OMG, ich bin alt!

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Eine alte, mechanische
Schreibmaschine

Obwohl nicht zu überhören, abhörsicher – und nebenbei noch energiesparend.

»Und wohin soll der Durchgang?« Erst glaubte ich, ich hätte mich verhört. Dann sah ich auf die Durchschrift der Rechnung, die er in den Händen hielt. »Da steht Durchschlag, nicht Durchgang.« Aber das muss man verstehen, der neue Kollege ist gerade mal 20 Lenzen jung. Er wusste mit dem in großen Buchstaben abgedruckten Begriff „Durchschlag“ über dem Begriff „Rechnung“ einfach nichts anzufangen. Und ich ahnte schon, wohin mich meine nächste Frage führen würde. Doch zunächst erklärte ich ihm, was es mit der Rechnungskopie auf sich hatte.

Dann aber fragte ich: »Können Sie sich vorstellen, warum so eine Zweitschrift auch Durchschlag genannt wird?« »Nein«, antwortete er nach kurzem Zögern. Also machten wir einen kurzen Ausflug in die Geschichte der Büromaschinen. Ich erklärte ihm, wie wir das Anno Dazumal gemacht haben – mit den mechanischen Schreibmaschinen, dem Kohlepapier und dem Durchschlagpapier. Denn Kopierer und Drucker gab´s noch nicht für´s Sachverarbeiter-Fußvolk.

»Das Durchschlagpapier war meistens dünner, damit man mehrere Durchschläge machen konnte – so dünn wie Butterbrotpapier etwa«, schilderte ich ihm. Auf seinem Gesicht erschien ein weiteres Fragezeichen. »Sie kennen kein Butterbrotpapier?« Er kannte es nicht. (Vermutlich Kunstoff-Brotdosen-Zeitalter konstatierte ich.)

»Also hat der Begriff Durchschlagpapier tatsächlich etwas mit durchschlagendem Erfolg zu tun«, hielt ich als Zwischenergebnis fest, »Denn es galt, die Typenhebel dazu zu bewegen, möglichst kräftig gegen das vordere Papier zu donnern, damit auf dem hintersten Durchschlagpapier noch etwas zu lesen war.« »Ach so«, meinte er. So wie er das sagte, klang es wie ein „so, so“, was mich aber nicht ausbremste. »Von wegen Fingerspitzengefühl, dafür brauchte man noch Kraft in den Fingern«, ergänzte ich stolz (wie ein Opa). Mein neuer Kollege grinste nur.

»Gut, das war der theoretische Teil«, schloss ich das ersten Kapitel, und kündigte sogleich das zweite an: »Kommen wir zur Praxis!« Wider Erwarten fand ich noch Kohlepapier, und begab mich mit dem jungen Mann in unser Archiv, indem auch allerlei geschichtsträchtiges, mechanisches Gerät verstaubt.

Ich war erstaunt. Vor wie vielen Jahren hast du zuletzt eine mechanische Schreibmaschine bedient?, fragte ich mich. Dennoch hantierte ich mit dem Gerät, als hätte ich es eben erst noch benutzt. Das typische Klingeln, wenn der Wagen am Zeilenende angekommen ist, versetzte mich in Verzückung. »Dieses Klappern und Klingeln war damals das allgegenwärtige Geräusch hier auf den Fluren«, schilderte ich, derweil ich mich ermahnen musste, nicht weiter in der Vergangenheit zu schwelgen.

»Na, begeistert?« »Interessant.«, meinte er diplomatisch, »Und was ist, wenn man sich vertippt?« »Ha! Auch dafür gab es eine Lösung. Tipp-Ex. Das am häufigsten benötigte Büromaterial seinerzeit.« In einem gut sortiertem Verwaltungshaus gibt es selbstverständlich auch noch Tipp-Ex-Streifen und Tipp-Ex-Fläschchen. Ich zeigte ihm, wie das verwendet wurde.

»Tja, so haben wir damals die Briefe geschrieben«, beendete ich die Vorstellung. »Interessant«, sagte er abermals. Dabei hatte er ein Grinsen im Gesicht, als hätte ich ihm von einer Dampfmaschine als neueste Errungenschaft überzeugen wollen. Dummerweise habe ich mich wieder nicht davon beeindrucken lassen…

»Ach ja, und wir hatten früher riesige Diktiermaschinen mit Magnetscheiben als Speicher. Die Platten sahen so aus wie LP´s«. Wieder ein Fragezeichen in seinem Gesicht. »Na, wie große Schallplatten eben«, ergänzte ich schnell, »Ihre Eltern haben doch bestimmt noch ein paar, oder?« »Nicht das ich wüsste.« – Das war´s. Mehrmals habe ich ignoriert, was mir seine Reaktionen aufzeigten: »Oh mein Gott, ich bin alt – steinalt!«. Hätte ich ein Kissen gehabt, ich hätte hineingeheult. Er sagte nichts, und war offensichtlich bemüht, ein möglichst neutralen Gesichtsausdruck anzunehmen.

Ich unterließ es ihm zu offenbaren, dass ich sogar noch Lochkartenleser in Aktion gesehen, und dass ich mich damals über solche wuchtigen Geräte wie die Adrema amüsiert habe.

Tut mir einen Gefallen, erzählt das bitte nicht weiter.

Ergänzt am 21.9.2014: Passend zum Thema, obwohl schon eine Generation weiter als die mechanischen Schreibmaschinen: Bye, bye, Disketten-Icon: Sollte das “Speichern unter”-Symbol ersetzt werden?, basicthinking.de (achtet mal auf das Cartoon in der Textmitte).