so, als würde dir jemand nach Monaten des Fastens eine Schachtel mit feinsten Pralinen vor die Nase setzen, gebe ich den Leuten oft zu bedenken. Kannst du dir dann verkneifen zuzugreifen?

Ich würde die Grabflächen immer so gestalten, dass ich nur eine recht kleine Fläche für die „Saisonbepflanzung“ offen lasse – 60 bis 70 Prozent der Grabfläche sollte Dauerbepflanzung sein. So ein Grab ist zum einen meistens leichter zu pflegen, und zum anderen entspricht es mehr dem Motto „Ruhe sanft“. Aus eben den Gründen gibt es bei mir eigentlich nur eine Saison, die Sommerzeit, in der ich auf die „Freiflächen“ Pflanzen setze – zum Beispiel die Japanische Schein-Myrte (Falsches Heidekraut), auch die gibt es weißblühend.

»Ich muss unbedingt den Grabstein reinigen, der ist schon an einigen Stellen grünlich.« »Warum?«, fragte ich die Dame, und erzählte ihr von der vorwiegend auf älteren Grabsteinen zu findenden Inschrift „Ruhe sanft“. Warum geben wir den Gräbern nicht die Ruhe, die wir den Verstorbenen wünschen? Muss die deutsche Reinlichkeit selbst bei Grabsteinen sein? Dürfen selbst Grabsteine nicht mal mehr die Zeit, die Folgen des Alterns zeigen? Wie ich eingangs schon verklärt habe, mag ich besonders die verwitterten Steine, an denen sich zum Beispiel Moos gebildet hat, an denen das Efeu sich einen Weg suchen darf – das strahlt in meinen Augen Ruhe aus.

Ups, ich merke gerade, der Text ist schon ziemlich lang geworden. Dabei bin ich noch nicht mal durch mit dem Thema. Aber wozu habe ich ein Blog? Also: Später vielleicht mehr.