Lügde und die Energiewende

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Stromleitungen über
Sabbenhausen

»Mensch, bei euch in Lügde ist ja richtig was los!« »Was meinst du jetzt? Die Kommunalwahl?« Er lacht kurz. »Nein, eure Beiträge zur Energiewende. Erst das Pumpspeicherwerk und jetzt noch die SuedLink-Stromtrasse.« »Da kannst du mal sehen, wir Lügder sind immer mittendrin.« »Aber die Stromtrasse wollt ihr nicht.« »Nö, nicht hier.« »Aber irgendwoher müssen sie die Stromtrasse doch bauen. Und es wird immer Leute geben die…«

»Bist du sicher, dass wir die Stromtrassen brauchen?«, unterbreche ich ihn. »Wie jetzt? Glaubst du es gibt andere Lösungen?« »Ich glaube mittlerweile eher an Reiki als den Aussagen von Managern von Stromkonzernen oder Politikern«, gebe ich ihm grinsend zur Antwort, und ergänze: »Ich bezweifle, ob diese Stromtrassen wirklich so sein müssen. Ich befürchte, hier arbeiten sich wieder viele Leute gegenseitig in die Taschen.« »Tja, da sind wir wieder bei dem Punkt: Wer schlecht und wenig transparent informiert, muss sich nicht über die Zweifler wundern.«

»Und aus den Zweiflern werden schnell Gegner. Wie hier in Lügde. Ich glaube, es gibt hier niemanden, der für die Stromtrasse ist.« »Na komm, das ist ja auch logisch. Ihr habt ja auch nix davon, nur riesige Strommasten in der Landschaft.« »Und wir werden verstrahlt.« »Was? Verstrahlt?« »Ja, das behaupten hier einige. Ich habe keine Ahnung ob das stimmt.« »Hey, dann solltest du Alu-Helme verkaufen! Ratzfatz wärest du reich.« »Sag das nicht so laut. Die sind hier alle ziemlich sensibel was das Thema SuedLink angeht. Und das kann ich gut verstehen. Übrigens, hier hat´s sogar schon Demos gegen die Stromtrasse gegeben.«

»Interessant. Hat es in Lügde auch mal Demos gegen Atomkraftwerke gegeben? Ich meine, das Kernkraftwerk Grohnde steht doch direkt vor eurer Haustür. Und spätestens seit Fukushima weiß ja alle Welt, Atomkraftwerke können mitunter auch strahlen.« »Das ist in Japan und das Kernkraftwerk Grohnde liegt hinter´m Berg. Das können wir von Lügde nicht sehen, nur die Wolken aus dem Abluftkamin.« Wieder lacht er. »Und darum interessiert euch das nicht?« »Es scheint fast so, ja.« »Aber du bist doch ein Gegner von Kernkraftwerk…« »Klar, und es wird in Lügde sicher noch einige andere Gegner geben.«

»Ihr seid mir ja ein Völkchen.« Er grübelt kurz und fügt hinzu: »Soll Grohnde nicht ziemlich spät erst vom Netz gehen?« »Am 31. Dezember 2021. Aber ich habe gelesen, die schrauben gerade daran. Sie haben ein paar herrenlose Schräubchen in einem sensiblen Bereich gefunden, wo sie nicht hingehören.« »Stimmt, davon habe ich auch gelesen. Fefe würde dazu wieder schreiben: ‚Aus der beliebten Reihe “bei UNS ist die Kernkraft SICHER”‘.« »Und dann ironisch ergänzen: ‚Ich bin mir sicher, dass keine Gefahr für Anwohner und Mitarbeiter besteht.‘ Du wirst lachen, genau das habe ich in der Zeitung gelesen: Es gäbe ‚keinen Grund zur Besorgnis.‘«

»Aber euer Pumpspeicherwerk Lippe, das strahlt nicht.« »Nö, noch nicht.« »Und da rührt sich im Moment nichts?« »Keine Ahnung, was dort hinter den Türen gerade ausgekungelt wird. Eine gute Gelegenheit ist das ja jetzt, wo sich hier alles auf den SuedLink konzentriert.« »Also ist das Pumpspeicherwerk zurzeit kein Thema.« »Kaum. Obwohl ich das sehr merkwürdig finde.«

»Dann bist du gegen das Pumpspeicherwerk, gegen die Stromtrasse SuedLink, und gegen das Kernkraftwerk Grohnde sowieso.« »Und jetzt fragst du mich noch, womit ich meine Haare föhne, richtig?« »Tss, du brauchst doch keinen Föhn mehr.« »Tja, das ist mein Beitrag zur Energiewende.« »Toll! Aber mal ehrlich, wie stellst du dir denn das vor, woher soll sie kommen, die Energie für deine Waschmaschine?«

»Wir wissen nicht erst seit Fukushima, wie gefährlich Kernkraftwerke sind, sondern schon seit Tschernobyl. Und die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl war am 26. April 1986, vor fast 30 Jahren! Und was haben wir seit dem gemacht? Ich behaupte, dass seit dem viel zu wenig Forschungsgelder in die Suche nach alternativen Energien investiert worden sind. Oder noch deutlicher ausgedrückt: Wir rennen nach wie vor sehenden Auges auf den Supergau zu…«

»Halt mal! Stopp! Das ist keine Antwort auf meine Frage. Die Fehler der Vergangenheit können wir nicht korrigieren. Also: Wie soll jetzt und in Zukunft das Energieproblem gelöst werden?« »Jeder Einzelne, jeder Haushalt, jeder Verein, jede Stadt kann zur Energiewende beitragen. Das muss man sich immer wieder bewusst machen – und entsprechend handeln.« »Sehr schön! Das sehe ich auch so. Haben sich eure Politiker denn mal konkret mit der Frage beschäftigt: Welchen Beitrag will Lügde für die Energiewende leisten?«


Auch dieser Dialog hat so nie stattgefunden. Er ist eine Collage mit Auszügen aus Gesprächen, die ich zu dem Thema „Energiewende in Lügde“ bislang geführt habe. Das Thema gibt es – so auf den Punkt gebracht – in Lügde nicht. Das Pumpspeicherwerk, der SuedLink, das Kernkraftwerk Grohnde – diese Punkte werden zumeist getrennt voneinander betrachtet. Doch sie gehören zusammen. Es geht um Energie, um Strom – und den brauchen wir nicht nur in Lügde. Wir müssen also immer auch über den Tellerrand hinausgucken. Dennoch können wir in Lügde Akzente setzen.